Frisch Auf Göppingen Warum Alfred Gislason auf Handballer Sebastian Heymann setzt
Etwas überraschend ist Sebastian Heymann bei den Länderspielen gegen Ägypten mit dabei. Was steckt hinter der Nominierung des lange verletzen Rückraumspielers?
Etwas überraschend ist Sebastian Heymann bei den Länderspielen gegen Ägypten mit dabei. Was steckt hinter der Nominierung des lange verletzen Rückraumspielers?
Die Nachricht vom Bundestrainer erreichte Sebastian Heymann zwei Tage vor der offiziellen Bekanntgabe des Aufgebots. Und der Rückraumspieler räumt ganz offen ein, dass er nicht damit gerechnet hatte, beim Lehrgang und den beiden Handball-Länderspielen gegen Ägypten an diesem Freitag (18.30 Uhr/Neu-Ulm, Sport1) und am Sonntag (17.15 Uhr/München, ZDF) dabei zu sein: „Ich war schon sehr überrascht, weil ich noch nicht auf dem Niveau war, wie vor meiner Verletzung.“
In der Tat hatte der 25-Jährige zum Zeitpunkt der Nominierung am 18. Oktober bei seinem Verein Frisch Auf Göppingen noch keine Bäume ausgerissen. Im Abwehr-Innenblock hatte der Rechtshänder zwar seine Spielanteile und machte seine Sache ordentlich. Im Angriff aber kam er nur sporadisch zum Einsatz und wirkte bei seinen Kurzeinsätzen noch ziemlich gehemmt. Statt hoch zu steigen, sprang er anfangs in die Abwehrspieler hinein, da die Landung mit Kontakt leichter zu kontrollieren war. „Da fehlte mir noch die Sicherheit, das Selbstvertrauen, die Präzision, aber es wird von Spiel zu Spiel besser, das Vertrauen wird immer größer“, sagt Heymann, der zuletzt beim 27:34 gegen den THW Kiel sechs Tore warf.
Im Gegensatz zum Spieler selbst und den allermeisten Handballinteressierten kam für seinen Vereinstrainer die Nominierung nicht überraschend. Was vor allem daran lag, dass sich Markus Baur mit dem Bundestrainer im regelmäßigen Austausch befand. Und der Frisch-Auf-Chefcoach hat dem Kollegen Alfred Gislason durchaus zugeraten, auf Heymann zu setzen: „Wenn man bedenkt, dass Basti fast eineinhalb Jahre raus war, befindet er sich auf einem guten Weg. Er kommt in jedem Spiel auf mehr Minuten und wird auch immer besser. Ich bin sicher, dass er der Nationalmannschaft mit seinen Qualitäten helfen kann.“
Über diese Qualitäten gibt es keine zwei Meinungen. Ist Heymann körperlich sowie vor allem mental bei 100 Prozent und kann er die Restzweifel in seinem Hinterkopf ausblenden, dann gibt es Europa wenig Spieler von seinem Format. Und in Deutschland schon gar nicht, wo es an durchschlagskräftigen Spielern mit Shooterqualitäten seit Jahren mangelt. Doch der 1,98 Meter große Modellathlet paart auf der Königsposition im linken Rückraum nicht nur Wurfgewalt und Durchsetzungskraft im Eins-gegen-Eins mit Spielverständnis, Auge für den Kreis und die Außen. Was ihm das Prädikat besonders wertvoll verleiht, sind seine Deckungsqualitäten im Abwehrzentrum.
Genau dieses Komplettpaket hat Gislason bewogen, Heymann mit Blick auf die Heim-EM im Januar zu testen. „Derzeit ist Basti in seinen Bewegungen noch nicht so flüssig, aber er bringt alle Voraussetzungen mit, um ein sehr wichtiger Spieler für uns in den kommenden Jahren zu werden, weil er vorne und hinten gleichermaßen stark ist. Das ist Gold wert“, sagt der Isländer und sieht durchaus noch Steigerungspotenzial bei dem gebürtigen Heilbronner: „Manchmal ist er mir noch zu mannschaftsdienlich, zu bescheiden. Ich habe den Eindruck, er weiß gar nicht, was er alles kann.“
Was irgendwo auch an seiner Verletzungshistorie liegt. Zweimal hat sich der Nationalspieler (17 Länderspiele, 30 Tore) nach Kreuzbandrissen im rechten Knie (Oktober 2019) und im linken Knie (Mai 2022) mit eiserner Disziplin zurückgekämpft. Vergangenen Sommer ließ er sich nochmals arthroskopisch am Meniskus operieren, zudem wurde Narbengewebe entfernt.
