Frisch Auf Göppingen gegen HBW Balingen-Weilstetten Markus Baur, Jens Bürkle: Zwei Trainer, ein Schicksal

Trotz Abschied am Saisonende kämpferisch: Frisch-Auf-Trainer Markus Baur (li.) und sein Balinger Kollege Jens Bürkle Foto: Baumann/imago Picture Point

Frisch Auf Göppingen gegen HBW Balingen-Weilstetten ist ein Derby, ein Kellerduell und ein Spiel mit einer pikanten Parallele: Die Handball-Bundesligisten beschäftigen zwei Trainer auf Abruf. Droht der klassische Lame-Duck-Status?

Sport: Jürgen Frey (jüf)

Eigentlich hätte es diese zusätzliche Brisanz auf den Trainerbänken gar nicht gebraucht. Wenn an diesem Donnerstag (19 Uhr/EWS-Arena) in der Handball-Bundesliga Frisch Auf Göppingen den HBW Balingen-Weilstetten empfängt, reicht schon ein Blick auf die Tabelle, um die enorme Bedeutung dieses Derbys einzuordnen. Frisch Auf hinkt mit 9:19 Punkten den eigenen Ansprüchen weit hinterher und ist zuhause gegen einen Aufsteiger zum Siegen verdammt.

 

„Druck auf dem Kessel“

Schlusslicht HBW (5:23 Zähler) muss punkten, um im Kampf um den Klassenverbleib den Anschluss an die Nichtabstiegsplätze nicht zu verlieren. „Es ist wirklich aus allen Richtungen Druck auf dem Kessel“, sagt Balingens Trainer Jens Bürkle – und ergänzt: „Aber das willst du doch als Trainer in der Bundesliga, genauso wie der Sternekoch, der sich genauso gerne dem Druck stellt.“

Nun ist der HBW nicht gerade als das Schlaraffenland für Handball-Gourmets bekannt, doch Ansprüche haben sie auf der Zollernalb selbstverständlich auch. Der Klassenverbleib sollte es, auch mit im Ligavergleich bescheidenen finanziellen Mitteln, gerne sein. Den traut man dem Chefcoach mit seinem Team auch (noch) zu. Sonst hätte man sich sofort von ihm trennen müssen – und nicht erst zum Saisonende. Mit dieser Mitteilung ging der Club in der vergangenen Woche an die Öffentlichkeit.

HBW zieht Option

Und sie kam deshalb so überraschend, weil Bürkles Kontrakt eigentlich bis zum 30. Juni 2025 lief. Dass darin eine Klausel verankert war, dass von beiden Seiten bis zum 30. November 2023 der Vertrag zum 30. Juni 2024 gekündigt werden kann, war extern nicht bekannt. Diese Option zog der Verein. „Wir sahen Bedarf für Veränderungen und haben uns deshalb zu diesem nicht einfachen Schritt durchgerungen“, begründete HBW-Geschäftsführer Felix König die formal legitime, aber nicht alltägliche Maßnahme.

Bürkle selbst gibt sich zumindest nach außen gelassen: „Wir arbeiten seit sieben Jahren erfolgreich zusammen. Ich bin sehr stolz auf die beiden Aufstiege. Vielleicht ist so ein Wechsel auch mal ganz gut, es gehört in diesem Geschäft dazu.“ Er will keine schmutzige Wäsche waschen, doch etwas verwundert war der frühere Kreisläufer schon, als sein Geschäftsführer am Sonntag nach dem lange Zeit umkämpften 28:34 gegen den SC Magdeburg am Dyn-Mikrofon öffentlich über die Gründe der Trennung sprach: Bürkle müsse die Spielzeit über 60 Minuten auf mehr Schultern verteilen, er würde die Leistungsstärke des Kaders nicht vollumfänglich nutzen, so der Tenor.

Bader und Stevic gehandelt

Deshalb sagt der Coach nur: „Wenn man sich die Realität vor Augen führt, sieht man, dass ich auch gegen Magdeburg bis auf den zweiten Rechtsaußen alle eingesetzt habe.“ Wie auch immer: Für Bürkle ist spätestens am Saisonende Schluss, als Nachfolger werden Ralf Bader (HSC Kreuzlingen) und Aleksandar Stevic (HSC Suhr Aarau) gehandelt, als möglicher Feuerwehrmann Velimir Petkovic (Nationaltrainer Russland).

Auch bei Frisch Auf Göppingen sitzt ein Trainer auf Abruf auf der Bank. Wobei die Nachfolge von Markus Baur für die kommende Saison nach Informationen unserer Redaktion schon so gut wie geregelt ist: Benjamin Matschke (zuletzt HSG Wetzlar) soll kommen. Dass die Nichtverlängerung von Baurs am Rundenende auslaufendem Vertrag in diesen Tagen publik wurde, macht die Parallele zu Bürkle und dem HBW perfekt.

Baur professionell, aber enttäuscht

„Die sportliche Situation ist nicht so, wie wir uns das vorstellen“, begründete der Geschäftsführer Gerd Hofele. Zu der Misere hat aber auch das Management mit einer teils fragwürdigen Kaderplanung beigetragen. Und Baur selbst? Der Weltmeister bleibt betont professionell, macht aus seiner Enttäuschung keinen Hehl: „Entscheidungen trifft man in diesem Geschäft. Sie versteht nicht immer jeder“, sagte er am Dienstag in der Pressekonferenz vor dem Derby.

Lame-Duck-Status

Es droht bei beiden Clubs dieser klassische Lame-Duck-Status: Ein Trainer, den man nicht mehr will, soll – stand jetzt – bis zum Saisonende dennoch auf der Bank sitzen. Geht da nicht automatisch ein Verlust an Einfluss, Autorität und Durchsetzungsmöglichkeiten einher? „Nicht zwingend“, sagt Sportpsychologe Werner Mickler. „Alles hängt von der Mannschaft ab. Nur wenn das Verhältnis zum Trainer nicht passt, wenn es Animositäten gibt, wird es problematisch. Ansonsten kann es durchaus zu einem Zusammenrücken kommen.“ Zumal man es in der Bundesliga mit Profis zu tun habe, die auch immer um ihre eigene Perspektive spielen.

Sowohl in Göppingen als auch in Balingen wird von allen Seiten – durchaus glaubhaft – versichert, dass es keinen Bruch zwischen Team und Trainer gebe. Von daher kann es bis Saisonende mit den Trainern auf Abruf auch klappen. Die Wahrscheinlichkeit, dass Baur oder Bürkle schon früher ihren Job verlieren, dürfte dennoch höher sein. Womöglich trifft es einen der beiden schon dann, wenn er das Derby an diesem Donnerstag verliert.

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