Folgen der Bildungsreform Gymnasiasten in der falschen Schulart

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Gymnasialdirektoren schlagen Alarm: Rund zehn Prozent ihrer Fünftklässler kommen mit den Leistungsanforderungen am Gymnasium nicht klar. Was nun?

Wer aufs Gymnasium geht, sollte Leistungsbereitschaft zeigen und sich an  Verhaltensregeln halten können, sagen die Schulleiter Foto: dapd
Wer aufs Gymnasium geht, sollte Leistungsbereitschaft zeigen und sich an Verhaltensregeln halten können, sagen die Schulleiter Foto: dapd

Stuttgart - In Stuttgart sind in diesem Jahr 57,8 Prozent der Viertklässler aufs Gymnasium gewechselt – so viele wie nie zuvor. Da die Grundschulempfehlung nicht mehr verbindlich ist, durften erstmals die Eltern entscheiden, auf welche Schulart ihr Kind geht. Doch bereits jetzt zeigt sich, dass etliche Fünftklässler im Gymnasium nicht zurechtkommen. „Wir haben Schüler, die große Probleme haben, sich an Regeln zu halten“, sagt Rupert Kern, der Leiter des Johannes-Kepler-Gymnasiums und Stuttgarter Bezirkssprecher der Direktorenvereinigung Nord-Württemberg. In dieser Ausgeprägtheit sei das neu. Es betreffe zwei bis drei Schüler je Klasse. „Wir schätzen, dass zehn Prozent unserer Fünftklässler keine Gymnasialempfehlung haben.“

Diese Einschätzung teilen auch Andrea Funke-Fuchs vom Königin-Charlotte-Gymnasium, ebenfalls im Vorstand der Direktorenvereinigung, sowie Barbara Graf vom Hegel-Gymnasium als Geschäftsführende Schulleiterin der Stuttgarter Gymnasien. „Manche Kinder ziehen ganz bewusst die Aufmerksamkeit des Lehrers auf sich, rufen etwas und lassen den anderen Kindern keinen Raum“, berichtet Funke-Fuchs. Auf Ansagen des Lehrers reagierten diese Schüler nicht. „Es ist, als ob die das gar nicht hören“, so Kern. Bereits Anfang Oktober habe man deshalb mit den Eltern Kontakt aufgenommen. Doch es sei schwierig, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, berichtet Funke-Fuchs. Die Eltern seien zwar erschienen – „aber es ist eine gewisse Hilflosigkeit da“, so Kern.

Gymnasiallehrer suchen Unterstützung von Grundschullehrern

Doch damit wollen sich er und seine Schulleiterkollegen nicht abfinden. „Wichtig wäre, dass wir von der Grundschule mehr über diese Schüler erfahren“, sagt Kern. Barbara Graf ergänzt: „Es geht uns nicht darum, vor der Anmeldung jemanden auszusortieren.“ Sondern es gehe um möglichst frühzeitige Kooperationsgespräche mit den Grundschullehrern. „Wir würden gern auf deren Expertise zurückgreifen“, ergänzt Graf.

Doch Gespräche mit den Grundschulkollegen über einzelne Schüler und deren Leistungen, Fähigkeiten, Verhaltensweisen und soziale Hintergründe dürfen die Gymnasiallehrer nur mit dem Einverständnis der Eltern führen, teilt das Kultusministerium auf Anfrage mit. Dies bewertet Graf jedoch als „Hürde für eine unkomplizierte Kommunikation“. – „Wir hätten gern Unterstützung dafür, dass auch Eltern von schwierigen Kindern uns die Zustimmung geben“, so Graf. Dafür müsse jedoch „eine öffentliche Akzeptanz geschaffen werden“. Eine Nachjustierung bei der Zugangsberechtigung für die weiterführenden Schulen plant das Kultusministerium derzeit nicht, zumal „die meisten Eltern mit ihrem neuen Recht verantwortungsbewusst umgehen“, wie ein Ministeriumssprecher betont. Dennoch solle die Beratung an der Grundschule intensiviert werden.

„Wir haben gemerkt, das Kind begreift nichts“

Kern betont jedoch: „Wir wollen dem Kind gerecht werden. Deshalb brauchen wir alle Optionen.“ Auch die individuelle Förderung habe ihre Grenzen. Wer nicht ein gewisses Arbeitsverhalten und -tempo an den Tag lege, der werde im Gymnasium auch nicht glücklich. Den ersten Fünftklässler habe er bereits an die Realschule vermittelt, noch vor Ablauf des Halbjahrs. „Wir haben gemerkt, das Kind bekommt überhaupt nichts mit, es begreift nichts.“ Die Mutter sei einverstanden gewesen.

Doch Kern sagt auch: „Wir haben schon den Ehrgeiz, dass wir Schüler nicht einfach wegschicken.“ Dies gelte nicht nur für die Eingangsstufe, sondern auch für die Kursstufe. Auch hier wolle man sich um einen guten Übergang bemühen. Dass das Kultusministerium mittelfristig ein Zweisäulenmodell anstrebe, nämlich Gemeinschaftsschule und G 8, begrüßen die Stuttgarter Gymnasialleiter. Sie sehen darin auch die Elternwünsche gespiegelt – die große Mehrzahl wolle kein G 9, so Graf.

Stuttgarter Gymnasien wollen „Klasse zehn plus“ anbieten

Doch sie hätten sich auch gefragt: „Was passiert mit Schülern, die nach Klasse zehn der Gemeinschaftsschule zum Abitur streben?“ Die Antwort der Stuttgarter Gymnasialleiter darauf heiße „Zehn plus“. Graf erläutert, was damit gemeint ist: „Wir haben ein Interesse daran, dass diese Schüler das Abitur am allgemeinbildenden Gymnasium machen können.“ Und: „Wir würden gern eine Klasse ‚zehn plus’ anbieten, mit Angeboten, um ihnen gymnasiales Arbeiten beizubringen und ihnen in den Fremdsprachen und Naturwissenschaften bessere Anschlüsse an die Kursstufe zu ermöglichen.“

Um so einen speziell für diese Schüler zugeschnittenen Übergang hätten auch künftige Gemeinschaftsschulleiter gebeten. Denn in dieser Form gibt es das bei den staatlichen Schulen nicht – bei der privaten Waldschule ist diese sogenannte „Aufsetzerklasse“ aber der Renner. Als Voraussetzung, so Graf, müssten die Schüler Französisch als zweite Fremdsprache mitbringen. Der Vorteil sei: die Schüler könnten im Stadtteil bleiben.

Ministerium lehnt maßgeschneiderten Übergang ab

Im Kultusministerium kann man diesem Angebot nichts abgewinnen. Ein Sprecher sagte, es gebe für Gemeinschaftsschüler künftig drei Wege zum Abi: Entweder werde direkt an der Gemeinschaftsschule eine dreijährige Kursstufe eingerichtet, was aus Sicht der Schulleiter jedoch eine Mindestschülerzahl von 60 voraussetzen würde; alternativ könnten Schüler nach der zehnten Klasse Gemeinschaftsschule an die zehnte Klasse G 8 wechseln – die neuen Bildungspläne würden Doppelungen verhindern; oder sie wechselten nach der zehnten Klasse Gemeinschaftsschule in die elfte Klasse eines beruflichen oder neunjährigen Gymnasiums.

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