„Dieser Eingriff war extrem wichtig für mich, seitdem bin ich schmerzfrei“, sagt Heymann. Was er nun einfach benötigt, sind weitere Trainingseinheiten und kontinuierliche Spielanteile vorne und hinten. Auch in einem anderen Umfeld wie der Nationalmannschaft: „Davon, dass ich mit mit anderen Jungs, in einer anderen Mannschaft trainieren kann, verspreche ich mir zusätzliche Kraft und Energie.“
Bleibt die Frage, bei welchem Verein Heymanns sportliche Zukunft liegt. Seit 2016 spielt er für Frisch Auf und ist dort zum Topverdiener im Kader aufgestiegen. Sein Vertrag läuft am Saisonende aus. „Ich mache mir über diese extrem wichtige Entscheidung aktuell meine Gedanken“, sagt Heymann. Bleibt er? Geht er? Wenn ja, wohin? Heymann lässt sich keine Tendenz entlocken. Auch ob er sich zeitnah festlegt oder sogar eine mögliche EM-Teilnahme abwartet – auch da hält er sich bedeckt.
Nach Informationen unserer Redaktion gab es bereits vor seiner aktuellen Nationalmannschaftsnominierung konkrete Gespräche von ihm mit Bundesligarivale SC DHfK Leipzig, der exakt diesen Spielertyp sucht. Doch auch bei anderen Vereinen wie den Rhein-Neckar Löwen wurde er schon hoch gehandelt.
„Stand jetzt weiß ich nur, dass ich weiter in Deutschland Handball spielen möchte. Ich bin ein Familienmensch, eine gewisse Nähe ist mir extrem wichtig“, sagt Heymann. Kein Wunder, dass er für das Länderspiel im nahen Neu-Ulm nicht nur für Freundin Anna und die Eltern Sabine und Martin Tickets besorgen musste, sondern auch für weitere Familienmitglieder und Freunde.
Aufgebot
Tor: Silvio Heinevetter (TVB Stuttgart), David Späth (Rhein-Neckar Löwen), Andreas Wolff (Industria Kielce/Polen). Feld: Rune Dahmke (THW Kiel), Lukas Mertens (SC Magdeburg), Tim Nothdurft (Bergischer HC), Sebastian Heymann (Frisch Auf Göppingen), Philipp Weber (SC Magdeburg), Julian Köster (VfL Gummersbach), Juri Knorr (Rhein-Neckar Löwen), Nils Lichtlein (Füchse Berlin), Kai Häfner (TVB Stuttgart), Renars Uscins (TSV Hannover-Burgdorf), Christoph Steinert (HC Erlangen), Patrick Groetzki (Rhein-Neckar Löwen), Timo Kastening (MT Melsungen), Justus Fischer (TSV Hannover-Burgdorf), Johannes Golla (SG Flensburg-Handewitt), Jannik Kohlbacher (Rhein-Neckar Löwen).
Länderspiele
Das DHB-Team testet zweimal gegen Ägypten: Am 3. November (18.30 Uhr/Sport1) in Neu-Ulm und am 5. November (17.15 Uhr/ZDF) in München.
Heinevetter
Silvio Heinevetter hat bisher 204 Länderspiele für Deutschland bestritten. Seine Nominierung begründete Gislason wie folgt: „Wir wissen noch nicht, in welcher Form Andreas Wolff nach seiner Bandscheibenverletzung zurückkommt. Daher war es mir wichtig, Silvio dabei zu haben.“ Der Isländer weiter: „Er ist ein sehr erfahrener Torhüter, der im bisherigen Saisonverlauf beim TVB Stuttgart in der Bundesliga sehr gute Leistungen gezeigt hat.“ (jüf)