Fusion von PSA und Fiat Chrysler Die Geburt eines Autogiganten
Der Mutterkonzern von Opel und Peugeot will im Verbund mit Fiat-Chrysler der Krise trotzen. Wer profitiert hier von wem?
Der Mutterkonzern von Opel und Peugeot will im Verbund mit Fiat-Chrysler der Krise trotzen. Wer profitiert hier von wem?
Paris/Rom - Die Autobranche befindet sich nach wie vor in einem epochalen Umbruch: Um die milliardenteuren Investitionen stemmen zu können, die mit der Umstellung auf Elektromobilität und autonomes Fahren auf sie zukommen, haben die Konzernleitungen von PSA und Fiat-Chrysler (FCA) jetzt den Schulterschluss beschlossen. Die beiden Unternehmen hatten sich bereits Ende Oktober auf Fusionsgespräche verständigt. Nun soll der Zusammenschluss – nach der Zustimmung der Wettbewerbsbehörden und der Aktionäre – in den nächsten zwölf bis fünfzehn Monaten vollzogen werden.
PSA führt neben Opel die Marken Peugeot und Citroën. Außerdem ist der chinesische Autobauer Dongfeng an PSA beteiligt, der wie die Gründerfamilie Peugeot und der französische Staat rund zwölf Prozent der PSA-Aktien hält. FCA bringt Fiat, Alfa Romeo, Lancia, Maserati, Chrysler, Jeep und Dodge in die Ehe ein. Der Anteil von Dongfeng soll im Zuge der Fusion verringert und jener der Peugeot-Familie erhöht werden – damit die Peugeot-Erben auf den gleichen Anteil kommen wie die italienische Agnelli-Familie, die 14,5 Prozent der Anteile am neuen Konzern besitzen wird.
Durch die Elefantenhochzeit entsteht der viertgrößte Automobilhersteller der Welt. Der neue Konzern setzt rund 8,5 Millionen Fahrzeuge pro Jahr ab; nur Volkswagen, Toyota und der französisch-japanische Renault-Nissan-Verbund sind noch größer. Der geplante Verbund kommt auf einen jährlichen Betriebsgewinn von mehr als elf Milliarden Euro und beschäftigt rund 400 000 Menschen. Es werde ein Automobilgigant geboren, meint der französische Wirtschaftsminister Bruno Le Maire: „Ein globaler Champion, der sich den neuen Herausforderungen der nachhaltigen Mobilität stellen wird.“
Nach Bekanntgabe der Fusion betonten die Verantwortlichen beider Seiten, dass die erzielten Einsparungen es ermöglichen sollen, „massiv in die Technologien und Dienstleistungen zu investieren, die die Mobilität der Zukunft prägen werden“. Zudem werde man auf diesem Weg „die Herausforderungen der Regulierung der CO2-Emissionen bewältigen“. Vor allem Fiat-Chrysler steht in Sachen nachhaltige Mobilität unter Druck. Während andere immer mehr Geld in die Entwicklung von alternativen Antrieben, Elektromotoren und autonome Autos steckten, hatte der Hersteller auf große Investitionen in Elektroantriebe verzichtet. Derzeit ist der Konzern vor allem mit den großen Spritschluckern der Marken Jeep und Ram in den USA erfolgreich.
Alleine hätte FCA die Investitionen in die E-Mobilität kaum aufbringen können. Die Verschmelzung mit dem PSA-Konzern, der in den letzten Jahren viel in die neuen Technologien investiert hat und über eine breite und moderne Modellpalette verfügt, könnte für FCA somit zum Rettungsanker werden. Doch auch der PSA-Konzern profitiert von der Fusion: Die Franzosen können dank des Händlernetzes von Chrysler ihre bisher schwache Position im US-Markt stärken. Das fusionierte Unternehmen wird laut den Konzernspitzen 46 Prozent des Umsatzes in Europa und 43 Prozent in Nordamerika erzielen. Die FCA-Marke Maserati soll dem neuen Konzern zu sportlichem und luxuriösem Flair verhelfen.
Beide Unternehmen gaben an, angesichts der Fusion durch die angestrebten Synergieeffekte pro Jahr rund 3,7 Milliarden Euro einzusparen – ohne auch nur ein Werk schließen zu müssen. Die nur einmal anfallenden Fusionskosten schätzen die Konzerne auf 2,8 Milliarden Euro. Ein Teil davon dürfte für großzügige Abfindungsangebote an Angestellte verwendet werden, deren Stellen nicht wieder besetzt werden.
Von beiden Seiten wird betont, dass nicht ein Unternehmen das andere übernehme, sondern dass es sich um eine Fusion „unter Gleichen“ handle. Vorstandsvorsitzender wird PSA-Konzernchef Carlos Tavares (61). Der Portugiese gilt als knallharter Sanierer, was er seit rund zwei Jahren bei der früheren General-Motors-Tochter Opel unter Beweis stellt. Dass Tavares nun auch im neuen Gemeinschaftsunternehmen die operative Führung übernimmt, stimmt Marktbeobachter zuversichtlich. Er soll für die nächsten fünf Jahre an Bord bleiben. Der bisherige FCA-Boss Mike Manley soll eine gehobene Managementposition einnehmen. Der FCA-Verwaltungsratschef John Elkann (43) übernimmt diese Rolle auch im neuen Unternehmen. Er ist der Enkel des legendären Fiat-Bosses Giovanni „Gianni“ Agnelli. Das italienische Traditionsunternehmen war 2014 in Fiat-Chrysler Automobiles aufgegangen. Manley erinnerte daran, dass sowohl sein Unternehmen als auch PSA schwierige Zeiten durchgemacht hätten und zu „agilen Konzernen“ aufgestiegen seien.
Laut italienischen Medienberichten war die Idee der Fusion von Elkann ausgegangen. Der Grund: Fiat-Chrysler hatte unter dem vor gut einem Jahr verstorbenen Konzernchef Sergio Marchionne die Entwicklung in Richtung nachhaltiger Mobilität weitgehend verschlafen – die Italoamerikaner verfügen bis heute über kein einziges rein elektrisch betriebenes Modell. Außerdem steckt der Konzern in Schwierigkeiten: Umsatz und Gewinn sind im ersten Halbjahr 2019 eingebrochen, vor allem in Europa und ganz besonders im Fiat-Heimatmarkt Italien herrscht Krisenstimmung. Ein besonderes Sorgenkind ist die an sich attraktive Marke Alfa Romeo, die Marchionne mit Milliardeninvestitionen wieder in Schwung bringen wollte, die aber trotzdem nicht vom Fleck kommt.
Einen Name hat der neugeborene Konzern noch nicht. „Das ist ein Prozess, der erst heute beginnt“, sagte Manley. Die Namensgebung sei aber nicht „heikel“, sondern „interessant“.