Foodsharing in Stuttgart-Sillenbuch Wie aus Müll ein Festmahl wird

Von Caroline Holowiecki 

Für die einen ist es ein Berg Lebensmittel, von dem eine Fußballmannschaft satt werden könnte. Für die anderen ist es: Abfall. Bei Kochabenden einer Foodsharing-Gruppe in Stuttgart-Sillenbuch werden gerettete Lebensmittel verarbeitet.

Von wegen, viele Köche verderben den Brei: Obwohl sich manche der  Foodsharer vorher nicht kannten,  bereiteten sie  gemeinsam  ein leckeres  Mahl zu. Foto: Caroline Holowiecki
Von wegen, viele Köche verderben den Brei: Obwohl sich manche der Foodsharer vorher nicht kannten, bereiteten sie gemeinsam ein leckeres Mahl zu. Foto: Caroline Holowiecki

Sillenbuch - Die Augen werden größer und größer, während die Kochinsel nach und nach unter Brokkoli, Tomaten, Möhren, Petersilienwurzeln, Orangen, Äpfeln, Kartoffeln, Fenchelknollen, Gurken, Bohnen und Salatköpfen verschwindet. Noch eine Tasche, noch ein Rucksack, aus denen abgepackte Salatsoßen, Bulgur und frische Kräuter auftauchen. Für die einen ist es ein Berg Lebensmittel, von dem eine Fußballmannschaft satt werden könnte. Für die anderen ist es: Abfall.

Beim ersten Kochabend der Foodsharing-Gruppe aus Sillenbuch wird das Ausmaß der Überflussgesellschaft offenbar. Dies alles sind Lebensmittel, die Supermärkte nicht mehr hätten verkaufen können. Weil sie nicht mehr den Schönheitsidealen entsprechen, weil eine Orange aus einem Netz vergammelt ist oder schlicht, weil Frisches eingetroffen ist.

Die Lebensmittelretter-Gruppe hat der Verschwendung den Kampf angesagt und bewahrt Genießbares vor dem Abfall. Freiwillige holen überschüssige Waren in Läden ab, seit vergangenem Herbst gibt es am Gosheimer Weg die Fair-Teiler-Hütte, in der Lebensmittel abgelegt und mitgenommen werden können.

Die Waren sind in erschreckend gutem Zustand

„Das ist nur ein Bruchteil“, sagt die Riedenbergerin Annette Jickeli angesichts des Haufens. Die Waren sind in einem ebenso begeisternd wie erschreckend guten Zustand. Das Radieschen-Grün ist labbrig, einige Lauchzwiebeln sind welk, Avocados und Mangos sind weich, aber anderes liegt da wie eine Eins. „Das meiste ist bio“, erklärt Annette Jickeli, die als Foodsharing-Botschafterin die Einsätze koordiniert und ihre Küche an diesem Abend zur Verfügung gestellt hat. Die Mehrzahl jener, die durchs Haus wuseln, kennt sie, andere nicht. „Das ist wie eine Wundertüte“, sagt Kerstin Schaefer aus dem Stuttgarter Osten, und damit meint sie sowohl die Zusammensetzung der Gruppe als auch den Zutatenmix. Denn während man sich normalerweise ein Rezept überlegt und dann gezielt einkaufen geht, ist es hier andersrum. Der Tisch ist voll, und was machen wir jetzt draus?

Während Alexander Jickeli Mandarinen zu literweise Saft presst, geht das Brainstorming los. „Ich wäre für einen einfachen Obstsalat. Etwas Frisches“, sagt Stephanie Rannacher, die aus dem Stuttgarter Westen dazugekommen ist. Die Sillenbucherin Angelika Bleil, die ihre Kochkünste auch im Waldheim unter Beweis stellt, empfiehlt ein Auberginen-Mus. Irene Kamm, ebenfalls aus dem Bezirk, schlägt vor, die Orangen mit dem Fenchel zu Salat zu verarbeiten. Tomaten, Möhren und anderes Gemüse wandern in den Ofen. Bei manchem ist Kreativität gefragt. Die Riedenbergerin Susanne Malcher hat einen Kissenbezug voller Kohlrabiblättern dabei. Was tut man damit? „Ich habe das einfach im Internet eingegeben“, sagt sie. Ergebnis: Ein Süppchen und Gemüsechips sollen’s werden.

Was beim Bäcker abends alles übrig bleibt

Zu neunt in einer Küche geht es eng zu, aber lustig. Wo ist der Biomüll? Wer hat mein Brettchen geklaut? Habt ihr eine Salatschleuder? „Ich finde die Geselligkeit schön“, sagt Kerstin Schaefer, während sie ihre Guacamole rührt. „Essen ist etwas Sinnliches, Genuss. Ein perfekter Start in den Frühling“, sagt sie und strahlt dabei. Auch Irene Kamm lächelt zufrieden. „Mich hat das Thema schon immer umgetrieben, wenn ich sehe, was beim Bäcker abends alles übrig ist“, sagt sie.

Das Ziel sei, den Gedanken des Fair-Teilers weiterzutragen, erklärt Annette Jickeli. Es geht ums Miteinander, ums Teilen, aber auch darum, aufzuzeigen, was noch in den Lebensmitteln steckt. „Ein Stück weit sind die Kochabend auch als Dankeschön gemeint“, sagt sie. „Etwas geht an den Bezirk zurück.“

Nächster Kochabend am 5. April

Nach vier Gängen und viereinhalb Stunden ist die Küche wieder blitzeblank. Jeder nimmt Reste und Unverbrauchtes heim. Annette Jickeli schnauft. „Wir hätten locker für 20 kochen können.“

Der nächste Kochabend ist am Freitag, 5. April, ab 18 Uhr. Wer sich dafür interessiert, kann sich bei Annette Jickeli melden; ihre Telefonnummer ist 0711/4 79 75 21, die Mailadresse annette.jickeli@gmail.com.

Sonderthemen