Lässt gerne den Kamelien den Vortritt: Gärtner Daniele Marcacci Foto: Ticino Turismo/ Milo Zanecchia
Im Kamelienpark in Locarno blühen im Frühjahr unzählige Sorten dieser schönen, kapriziösen Pflanze. Der leidenschaftliche Gärtner Daniele Marcacci hat den öffentlichen Garten direkt am Lago Maggiore über Jahre hinweg ausgebaut.
Welche Farbe hat das Tessin? Blau wie das Wasser der Seen, die es dort so zahlreich gibt? Oder weiß wie das flirrende Mittagslicht dieser südlichsten Region der Schweiz? Vielleicht grün wie die Täler und Wälder der Region? Das renommierte Pantone Color Institute hat im vergangenen Jahr versucht, herauszufinden, welcher Farbton das Tessin symbolisiert. Aufgrund von Fotos, die von Bewohnern und Touristen in den sozialen Medien geteilt wurden, haben die Experten des Instituts die Nuance „Ticino Camellia Pink“ ermittelt. Dieses leuchtende, kräftige Rosa mit deutlichen Rottönen repräsentiert das Tessin unmittelbar: durch seine vornehme, aber auch exotisch-tropische Anmutung.
Die Hochzeit der Kamelie
Doch eigentlich gehört die Kamelie gar nicht ins Tessin, ihre Heimat ist das östliche Asien. Vermutlich Ende des 18. Jahrhunderts kam sie durch Handelsreisende nach Europa. Die Region am Lago Maggiore bietet mit ihren Granittälern, dem sauren Boden und dem mediterranen Klima einen idealen Lebensraum für diese Pflanze. Zwischen Ende Februar und Anfang April ist die Hochzeit der Kamelie. Überall leuchten dann ihre rosaroten und weißen Blumenblätter: in öffentlichen Gärten und Parks, in Privathäusern, am Seeufer. Und ganz besonders üppig und vielfältig blüht es im Kamelienpark in Locarno.
Piazza Grande in Loarno Foto: www.imago-images.de/imageBROKER/J. Kruse via www.imago-images.de
Dieser etwa 15 000 Quadratmeter große Garten liegt etwas außerhalb der Stadt. Geht man den Weg vom Zentrum aus zu Fuß, wird man wie von selbst auf den Park eingestimmt. Von Meter zu Meter wird die Gegend ruhiger, beschaulicher. Hat man dann auch den neu errichteten Lido mit seinen meterhohen Glaswänden und riesigen Wasserrutschen passiert, ist man in einer anderen Welt gelandet: dem 2005 eingeweihten „Parco delle Camelie“.
Duftende Hybride
Am Eingang empfängt Daniele Marcacci, der Präsident der Schweizerischen Kameliengesellschaft. Der Kamelienexperte war fast 40 Jahre lang für die Gärten und Parks der Stadt Locarno verantwortlich, jetzt lebt er nur noch für seine Kamelien. „Im Park gibt es etwa 1100 Kameliensorten, die 40 verschiedenen Arten angehören“, erklärt Marcacci. Der leidenschaftliche Chefgärtner hat dafür gesorgt, dass der Park, der wie ein Labyrinth angelegt ist, über die Jahre hinweg immer weiter ausgebaut wurde. Mittlerweile gehört auch ein kleines Amphitheater dazu, das den Besuchern schöne Sitzgelegenheiten mit Blick auf den Lago bietet. Auch ein Pavillon mit Informationstafeln und ein Wasserspiel kamen hinzu. „Das größte Beet des Parks ist den duftenden Hybriden vorbehalten“, erläutert Daniele Marcacci. Denn ursprünglich duftet die Kamelie nicht. Sie besticht allein durch Eleganz, Schlichtheit und Vergänglichkeit. Die Kamelie bildet zwar ein Übermaß an Knospen, dafür verwelkt sie aber sehr schnell. Das jedoch tut sie mit unvergleichlicher Anmut und Tragik. Genau wie ihre berühmteste Trägerin, „Die Kameliendame“ des französischen Schriftstellers Alexandre Dumas der Jüngere.
Vielleicht liegt es auch an diesem Werk der Weltliteratur, dass die Kamelie neben Botanikfreunden immer auch Anhänger von Kunst, Musik und Theater in ihren Bann gezogen hat. Bemerkenswert ist dies in jedem Fall, und besonders auffällig wird es jedes Jahr im Frühling, wenn in Locarno das Kamelienfest stattfindet. Eine knappe Woche lang dreht sich dann alles um die Kamelie. Diese weltweit berühmte Frühlingsveranstaltung „Camelie Locarno“ findet 2024 zum 25. Mal statt und wartet nicht nur mit Raritäten, Sonderzuchten und originellen Blumenarrangements auf, sondern auch mit einem bunten Rahmenprogramm aus Musik und Tanz. Zudem gibt es eine kleine Bar sowie einen Pflanzenmarkt. Am Abend erklingen im Kammermusiksaal auf der Piazza Grande in der Altstadt dann die stimmungsvollen „Concerti delle Camelie“. Das ist ein Internationales Festival für Alte Musik und es findet während der Kamelienausstellung statt sowie einige Wochen davor und danach. Die Solisten bekommen nach den Konzerten selbstverständlich keine Rosen, sondern Kamelien überreicht.
Camellia Pink: die Farbe des Tessins Foto: Ticino Tourismus
Der Kamelienpark kostet nur während des Kamelienfestes Eintritt. Den Rest vom Jahr kann man den Garten kostenlos betreten. Und gerade, wenn die Blütezeit der Kamelie vorüber ist, hat der Garten einen ganz eigenen Zauber. Unzählige abgefallene weiße, rosafarbene und rote Blätter liegen auf dem Boden und machen das Spazierengehen leicht und weich. Zudem hat man den Park dann fast für sich allein. Wenn der Spruch vom echten Geheimtipp nicht so abgedroschen wäre, man müsste ihn unbedingt für dieses wunderschöne und stille Stück Erde anwenden. Ganz am Ende des Gartens gibt es sogar einen Zugang zum Lago Maggiore. Kaum zu glauben, dass hier niemand ist.
Der Kamelienherr Daniele Marcacci erzählt, dass es an diesem paradiesisch anmutenden Ufer selbst im Hochsommer ruhig und friedlich zugehe. Meist kämen eh nur die Einheimischen. „Touristen vermuten in einem botanischen Garten, der nicht mal Eintritt kostet, keinen Seezugang“, sagt Marcacci schmunzelnd.
Aktivitäten Vom 20. bis zum 24. März findet die 25. Ausgabe der Kamelienausstellung „Camelie Locarno“ statt. Während der Ausstellung gibt es im Park neben Blumengestecken auch ein Café, den Pflanzenmarkt sowie Konzerte und Tanzdarbietungen. Wer noch mehr botanische Schönheiten entdecken möchte, kann sich ein Kombiticket kaufen, das die Schifffahrt zu den Brissago-Inseln und den Eintritt in den botanischen Garten der Inseln beinhaltet. Dieses Kombiticket gibt es nur während der Ausstellung: www.shop.ascona-locarno.com.