Friedrich Christian Delius im Interview "Ich suchte meine Fluchten"

Von Uwe Kossack 

Friedrich Christian Delius, der mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet wird, spricht über die Achtundsechziger und seinen Pfarrer-Vater.  

Friedrich Christian Delius Foto: dpa
Friedrich Christian Delius Foto: dpa

Rom - Friedrich Christian Delius ist, neben Uwe Timm, der Chronist der Achtundsechziger. Der größte Teil seines literarischen Werks kreist um die Jahre, in denen die damals junge Generation gegen die alte rebellierte; gegen den Muff und das Schweigen. Aber Delius ist kein Apologet. So mutig, wie er dem Siemens-Konzern 1972 satirisch zu Leibe rückte, so grimmig untersuchte er in seiner RAF-Trilogie den ideologischen Hintergrund des Terrors. Uwe Kossack hat Delius in Rom besucht.

Herr Delius, wann sind Sie zum ersten Mal auf Büchner gestoßen?

Als Schüler natürlich. Als Student habe ich Hans Mayers "Büchner und seine Zeit" gelesen, das hatte Folgen, über die ich in meiner Rede sprechen werde. Aber wirklich beschäftigt habe ich mich - auch später - nicht mit Büchner. Dass er mit Anfang zwanzig schon so viel von der Welt verstanden hat, flößte einem so viel Respekt ein, dass ich mich nicht näher an ihn ranwagte.

Waren Sie denn in jener Zeit ein politischer Junge oder eher ein verträumter? Sie haben Gedichte geschrieben...

Beides. Das passt ja auch sehr gut zusammen. Ich kann mich an den Aufstand in Ost-Berlin 1953 erinnern, da war ich zehn, und der Mauerbau von 1961, da war ich achtzehn, floss in die Gedichte ein, die ich damals schrieb. Das hatte mit Büchner nichts zu tun.

Sie wurden 1943 hier in Rom geboren. Lassen Sie uns über Ihre Generation sprechen. Man hat im Nachhinein den Eindruck, dass die Beschäftigung mit deutscher Geschichte für Ihre Generation unausweichlich war.

Ja, aber das hatte ich mir nicht vorgenommen, das wäre ja größenwahnsinnig gewesen. Es war immer eine aktuelle Neugier, die mich zu einem Thema trieb. Ich entdeckte zufällig bei einer Freundin die Protokolle einer Wirtschaftstagung der CDU 1965 und staunte darüber, wie da gesprochen wird, welche Sätze dort fallen, das war die traditionelle Unternehmerwelt, Ludwig Erhard-Zeit. Aus dem Staunen heraus, wie andere Leute reden und ihre Interessen vertreten, ist dann der Gedanke entstanden: daraus musst du was machen! Es entstand dann die "Dokumentar-Polemik": "Wir Unternehmer. Über Arbeitgeber, Pinscher und das Volksganze". Bei meiner Siemens-"Festschrift" war es auch Neugier. Was ist das für eine Firma, was hat die 1933 bis 1945 gemacht, wie sieht es hinter den Fassaden aus?

Es gibt drei stark autobiografische Bücher von Ihnen, die in drei Zeiträumen spielen und in denen Sie, fast wie im Krebsgang, Ihr Leben erschrieben haben. Zuerst der Roman "Amerikahaus und der Tanz um die Frauen" von 1997, das spielt 1966 in Berlin; dann 1994 die Erzählung "Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde", damit ist das Endspiel der Fußballweltmeisterschaft von 1954 gemeint. Und, als Nachzügler, 2006, die Erzählung "Bildnis der Mutter als junge Frau", da erleben wir in Rom im Jahr 1943 eine hochschwangere junge Frau. Drei Zeiten, drei Stationen Ihres Lebens: Kriegszeit, Nachkriegszeit und dann die sechziger und siebziger Jahre. War das geplant?

Kein Plan. Aber tatsächlich waren alle drei Bücher der Versuch, unverhüllt von mir und meinen Eltern zu erzählen.

Wie ging es denn dem jungen Studenten Delius 1966 in Berlin?

Der kam aus der Provinz, studierte Literatur und wollte Redakteur werden oder Lektor. Ansonsten war er eher ängstlich und nur halb dabei, als vor dem Westberliner Amerikahaus die Eier flogen. Aber wie ich, glaube ich, war die Mehrheit. Wir waren moralisch empört, aber hielten uns bei Aktionen zurück. Das war ja eine durchgängige Frage in der Studentenbewegung: Wie weit durfte man gehen?

Nach Ihrem Studium wurden Sie tatsächlich Lektor: erst im Wagenbach Verlag, anschließend im Rotbuch Verlag, einer Abspaltung des Wagenbach Verlags. In dieser Zeit, 1972, erschien ein Buch von Ihnen, das Aufsehen erregte, die satirische Festschrift "Unsere Siemens-Welt", eine Mischung aus vorgefundenen und erfundenen Dokumenten. Siemens hat Sie und den Verleger Klaus Wagenbach verklagt.

Nein, da stehen keine erfundenen Tatsachen drin. Ich habe nur Material benutzt, das bereits woanders veröffentlicht war, allerdings ohne dessen Wahrheitsgehalt noch mal zu überprüfen. Wir mussten nach einem dreijährigen Prozess einem Vergleich zustimmen und neun von neunzehn beanstandeten Details ändern. Der moralische Sieg war unser, für Siemens war es eine Imageniederlage, weil das ständig durch alle Zeitungen ging. Ich wurde also verurteilt wegen juristischer Unkenntnis, aber nicht wegen Fälscherei. Der schärfste Kritiker der Stuttgarter Urteile war übrigens der ehemalige OLG-Präsident Richard Schmid, der war hundertprozentig auf meiner Seite.