Füchse mit 20:0 Punkten
Worin auch immer die Ursachen für die aktuelle Kieler Situation liegen, an den Fakten kommt keiner vorbei. Die Mannschaft hat in der Liga nach neun Spieltagen bereits acht Minuspunkte auf dem Konto, Spitzenreiter Füchse Berlin (21:1 Punkte) ist zumindest fürs Erste enteilt. Die krachendste Niederlage setzte es für den THW aber in einem Wettbewerb, in dem es im Gegensatz zur Liga gar keine Chance mehr gibt, etwas wiedergutzumachen: In der dritten Runde des DHB-Pokals daheim gegen Abstiegskandidat HSG Wetzlar.
Der THW war nach diesem 31:32 raus aus dem nationalen Cup-Wettbewerb, so früh wie seit 22 Jahren nicht mehr. Als „Schockstarre“, beschrieb Abwehrchef Hendrik Pekeler den Zustand. Geschäftsführer Viktor Szilagyi sprach von einem „dicken Brett“. Linksaußen Rune Dahmke räumte offen ein: „Plötzlich hinterfragt man Dinge, die man gar nicht hinterfragen sollte.“ Und THW-Trainer Filip Jicha? Der versuchte, Halt zu geben: „Ich liebe diesen Verein, und ich bin dafür da, dass wir für diesen Verein erfolgreich sind. Und das waren wir in diesem Spiel nicht. Also bin ich sportlich verantwortlich für diese Niederlage und stelle mich vor mein Team.“
Zarter Aufschwung
Nach dem Pokal-Desaster gab es einen Heimerfolg gegen den HSV Hamburg, mit dem 34:35 beim SC DHfK Leipzig war der zarte Aufschwung aber schon wieder dahin. Immerhin mühte man sich zuletzt erfolgreich zu einem Arbeitssieg zu Hause gegen den TBV Lemgo Lippe. Nur in der Champions League läuft es wie geschmiert. Am Donnerstag übernahm der THW durch ein beeindruckendes 34:28 bei Paris Saint-Germain die Tabellenführung der Gruppe A. „Ich bin sehr stolz auf meine Jungs, die eine unglaubliche Energie und Qualität aufs Feld gebracht haben. Sie haben hart für den Erfolg gekämpft, standen immer zusammen und haben sich an den Matchplan gehalten“, sagte Jicha, der mit seiner Mannschaft am Freitag von Paris aus gleich Richtung Göppingen weiterreiste.
Der erste Erfolg in der französischen Hauptstadt seit neun Jahren ändert wenig daran, dass diese Aura der Unersättlichen national zusehends zu verblassen droht. Und auch wenn man den THW im Titelrennen keineswegs abschreiben sollte, gibt es neben dem knackigen Auftaktprogramm mit Auswärtsspielen bei den direkten Konkurrenten in Flensburg und Magdeburg Gründe für den schwachen Saisonstart.
Diese sind wie so oft im Sport vielschichtig. Völlig unstrittig ist, dass Niklas Landin ein Vakuum hinterlassen hat. Der zweimalige Welthandballer hütet seit diesem Sommer das Tor des dänischen Spitzenclubs Aalborg Handbold. „Landin hat vor allem in engen Spitzenspielen den Unterschied ausgemacht. Er ist weltweit einfach eine Stufe über allen anderen“, lobt ihn Markus Baur. Bei Landins Nachfolger, Vincent Gerard, brach kurz nach seiner Ankunft in Kiel eine alte Adduktorenverletzung auf. Der ebenfalls aus Frankreich gekommene Nach-Nachfolger Samir Bellahcene ist eher eine Ergänzung, auch wenn er in Paris – erstmals – mit wichtigen Paraden zum Sieg beitrug.
Der Abgang von Zarabec schmerzt
Doch auch in der Abteilung Angriff kamen im Sommer prägende Kräfte abhanden. Der Norweger Sander Sagosen hatte das Kieler Spiel zwar nicht so an sich gerissen wie erhofft, doch mit seiner Durchschlagskraft, seiner Wurfgewalt und seinen klugen Entscheidungen im Überzahlspiel strahlte er stets Gefahr aus. Und auch der Abgang des wuseligen Miha Zarabec schmerzt, weil er auf der Spielmacherposition für mehr Tiefe sorgte und mit seiner schneller Spielweise, seinen genialen Pässen die Gegner immer wieder vor neue Herausforderungen stellte.
Auf Überalterung reagiert
Zwar hat der THW aufregende Rückraum-Talente wie den schwedischen Halblinken Eric Johannesson (23/bereits 2022) und den Spielmacher Elias Elefsen a Skipagotu (21) von den Färöer verpflichtet und damit auch auf die Überalterung der Mannschaft reagiert, doch offenbar braucht der Umbruch Zeit. Zumal der kroatische Superstar Domagoj Duvnjak im fortgeschrittenen Handballalter von 35 Jahren seinen Zenit überschritten hat. Er ist unschätzbar reich an Erfahrung, ein nach wie vor grandioser Motivator, der Rechtshänder wirkt auf dem allerhöchsten Niveau aber inzwischen zu langsam.
Duvnjak wird nicht zur THW-Mannschaft der Zukunft zählen. Genauso wenig wie Patrick Wiencek (34) oder Steffen Weinhold (37). Dafür hat der THW Startorwart Gonzalo Perez de Vargas vom FC Barcelona verpflichtet, der spätestens 2025 kommt, und den dänischen Linkshänder Emil Madsen. Bereits im Kader sind Skipagotu und Johansson. An diesem sich abzeichneten Team hat Trainer Filip Jicha (Vertrag bis 2026) entscheidend mitgewirkt. Er soll es aufbauen und formen.
Kommt die Leichtigkeit zurück?
Selbst bei weiteren Misserfolgen dürfte es dem Verein wohl extrem schwerfallen, den Trainer zu wechseln. Auch Markus Baur erinnert sich an Kieler Spielzeiten unter Noka Serdarusic und Alfred Gislason, in denen es keine ganz großen Titel gab, ehe es wieder aufwärts ging. „Dem THW fehlte auf nationaler Ebene bisher die Leichtigkeit, aber Filip wird die Mannschaft auch in der Bundesliga wieder in die Spur bringen“, meint der Weltmeister von 2007. Er hofft, dass das nicht schon am Sonntag gegen sein Frisch-Auf-Team sein wird.
Frisch Auf gegen Kiel
Tickets
Für das Spiel von Frisch Auf Göppingen gegen den THW Kiel (Sonntag, 16.30 Uhr) in der EWS-Arena waren am Freitag 5056 Tickets verkauft. Das Fassungsvermögen beträgt 5600. Der aktuelle Zuschauerschnitt von Frisch Auf liegt bei 3950.