Führungswechsel bei Siemens Turbulenter Machtwechsel

Von Thomas Magenheim 

Der Siemens-Aufsichtsrat hat den personellen Befreiungsschlag gewagt und die Ablösung von Vorstandschef Peter Löscher beschlossen. Der Österreicher sieht in dem Vorgehen des Gremiums ein abgekartetes Spiel.

Wegweiser nach draußen: Siemens-Chef Peter Löscher muss seinen Posten räumen. Foto: AFP
Wegweiser nach draußen: Siemens-Chef Peter Löscher muss seinen Posten räumen. Foto: AFP

Stuttgart - Die Würfel sind gefallen. Der Österreicher Peter Löscher wird am Mittwoch gegen seinen Willen vom Siemens-Aufsichtsrat als Konzernchef abberufen und vom bisherigen Finanzchef Joe Kaeser ersetzt. Das Aus für den 55-Jährigen wurde offiziell von Siemens bestätigt. Der Aufsichtsrat werde beim Treffen nächste Woche das vorzeitige Ausscheiden des Vorstandsvorsitzenden beschließen, heißt es in einer Mitteilung. Zudem werde ein anderes Vorstandsmitglied zum neuen Chef ernannt. Es sei „glasklar“, dass die Wahl auf Kaeser fällt, betont ein Insider.

Sowohl auf die Abwahl Löschers sowie die Bestellung Kaesers habe sich eine Mehrheit des Gremiums bei einem Krisentreffen verständigt. Dabei ging es nicht nur wegen der hochsommerlichen Temperaturen heiß her, glaubt man den Darstellungen über den Diskussionsverlauf der elfstündigen Marathonsitzung vom Samstag am Münchner Flughafen. Erst zwei Stunden vor Mitternacht wurde dort klar, dass Löschers Tage an der Spitze von Siemens endgültig gezählt sind und Kaeser sich auch gegen seinen Vorstandskollegen Siegfried Russwurm als neuer Siemens-Chef durchsetzen kann.a„Löscher war kämpferisch bis zuletzt, und er hat nicht kapiert, was die Stunde geschlagen hat“, sagt einer, der nahe am Geschehen war. Er habe dem Aufsichtsrat versichert, das Ruder noch herumreißen zu können und die jüngsten Vorgänge in die Nähe eines Putschversuchs im Vorstand gerückt. Damit bezog sich der scheidende Siemens-Chef auf eine Ad-hoc-Mitteilung vom vergangenen Donnerstag.

Dem Renditeziel hatte Löscher zuvor alles untergeordnet

Darin hatte der Konzern das für das kommende Geschäftsjahr 2013/14 (zum 30. September) geltende Margenziel von zwölf Prozent für unerreichbar erklärt. Diesem Renditeziel hatte Löscher zuvor alles untergeordnet und den Konzern einem sechs Milliarden Euro umfassenden Sparprogramm unterworfen, das mutmaßlich auch rund 10 000 der weltweit 370 000 Stellen kostet. Es war nicht das erste Mal, dass Löscher Gewinnprognosen korrigieren musste. Angeschlagen war er zuvor auch schon wegen einer nicht abreißenden Reihe strategischer Fehler und hausgemachter technischer Probleme.

Das Kassieren des Margenziels war schließlich das i-Tüpfelchen

Zum Beispiel wird gerade die von Löscher teuer zugekaufte Solartechnik bei Siemens abgewickelt. An die Bahn liefert der Technologieriese keine neuen ICE-Züge, weil die Komplexität der Technik unterschätzt wurde. In der Nordsee konnten Windräder nicht ans Stromnetz angebunden werden. Und das ist nur ein kleiner Auszug der Siemens-Pannenserie. Das Kassieren des Margenziels war schließlich das i-Tüpfelchen, auch weil der Siemens-Aktienkurs in dessen Folge um bis zu sieben Prozent einbrach. Folgt man Löschers Sichtweise, war das aber ein abgekartetes Spiel, um ihn aus dem Amt zu schießen.

So soll er es dem Aufsichtsrat geschildert haben, bestätigen gut informierte Kreise. Er, Löscher, sei vergangene Woche gegen die Warnmitteilung an die Börse gewesen, weil noch nicht alles verloren sei und das Ziel noch machbar wäre. Die Mehrheit des Vorstandskollegiums habe das aber anders gesehen und die Warnung wurde gegen den Willen Löschers veröffentlicht. In solchen Stunden, wo Mächtige gehen müssen und Posten wie der des Vorstandchefs eines Schwergewichts der deutschen Industrie unter turbulenten Umständen neu besetzt werden, fällt es bisweilen schwer, Diskussionsverläufe exakt nachzuzeichnen. Mit dem Gefallenen will sich niemand mehr solidarisieren. Dem Neuen wollen dagegen alle gefallen. Wahr ist aber auf alle Fälle, dass Löscher im Vorstandsgremium schon länger latent und seit einigen Monaten greifbar isoliert war. Vor allem das Margenziel von zwölf Prozent hat die Gräben vertieft. Es sei in der Strategieabteilung, die Löscher unterstellt ist, erarbeitet worden und nicht in der von Kaeser zu verantwortenden Finanzabteilung, wurde zuletzt immer wieder betont.

Aufseher nicht geschlossen gegen Löscher

Bereits im April habe Kaeser auch den Aufsichtsrat gewarnt, dass Löschers Margenziel kaum noch erreichbar sei, wird jetzt bekannt. Der Österreicher, der 2007 von Aufsichtsratschef Gerhard Cromme nach einem beispiellosen Korruptionsskandal als erster Konzernfremder an die Spitze von Siemens geholt wurde, hatte nie eine eigene Machtbasis im Haus. Aber zuletzt distanzierten sich Vorstandskollegen, allen voran Kaeser, deutlich von ihm. Dennoch stellten sich jetzt die Aufseher nicht geschlossen gegen Löscher. Einige, auch „gewichtige“ Vertreter, hätten dem Österreicher noch eine Chance geben wollen, wird glaubhaft kolportiert. Die Mehrheit habe sich aber auf einen Machtwechsel verständigt. Das trifft auch auf die Zustimmung vieler Siemensianer.

„Ein Aufatmen geht durch das ganze Unternehmen“, heißt es an zentraler Stelle im Haus. Jetzt müsse erst einmal Ruhe einkehren, nachdem auch das Personal zunehmend an Löscher verzweifelt sei. Und gleich danach, müsse operativ alles wieder in Ordnung gebracht werden. Es klingt so, als hätte Kaeser nicht nur einen heißen, sondern auch sehr arbeitsreichen Sommer vor sich.

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