Vor zwanzig Jahren fanden sich unter den Studierenden nur zehn Prozent Frauen. So gesehen hat sich etwas bewegt – wenn auch nicht viel. Immer noch haftet Raumfahrttechnik-Wissenschaftlerinnen der Nimbus der Ausnahmeerscheinung an. Das hat nicht nur mit Prozentzahlen zu tun, sondern auch mit Rollenbildern, die sich nur langsam aus den Köpfen verabschieden.
Zweifel, ob sie das auch wirklich kann
„Ich wusste schon früh, dass ich etwas Technisches studieren möchte“, blickt Sabine Klinkner zurück und erinnert sich an einen Besuch im Berufsinformationszentrum. Dort habe sie den Ordner mit Luft- und Raumfahrttechnik entdeckt und sei sofort interessiert gewesen. Im Beratungsgespräch riet man ihr jedoch, wenn sie etwas mit Mathematik machen wolle, dann solle sie sich doch für Psychologie einschreiben. Da gebe es ja auch Statistik. „Ich habe immer wieder erfahren, dass ich mich für meine Berufswahl rechtfertigen musste“, so die 45-Jährige. „Noch im Vordiplom gab es Bemerkungen, die klangen, als zweifle man, ob ich das auch wirklich kann. Eine Frau, die in unserem Bereich studiert, muss sich schon sehr sicher sein.“
Erlebnisse wie die Versuche eines Dozenten, ihr die Hangabtriebskraft ausgerechnet am Beispiel eines geschobenen Kinderwagens zu erklären, brachten Klinkner nicht aus der Fassung. „Ich habe wohl eine gewisse Bockigkeit entwickelt und mich dadurch motiviert“, überlegt sie und merkt an, ihr älterer Bruder habe auch Luft- und Raumfahrttechnik studiert: „Er hatte mir immer davon abgeraten. Heute arbeitet er in der Automobilindustrie und ich bin hier“, zeigt sich die promovierte Ingenieurin erfreut. „Ich denke, ich habe alles richtig gemacht.“
Der Sternenhimmel hat sie einfach mehr fasziniert
Auch Julia Zink ist überzeugt davon, auf dem richtigen Weg zu sein. Schon als Kind habe sie Bücher über Planeten und unser Sonnensystem geliebt, erzählt die 25-Jährige, die derzeit ihren Master in Luft- und Raumfahrttechnik macht. „Ich wollte unbedingt Astronautin werden. Mal sehen, ob das noch klappt.“ Zink hat zwar nicht das Gefühl, kritisch beäugt zu werden, stellt aber ein besonderes Interesse fest, wenn sich herausstellt, dass sie sich als Frau professionell mit Raumfahrt befasst. „Ich werde oft gefragt, wie viele Studentinnen es in unserer Fakultät gibt oder wie es ist, mit so vielen Männern zusammenzuarbeiten“, sagt sie. „Natürlich ist es schade, dass so etwas überhaupt thematisiert wird. Hätte ich mich für Medizintechnik entschieden, was ich ebenfalls überlegt hatte, wäre das vermutlich anders. Der Sternenhimmel hat mich aber einfach mehr fasziniert.“
Sie ist die einzige Professorin am Institut für Raumfahrtsysteme
„Ich wünsche mir mehr Normalität in der Wahrnehmung“, ergänzt Sabine Klinkner. Dass noch keine deutsche Frau im All war, sei bedauerlich. Oft klemmt es aber schon in viel alltäglicheren Belangen. „Wenn ich als Ingenieurin geschäftliche E-Mails an Leute geschrieben habe, die mich nicht kannten, kam es vor, dass sie darum baten, an einen Fachmann weitergeleitet zu werden“, nennt die einzige Professorin am Institut für Raumfahrtsysteme (IRS) in der Fakultät Luft-und Raumfahrttechnik und Geodäsie ein Beispiel. Das sei sicher nicht böse gemeint gewesen, offensichtlich habe man sie aber ganz selbstverständlich für die Sekretärin gehalten.
Wie gegenwärtig das Denken in überholten Rollenklischees noch ist, merkt sie, wenn sie ihren Sohn aus der Kita abholt. Dort bestärken Erzieherinnen und Erzieher die Jungs immer noch eher, im Bauzimmer zu spielen, und die Mädchen in der Teeküche. Wie also können Mädchen in ihrem Interesse an Naturwissenschaften bestärkt und für entsprechende Studiengänge begeistert werden?
„Wir haben vor der Corona-Pandemie Abschlussklassen und Grundschulen besucht“, gibt Klinkner Einblick in die Bestrebungen, den Nachwuchs anzusprechen. „Es gab Aktionen am Girls-Day oder das Schülerinnen-Mentoring Try Science.“ Leider fehle es an den Kapazitäten, sich stärker zu engagieren. „Ich muss wie alle anderen Kollegen auch lehren, veröffentlichen und Forschungsmittel akquirieren“, sagt die Professorin. „Es liegt aber auf der Hand, dass es überzeugender wirkt, wenn Mädchen von einer Frau erfahren, dass Mathematik, Physik und Technik Spaß machen können. Für diese Art der Öffentlichkeitsarbeit bräuchten wir dringend mehr Unterstützung, etwa von der Universität oder vom Land.“