Frickenhausen Ein Krankenhaus auf Zeit in der Kelter

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Das Engagement der Gemeinde Frickenhausen für Flüchtlinge aus Gambia hat Tradition. Jetzt schickt der örtliche Arbeitskreis für Integration einen Container mit medizinischem Gerät nach Afrika. Die Alte Kelter dient als Warenlager.

Carla Bregenzer sichtet das medizinische Gerät in der Kelter. Foto: Horst Rudel
Carla Bregenzer sichtet das medizinische Gerät in der Kelter. Foto: Horst Rudel

Frickenhausen - Babywaagen im halben Dutzend, Wärmebetten für Säuglinge, Operationstische, Behandlungsliegen, Patientenüberwachungsmonitore – stünde in der Ecke nicht ein verlassenes historisches Weinfass, könnte die Alte Kelter in Frickenhausen derzeit locker als Behelfskrankenhaus durchgehen. Seit einigen Wochen sammelt der Arbeitskreis Integration Frickenhausen ausgemusterte medizinische Geräte, um sie nach Gambia zu verschicken. Wenn alles gut geht, dann wird der Container mit dem Sammelsurium, das in der Kelter gesammelt und zwischengelagert wird, Ende des Monats mit dem Schiff in See stechen.

Noch aber wächst das Warenlager nahezu täglich. „Es ist erstaunlich, welches Material in welcher Qualität noch in den Kellern der Krankenhäuser steht“, sagt Carla Bregenzer, die als Arbeitskreis-Vorsitzende die Spendenkampagne organisiert. Bisher haben ihren Worten zufolge unter anderem die Mediuskliniken im Kreis Esslingen, das Marienhospital in Stuttgart, die Klinik am Eichert in Göppingen und die Universitätsklinik in Tübingen ihre Depots geöffnet und nicht mehr benötigtes Gerät gespendet.

In der Kelter lagern nicht nur Krankenhausgerätschaften

Josef Heer, selbst lange Jahre als Medizintechniker an den Mediuskliniken beschäftigt und nun im Ruhestand, überwacht den Abbau und den Transport. Sein Fachwissen ist die Gewähr dafür, dass nur funktionierendes Gerät auf den Weg nach Gambia geschickt wird. Der Mann kennt sich aus, hat er doch noch während seiner aktiven Zeit im Norden Pakistans dafür gesorgt, dass die dorthin gespendeten EKG-Geräte und Patientenmonitore in den Krankenhäusern vor Ort auch richtig angeschlossen wurden. „Alles im Urlaub“, sagt er. Jetzt, kaum ein halbes Jahr in Rente, ist Josef Heer schon wieder ehrenamtlich unterwegs.

Das Gerätelager in der Kelter speist sich nicht nur aus Krankenhausbeständen. „In Nürtingen haben wir eine komplette Zahnarzt-Behandlungseinheit angeboten bekommen. Die wird, ebenso wie die auch in Nürtingen nicht mehr benötigte Arztpraxis, bald in Gambia im Einsatz sein“, sagt Carla Bregenzer. Aber auch Privatpersonen schauen in der Kelter vorbei und bringen Verbandsmaterial oder die nicht mehr benötigte Fußschiene mit.

Das Elend vor Ort erfahren

Das Gambia-Projekt ist die logische Folge einer Reise von Flüchtlingshelfern in das bettelarme afrikanische Land. Die Reisegruppe wollte besser verstehen, warum Tausende von jungen Männern Familie und Heimat verlassen und sich auf den lebensgefährlichen Weg nach Europa begeben. Nicht geplant, weil Folge eines Krankheitsfalls, war der Besuch in einem staatlichen Krankenhaus. Das Elend dort – abgesehen vom maroden Zustand des Gebäudes fehlte es an Personal, an medizinischen Geräten und an Material – war Ausgangspunkt für die Hilfsaktion, die von einer mitreisenden Ärztin, Antonie Bäuerle, tatkräftig auf den Weg gebracht wurde. Bereits im Sommer und im Herbst des vergangenen Jahres wurden medizinische Kleingeräte und Koffer voller Verbandsmaterial nach Gambia geschickt. Die nun auf die Verschiffung wartenden kompletten Operationseinheiten sind der logische nächste Schritt.

In der Finanzierung klafft noch eine Lücke

10 000 Euro kostet allein der Transport, obwohl sich Carla Bregenzer auf die Unterstützung des Technischen Hilfswerks (THW), der Neuffener Spedition Schall und des örtlichen Verpackungsspezialisten von Seyfried und Wiedemann stützen kann. Nachdem die Stiftung der Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen einen Teil des Geldes als Spende beigesteuert hat, klafft in der Finanzierung noch ein Loch in Höhe von 4000 Euro.

„Wir hoffen auf weitere Spenden“, sagt Bregenzer. Die Chancen in Frickenhausen stehen gut. Seit im Jahr 2015 die ersten Flüchtlinge aus Gambia in der 9000-Einwohner-Gemeinde gestrandet sind, hat sich ein gutnachbarschaftliches Verhältnis zwischen der Bürgerschaft und den meist jungen Männern entwickelt. Von Beginn an hat der 50 Mitglieder zählende Arbeitskreis Integration Frickenhausen gemeinsam mit der von der Gemeinde angestellten Integrationsbeauftragten den Boden für das gute Miteinander bereitet.




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