Frankreichs früherer Präsident Nicolas Sarkozy greift an diesem Samstagabend nach dem Vorsitz seiner Partei, der Union für eine Volksbewegung (UMP). Im Blick hat er dabei den Élysée-Palast, den er zurückerobern will.

Paris - Der Sieg ist ihm so gut wie sicher. Da mag ihm draußen im Land noch so viel Skepsis entgegenschlagen: In der Union für eine Volksbewegung (UMP) ist Nicolas Sarkozy der Star. Bei Parteiversammlungen wollen die Nicolas-Sprechchöre kein Ende nehmen. Autogrammjäger stehen Schlange. Sarkozy-Kritiker werden gnadenlos ausgepfiffen. Und so geht es an diesem Samstagabend wohl nicht mehr darum, ob der 59-Jährige als neuer Parteivorsitzender und Oppositionsführer ausgerufen wird, sondern darum, wie hoch der Sieg ausfällt. Laut Umfragen dürften bei der im Internet durchgeführten Abstimmung 70 Prozent der 268 000 UMP-Mitglieder für den früheren Staatschef votieren.

Nach der Niederlage bei den Präsidentschaftswahlen 2012 und seinem Rückzug aus der Politik war es mit den Rechtsbürgerlichen bergab gegangen. Anstatt die Gunst der Stunde zu nutzen und sich den von François Hollande und seiner sozialistischen Regierung zunehmend enttäuschten Franzosen als Alternative zu empfehlen, lieferten Sarkozys Erben einander erbitterte Führungskämpfe. Hinzu kamen Skandale. Jean-François Copé, im November 2012 nach einer von Betrugsvorwürfen überschatteten Wahl zum Parteichef gekürt, musste den Posten im Juni dieses Jahres wieder räumen. Copé war in Verdacht geraten, Ausgaben für den Präsidentschaftswahlkampf Sarkozys mit Hilfe fiktiver Rechnungen einer Event-Firma auf die UMP abgewälzt zu haben.

Mit Sarkozy sollen die guten alten Zeiten zurückkehren

Aber mit dem Comeback des Ex-Präsidenten, der bereits von 2004 bis 2007 an der Spitze der UMP stand, sollen die guten alten Zeiten zurückkehren. Sarkozy bringt mit, was das Parteivolk in den vergangenen zweieinhalb Jahren schmerzlich vermisst hat: Charisma, Tatkraft, Führungsstärke. Dass auch er wegen krummer Machenschaften im Präsidentschaftswahlkampf zur Rechenschaft gezogen werden könnte, dass er wegen des Verdachts der Bestechung eines Untersuchungsrichters zwei Tage in Polizeigewahrsam verbracht hat – die Sarko-Fans scheint das nicht anzufechten.

Die Konkurrenten um den UMP-Vorsitz haben das Nachsehen. Der frühere Landwirtschaftsminister Bruno Le Maire (45), ein im Ruf des Technokraten stehender Elitehochschulabgänger, darf mit 25 Prozent der Stimmen rechnen. Hervé Mariton (56), der dritte Bewerber, gilt als Staffage. Mit voraussichtlich fünf Prozent wird der wirtschaftsliberale und sittenstrenge Abgeordnete vorliebnehmen müssen.

Der Expremier will zurück in den Élysée-Palast

Für Sarkozy ist die Parteiführung nicht mehr als ein Zwischenschritt. Nicht über die UMP, über das ganze Land will er gebieten, den Élysée-Palast zurückerobern. Vorausschauend empfiehlt er sich als gewandelt und gereift. Nicht spalten, sondern versöhnen wolle er, hat der Politiker versichert, der in der Vergangenheit polarisiert und gegen Ende seiner Präsidentschaft halb Frankreich gegen sich aufgebracht hatte. Doch der angebliche Sarkozy nouveau ist wohl alter Wein in neuen Schläuchen. Gestik, Mimik und Rhetorik sind noch immer die des wendigen Anwalts aus der Pariser Nobelvorstadt Neuilly, der sich mehr von taktischen Erwägungen leiten lässt als von Prinzipien, der heute dies und morgen jenes sagt, solange es nur dem eigenen Fortkommen dient.

Ob er für die Abschaffung der Vermögensteuer eintritt, die Ausbeutung von Schiefergasvorkommen propagiert, die Aufkündigung des Freizügigkeit garantierenden Schengener Vertrags fordert, der EU die Hälfte ihrer Kompetenzen entziehen will oder einer Steuerharmonisierung mit Deutschland das Wort redet: eine politische Linie ist schwer zu erkennen. Dass er die Zusage, die von Hollande eingeführte Homo-Ehe zu dulden, bei einem Auftritt vor konservativ-katholischem Publikum spontan zurückgenommen hat, passt ins Bild.

Rückschläge sind ihm Ansporn, eine Schippe draufzulegen

Nicht Sarkozy, sondern der 69-jährige Haudegen und Parteikollege Alain Juppé ist der Favorit der Franzosen für die  Präsidentschaftswahl 2017. Wären die Wahlen schon jetzt, der Ex-Premierminister und die Rechtspopulistin Marine Le Pen vom Front National würden die Entscheidung unter sich ausmachen. Aber Sarkozy ist Rückschläge gewohnt. Sie sind ihm Ansporn, noch eine Schippe draufzulegen.

Nach der Niederlage bei den Präsidentschaftswahlen hatte er es als Conférencier zu Ansehen und in der Wirtschaft zu Geld bringen wollen. Doch er konnte nicht aus seiner Haut. Der Vollblutpolitiker gewann die Oberhand über den Möchtegernunternehmer. Bei einem Auftritt der Gattin Carla im Pariser Casino feierte das Publikum ihn kaum minder enthusiastisch als die Sängerin, und Sarkozy begriff: Er taugt noch immer zum Politstar.

Keiner weiß, wie der Heißsporn die Gräben überwinden will

Als Retter des Vaterlandes sah er sich, der Ende 2015 auf die politische Bühne zurückkehren, sich von den Parteifreunden zum Präsidentschaftskandidaten ausrufen und den ungeliebten Staatschef François Hollande in einer Neuauflage des Duells von 2012 in die Knie zwingen würde. Doch dieser Plan ging nicht auf. Von Führungskämpfen und Skandalen ausgezehrt, entschied sich die UMP im Juni für den Neuanfang, und Sarkozy begriff: Sollte die Partei ihm noch als Sprungbrett dienen, würde er selbst nach dem Vorsitz greifen müssen.

An der Spitze der UMP heißt es für ihn, über die Parteigrenzen hinaus Mehrheiten zu finden und im Fall einer Urwahl des UMP-Präsidentschaftskandidaten 2016 Juppé zu überrunden. Er werde die Partei über alle ideologische Gräben hinweg zu einer breiten Sammlungsbewegung machen, hat Sarkozy angekündigt. Wie der hemdsärmelige Heißsporn das bewerkstelligen will, hat er nicht gesagt.