Firmen in der Region Stuttgart Bei Gewerbeflächen herrscht Alarmstufe Rot

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Die Wirtschaft brummt – doch für die Ansiedlung und Erweiterung von Firmen fehlen die Reserven in der Region Stuttgart. Die Politik will nun gegensteuern.

Erfolgreicher Protest: Beim Holzweiler Hof  in Großbottwar im Kreis Ludwigsburg ist kein Platz für Gewerbe und Industrie. Foto: Kuhnle
Erfolgreicher Protest: Beim Holzweiler Hof in Großbottwar im Kreis Ludwigsburg ist kein Platz für Gewerbe und Industrie. Foto: Kuhnle

München/Stuttgart - Walter Rogg, der Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Region Stuttgart (WRS), ist dieser Tage mit einem „mulmigen Gefühl“ nach München zur Expo Real gefahren. Auf Europas größter Messe für Immobilien und Investitionen gilt es, die Region Stuttgart als attraktiven Standort zu vermarkten im nationalen wie internationalen Wettbewerb um Arbeitsplätze und Unternehmen. Doch wehe, wenn das Werben auf Gegenliebe stößt: „An freien Flächen haben wir im Moment wenig zu bieten“, befindet Rogg. Noch deutlicher formuliert es der WRS-Aufsichtsratschef und CDU-Regionalrat Wolfgang Häfele: „In einem halben Jahr sind wir ganz ausverkauft.“

Interesse aus Amerika und Asien

Zum Vergleich: Im Jahr 2000 belief sich im Ballungsraum am Neckar die Reserve an sofort verfügbaren Gewerbe- und Industrieflächen auf 650 Hektar, was laut Rogg einem Vorrat von vier oder fünf Jahren entsprach. Nach aktuellen Erhebungen der Wirtschaftsregion beträgt der Vorrat inzwischen aber nur noch 93 Hektar, was für Rogg ein „absolutes Alarmzeichen“ darstellt, denn das magere Angebot trifft auf einen Markt, der angesichts der anhaltend guten Konjunktur regelrecht brummt. Allein im ersten Halbjahr 2016 sei die Nachfrage nach Gewerbeimmobilien bei der WRS im Vorjahresvergleich um erneut rund zehn Prozent gestiegen, wobei sich der Anteil der internationalen Interessenten deutlich erhöht habe. Bereits jede dritte Anfrage komme momentan – anders als früher – aus dem Ausland. „Dies zeigt, dass unser Standort mittlerweile auch international ist. Technologiethemen wie Elektromobilität, Digitalisierung des Fahrens und Industrie 4.0 erzeugen eine Sogwirkung bei Ansiedelungsinteressenten“, sagt Rogg – und zwar weltweit. Vor allem Unternehmen aus Amerika und Asien drängen verstärkt in die Region Stuttgart. „Jede zweite Anfrage stammt aus diesen Räumen“, heißt es bei der WRS.

Mittelfristig besteht Schätzungen zufolge ein Flächenbedarf von 300 bis 400 Hektar. Die Dynamik führt bei knappem Vorrat dazu, dass es für neue Firmen immer schwieriger wird, in der Region einen Bauplatz zu finden, und es angestammten Betrieben an Erweiterungsmöglichkeiten fehlt. „Wir müssen aufpassen“, urteilt der WRS-Chef, „dass wir nicht Opfer des eigenen Erfolgs werden.“

Im eben vorgelegten Gewerbeimmobilienmarktbericht der Wirtschaftsregion wird deutlich, dass sich dies in steigenden Miet- und Kaufpreisen niederschlägt – aber wohl nicht nur. Markus Knab, bei Ellwanger & Geiger Real Estate Leiter des Geschäftsbereichs Industrie- und Logistikflächen, weiß, dass manches Unternehmen „die Fühler bereits nach außerhalb der Region“ ausstreckt. Vor allem im Logistikbereich konstatiert der Experte zunehmenden Bedarf, nachdem – nur ein Beispiel – im Zeitalter des E-Commerce die Waren in immer kürzerer Frist an die Kunden ausgeliefert werden müssen: Bücher, Kleider, Elektronikgeräte, Möbel, Nahrungsmittel. Die WRS und der Verband Region Stuttgart versuchen seit geraumer Zeit schon, den Mangel an Gewerbeflächen zu lindern. Dabei machten sie allerdings auch die Erfahrung, wie schwer entsprechende Pläne umzusetzen sind. Wie vielfach berichtet, sind nach langen Debatten im Kreis Ludwigsburg im Frühsommer vier Logistik-Schwerpunkte übrig geblieben. Manch geeignete Parzelle musste nach dem Veto des örtlichen Gemeinderats oder des Landrats aussortiert werden. Die Sorge vor Verkehr und Lärm treibt die Bürger und damit die örtlichen Entscheidungsträger um.

Kreise und Kommunen legen Veto ein

Das zeigt nach Ansicht von Regionalrat Häfele, im Brotberuf für Zentraleuropa verantwortlicher Geschäftsführer des britischen Mitie-Konzerns, „dass wir dem Verband unter Umständen Instrumente an die Hand geben müssen, um die regionalen Interessen besser durchzusetzen“. Ein Gedanke, den am Mittwoch im regionalen Wirtschaftsausschuss auch andere anklingen ließen. Die Brachen, die verfügbar wären, gehörten meist nicht den Kommunen, sagte indes der Waiblinger OB Andreas Hesky (Freie Wähler). Dennoch fände er es falsch, das Signal zu geben, dass man in Eigentumsrechte eingreifen wolle.

So weit ist es denn auch noch längst nicht. Jetzt geht es laut Matthias Lutz, dem Leiter Standortmanagement der WRS, um eine Bestandsaufnahme aller 45 Gewerbeschwerpunkte in der Region und eine Analyse der Nachfrage. Diese Expertise soll dann aber durchaus die Grundlage sein für gegebenenfalls weitreichendere Entscheidungen. „Wichtig ist, dass alle Verantwortlichen in der Region und den Kommunen sensibilisiert sind für dieses Zukunftsthema“, sagt Walter Rogg. Die Regionalräte wollten sich am Mittwoch aber nicht mit Befunden begnügen, sondern auch Handlungsvorschläge haben. Daher sagte Rogg zu, zwischen Ende März und den Sommerferien 2017 Habhafteres vorzulegen.

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