Frag eine Sex-Therapeutin Wann hilft nur noch eine Sextherapie?

Eine Flaute im Bett ist schambesetzt. Sexualtherapie kann helfen. Foto: Unsplash/Milan Popovic

Probleme mit Libido und Sex existieren in vielen Beziehungen. Das ist kein Grund für Scham. Die Stuttgarter Sextherapeutin Roswitha Engel-Széchényi erklärt, wann und wie Sexualtherapie bei Problemen helfen kann.

Spätestens seit der Netflix-Serie "Sex Education" wissen wir, dass es so etwas wie Sextherapien gibt. Doch woran erkennen wir überhaupt, dass es an der Zeit ist, sich Hilfe von einer Sextherapeut:in zu holen? Was sind Anzeichen, dass Probleme nicht von alleine gelöst werden können, welche sexuellen Blockaden können bearbeitet werden und wie läuft eine solche Therapie ab? Wir haben mit der Stuttgarter Sextherapeutin Roswitha Engel-Széchényi darüber gesprochen.

 

In welchem Setting findet eine Sexualtherapie statt und handelt es sich dabei stets um eine Gesprächstherapie?

Das Setting einer Sexualtherapie ist immer ein Gesprächssetting. Wenn der Hilfesuchende oder die Hilfesuchende in einer Paarbeziehung ist, findet die Therapie immer als Paar statt. Das Sexualproblem wird besprochen und eventuell werden körperliche Untersuchungen notwendig. Basierend auf dem Erstgespräch und den Untersuchungsergebnissen wird mit dem hilfesuchenden Paar dann ein Therapieplan ausgearbeitet. Oft beinhaltet dieser auch körperorientierte Elemente, die das Paar miteinander oder alleine zu Hause übt.

Was sind typische Themen, die Paare mitbringen?

Bei mir in der Praxis werden am häufigsten sexuelle Lustlosigkeit, Schmerzen bei der Penetration oder die Unmöglichkeit vaginaler Penetration beklagt. Dies deckt sich in etwa mit Statistiken, welche die Libidostörung als die häufigste Sexualstörung anführen, gefolgt von Schmerzen beim Verkehr. Natürlich betreue ich auch Paare mit Erektionsproblemen, die Problematik der verfrühten Ejakulation sowie Orgasmusstörungen.

Bei welchen Problemen kann Sexualtherapie auch Einzelpersonen helfen?

Eine Vaginismuspatientin kann man auch ohne Partner:in im Einzelsetting gut behandeln. Grundsätzlich aber gilt: sobald es Partner:innen gibt, erfolgt Sexualtherapie immer im Paarsetting, da es ja auch um die Verbesserung der Paarsexualität geht.

Über Sex reden ist leider immer noch häufig schambesetzt. Gibt es dennoch Themen, die besonders stigmatisiert sind?

Reden über die eigene Sexualität ist schambesetzt, erst recht, wenn sie „gestört“ ist. Es ist also hilfreich für Patient:innen ein therapeutisches Gegenüber zu haben, welches offen und schamfrei über Sexualität reden kann. Wie über jedes andere Lebensthema auch.

Besonders zurückhaltend gehen Patient:innen mit sexuellen Fantasien und Wünschen um, häufig aus Angst vor Ablehnung. Stigmatisiert sind sexuelle Deviationen, Paraphilien, Missbrauch und sexuelle Gewaltfantasien.

Was sind Ängste, die Patient:innen bei der ersten Therapiesitzung häufig äußern?

Oft ist Angst vor dem Beziehungsverlust die antreibende Kraft zur Sexualtherapie. Ganz nach dem Motto „Wenn ich den Sex nicht in den Griff bekomme, verliere ich meine Partner:in“. Manche Patient:innen machen sich außerdem Sorgen, dass ihre Störung nicht behandelbar ist.

Wie lange dauert die Therapie, gibt es da Werte zur Orientierung?

Das hängt sehr vom Krankheitsbild ab. Bei der Vaginismustherapie sage ich meinen Paaren, dass Sie mit etwa sechs bis zehn Sitzungen à 50 Minuten rechnen können, bei anderen Krankheitsbildern weicht das mitunter sehr ab. Aber mehr als 20 Sitzungen mache ich in der Sexualtherapie selten.

WEITERLESEN NACH DIESEM VERLAGSANGEBOT

Stadtkind

Bleibe up-to-date mit dem Stadtkind-Newsletter.

Weiter Mehr erfahren

Zahlt die Krankenkasse eine Sexualtherapie?

Weder gesetzliche noch private Krankenkassen kommen für eine Sexualtherapie auf. Die Kosten müssen von den Patient:innen selber getragen werden.

Was sind Faktoren, die für einen schnellen Erfolg in der Therapie sprechen?

Besonders günstig sind die Erfolgsaussichten bei Sexualstörungen, die noch nicht chronisch sind. Von einer Chronifizierung spricht man, wenn ein Problem bereits länger als sechs Monate andauert. Ausschlaggebend für rasche Erfolge ist außerdem immer eine fleißige Mitarbeit der Hilfesuchenden, das hört sich jetzt paradox an, meine ich aber genauso. Ebenso hilfreich ist es, wenn „nur“ eine Sexualstörung vorliegt und sich nicht ein Beziehungskonflikt, eine Angststörung oder eine Depression dahinter verbirgt oder zusätzlich vorliegt. Das kommt leider häufig vor.

Außerdem sage ich immer: Auch in der Sexualtherapie ist der Weg das Ziel, oft geht es gerade um die Entdeckung der Langsamkeit.

Was wünschen Sie sich für Ihre Profession als Sextherapeutin?

Ich wünsche mir, dass die Berufsbezeichnung „Sexualtherapeut:in“ berufsrechtlich endlich geschützt wird. Die Landesärztekammern sind hier auf einem guten Weg. Dafür wurde ein Ausbildungscurriculum aufgestellt, welches von jedem nachgewiesen werden muss, der sich den Zusatztitel Sexualmedizin-Therapie aufs Praxisschild schreiben möchte. Für unsere Patient:innen wird so transparenter, wer über welche Ausbildung verfügt.

Weitere Themen