Slika hatte mehrfach Glück – bei der Flucht und beim Aufenthaltstitel
Naaim Slika bittet ins Wohnzimmer in der Wohnung in einem kleinen Plattenbau im Esslinger Stadtteil Mettingen, und erzählt von seiner Flucht über die Türkei, das Mittelmeer, den Weg über die ungarische Grenze. Er hat Glück gehabt, dass die Grenzen immer wieder ein Stück weit offenstanden und dass in Deutschland in jenem Herbst 2015 die Asylanträge von aus Syrien Geflüchteten Priorität hatten. Schon zum Jahresende erhielt er seinen Aufenthaltstitel, ein Jahr später zogen seine Frau und die drei Söhne nach, der jüngste wurde zu Beginn des Bürgerkriegs 2011 in Syrien geboren.
Andere Geflüchtete warten oft mehr als ein Jahr auf ihren Aufenthaltstitel. Oder sie finden oft erst spät oder überhaupt keinen Job. Von den 2015 Geflüchteten waren nach sieben Jahren im Schnitt rund 60 Prozent erwerbstätig, wie eine Befragung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) im August dieses Jahres ergab, aktuellere Zahlen liegen noch nicht vor. Bei der einheimischen Bevölkerung liegt der Schnitt bei 75 Prozent. Die Hindernisse für Geflüchtete sind hoch, weil sie fast immer die Sprache erst lernen müssen. Geflüchtete wissen wenig über Deutschland und sind nicht vernetzt. Zudem entsprechen Bildung und Ausbildung selten den Anforderungen in Deutschland.
Auch Naaim Slikas Frau Nehad (48) ist ins Wohnzimmer gekommen, mit ihren drei Söhnen Youssef (12), Weaam (17) und Tmmam (20). 2016 konnten sie nach Deutschland ziehen, für sie alle begann das Leben mit Sprachkursen beziehungsweise den Vorbereitungsklassen in der Schule. Sie wollte Deutsch so gut lernen, wie sie konnte, erzählt Nehad Badriea – in Syrien behalten Frauen nach der Heirat ihren Nachnamen. „Ich wollte den Kindern bei den Hausarbeiten helfen, die Welt der Schule verstehen.“ Als man ihr später bei der Arbeitssuche im Jobcenter sagte, es reiche doch, wenn sie zum Putzen gehe, spornte sie es noch mehr an. Sie gab an einer Grundschule in Mettingen einen Kunstkurs, um mit der Arbeit die Sprache besser zu lernen. In der Diakonie stand sie freiwillig einmal die Woche in der Küche.
Wie Nehad Badriea finden geflüchtete Frauen schwerer und seltener eine Beschäftigung als Männer. Sechs Jahre nach dem Zuzug sind laut IAB unter den 2015 Geflüchteten nur 23 Prozent der Frauen, aber 67 Prozent der Männer erwerbstätig, nach sieben Jahren steigt die Quote etwas an. Ein Grund ist, dass sich die Frauen um die Kinder kümmern: Rund 70 Prozent der Geflüchteten kommen mit Kindern ins Land, drei sind es im Schnitt, oft ist zumindest eins unter drei Jahre alt. Auch deshalb nehmen die Frauen seltener an Sprach- und Ausbildungsprogrammen teil und sind weniger vernetzt. Zudem haben sie bei ihrer Ankunft weniger Berufserfahrungen als Männer.
Nehad Badriea hat eine Ausbildung als Erzieherin gefunden
Badriea hatte in Syrien einst als Kunstlehrerin gearbeitet, doch der Abschluss wird in Deutschland nicht anerkannt. Seit einem Jahr macht sie eine Ausbildung als Erzieherin, die IHK hat ihr bei der Vermittlung geholfen. Um die Sprache weiter zu verbessern, hat sie in Nürtingen ein Vorbereitungsjahr absolviert.
Sie habe mehr als ein Dutzend Bewerbungen geschrieben, um einen Praktikumsplatz zu bekommen, sagt sie. Dabei lese sie überall, dass alle Erzieherinnen suchten. „Ich habe das Gefühl, dass es für mich schwieriger ist, einen Ausbildungsplatz zu finden.“ Man merkt ihr an, dass sie sich nicht immer gerecht behandelt fühlt.
Auch bei ihrem Sohn Weaam, der in die zehnte Klasse kommt, musste sie kämpfen, dass er die Realschule besuchen konnte, dabei sei er ein sehr guter Schüler. Ein Lehrer unterstützte sie dabei, ohne Fürsprecher ist es schwierig, und auch Behördengänge machen der Familie noch zu schaffen. Die Söhne sind gut integriert. Tmmam hat gerade sein Abitur gemacht. Im Oktober fängt er in Künzelsau sein Duales Studium bei einer Mechatronikfirma an. Weaam macht gerade seinen Fußball-Trainerschein.
Vater Slika hat inzwischen einen Fahrerjob bei einer Bäckerei in der Nähe der Wohnung gefunden. Es sei ein guter Job, sagt er, weil er besser nach seinem Jüngsten Youssef sehen könne, der jetzt die siebte Realschulklasse besucht. Das Leben ist für ihn wie die anderen normaler geworden. Manchmal bringen die Kinder von der Schule Ideen mit, mit denen er nicht so viel anfangen kann, wie auch bei anderen Familien. Ansonsten sei es wie überall, meint Naaim Slika: „Wenn du mit den Leuten gut umgehst, werden die Leute auch gut zu dir sein.“
Geflüchtete in Deutschland
Schutzsuchende
Ende 2022 waren laut dem Statistischen Bundesamt 2,1 Millionen Schutzsuchende in Deutschland registriert – dazu kommen rund eine Millionen Menschen, die seit Kriegsausbruch aus der Ukraine geflohen sind.
Schutzstatus
Von den Schutzsuchenden, jene aus der Ukraine herausgerechnet, hatten 69,5 Prozent einen anerkannten, 11,6 Prozent einen abgelehnten und 18,9 Prozent einen offenen Schutzstatus. Fast alle wollen lange oder dauerhaft in Deutschland bleiben.