Filmvorstellung Heißt es der Tanz, die Tanz oder das Tanz?

Von Andrea Jenewein 

Cana Yilmaz hat einen Schwarz-Weiß-Film über Flüchtlinge in Stuttgart gedreht, er ist halb Dokumentation, halb Spielfilm. Mit einem poetischen Blick für die kleinen Dinge stellt die Regisseurin den Alltag der Menschen in der Notunterkunft dar.

Das Mädchen mit den großen Augen: Die achtjährige Syrerin Hala spielt die Hauptrolle im Film „Still breathing“, in dem auch ihre Fluchterfahrung thematisiert wird. Foto: Cana Yilmaz
Das Mädchen mit den großen Augen: Die achtjährige Syrerin Hala spielt die Hauptrolle im Film „Still breathing“, in dem auch ihre Fluchterfahrung thematisiert wird. Foto: Cana Yilmaz

Stuttgart - Diese Augen. Dunkel sind sie. Und groß. Groß vor allem. Sie blicken in die Ferne. Bis eine Stimme die Stille zerschneidet und das Mädchen aufweckt. Aus ihren Träumen. Oder Albträumen. Es ist die Stimme der Lehrerin. Hala verdreht die Augen und plötzlich, so scheint es, gesellt sich zu den großen Augen auch ein Mund, mit dem sie widerwillig Worte formt: „Die Handschuhe, das Hemd, die Mütze.“

Schnitt. In einer der nächsten Szenen kommt das achtjährige syrische Mädchen von der Schule in ihr Zuhause, das zu dieser Zeit eine Flüchtlingsunterkunft in Hedelfingen ist. Dort ist Hala – im echten Leben – auch auf eine Frau getroffen, die ebenso dunkle Augen hat wie sie selbst: Cana Yilmaz. Diese hatte in der Notunterkunft eigentlich nur mit anpacken wollen: Zur Hochzeit der Flüchtlingskrise hatte sie sich entschieden, ein halbes Jahr im Sozialdienst zu arbeiten. Die Motivation für ihr Engagement ist zum Teil auch in ihrer eigenen Geschichte zu finden: „Migration und Identität sind Themen, die mich auch persönlich bewegen, da ich türkische Wurzeln habe“, sagt Yilmaz, die im Juli von Stuttgart in die USA gezogen ist.

Einen Film machen, um mit den Mitteln der Kunst eine Öffentlichkeit zu schaffen

Zunächst war ihr Job ein sehr bürokratischer: Sie half Anträge auszufüllen und stellte den Kontakt zur Ausländerbehörde her. Auf diese Weise lernte sie viele Schicksale kennen: Der jungen Frau wurden viele Geschichten erzählt, „allein schon, weil man in einer Turnhalle eng beisammen ist“.

Diese Geschichten trafen bei Yilmaz nicht nur auf ein offenes Ohr, sondern auf ein Auge, das die Geschichten sofort in szenische Bilder übersetzte – schließlich hat sie den geschulten Blick einer Fotografin, die zudem Drehbuchautorin und Regisseurin ist. Und so entstand die Idee, einen Film zu machen.

Die Geschichte wird aus der Sicht des syrischen Mädchens erzählt

Gedreht wurde „Still breathing“ vor allem in der Notunterkunft in Hedelfingen, Darsteller waren Flüchtlinge. Yilmaz entschied sich für einen Schwarz-Weiß-Film, der halb Dokumentation, halb Spielfilm sein sollte. Das Filmteam kam aus Stuttgart, Sven Schnell hat die Produktion übernommen. Die Nutzungsrechte hat sie der Abteilung für Integrationspolitik der Stadt Stuttgart überlassen, der Film soll in Schulklassen und bei Bürgerdialogen gezeigt werden.

Mit viel Einfühlungsvermögen und einem poetischen Blick für die kleinen Dinge stellt Yilmaz den Alltag der Flüchtlinge in der Notunterkunft dar: Die Bilder und Menschen sprechen für sich. Die Geschichte selbst wird aus der Sicht des syrischen Mädchens erzählt: Für sie sei es von Anfang an klar gewesen, das Hala die Hauptrolle spielen sollte, sagt Yilmaz. Das Mädchen mit den großen dunklen Augen, dessen Trauma, das von Krieg, Verlust und Angst handelt, in einer Traumsequenz gezeigt wird.

Schnitt. Ein Tisch in der Unterkunft. Menschen sitzen beim Essen. Hala kommt dazu, verweigert aber zunächst das Essen. Ein Mann steht auf, reißt ein Stück Brot ab, tunkt es in eine Flüssigkeit und schiebt es Hala in den Mund. Sie kaut und schluckt. „Seht, sie isst“, sagt jemand – und alle fangen an zu singen, mit einer herzzerreisenden Fröhlichkeit. Es ist diese subjektive Perspektive des Mädchens Hala und der anderen Bewohner, die beim Betrachter eine Empathie mit den Geflüchteten aufkommen lässt.

„Heißt es der Tanz, die Tanz oder das Tanz“

Schnitt. Eine Bühne. Hala soll tanzen. Angst steht in ihren Augen. „Heißt es der Tanz, die Tanz oder das Tanz“, fragt sie. Die Antwort: „Das ist egal. Sei du selbst. Tanz. Es wird wundervoll sein.“ Und Hala tanzt.

„Still breathing“ wird an diesem Freitag um 18 Uhr im Theaterhaus, Siemensstraße 11, und am 9. Oktober um 18 Uhr im Stadtpalais, Konrad-Adenauer-Straße 2, gezeigt. Im Anschluss gibt es je eine Diskussion, Cana Yilmaz wird anwesend sein.



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