Die Abwehrprobleme der Nationalelf Gefangen im Netz der Fehler

Von Marco Seliger 

Sechs Gegentore in den vergangenen beiden Heimspielen hat die DFB-Auswahl kassiert. Diese Defensivschwäche hat nicht nur mit den Unzulänglichkeiten der Abwehrreihe zu tun.

Auch Antonio Rüdiger gab im Spiel gegen die Schweiz keine gute Figur ab. Foto: dpa/Federico Gambarini
Auch Antonio Rüdiger gab im Spiel gegen die Schweiz keine gute Figur ab. Foto: dpa/Federico Gambarini

Köln - Der junge Mann, der vorne glänzte und, das am Rande, seit knapp drei Jahren volljährig ist, sagte den Satz des Abends. Man müsse erwachsener verteidigen, erklärte Kai Havertz, das Offensivjuwel, der beim 3:3 der DFB-Elf gegen die Schweiz im Nations-League-Spiel von Köln vorne sowohl mit jugendlicher Frechheit als auch mit erwachsener Abgezocktheit glänzte: Havertz war an allen drei deutschen Toren beteiligt.

Und hinten? Da fehlte es am Dienstagabend an allem. Und Havertz mahnte das an, was das Thema der Stunde ist beim Team von Joachim Löw. Denn die deutsche Abwehrleistung, sie war nicht nur unerwachsen. Sie war altersunabhängig: schlecht. In den vergangenen sieben Tagen gab es zwei Heimspiele für das DFB-Team – und zweimal ein 3:3. Die sechs Gegentore gegen die Türkei und gegen die Schweiz sind ein Alarmsignal, auch mit Blick auf die EM.

Variabilität ist das Gebot der Stunde

Der Bundestrainer hatte zumindest fürs Spiel gegen die Schweiz eine Erklärung parat. Löw wechselt ja gerade gerne von einem System zum nächsten, er will mangels Trainingseinheiten schon jetzt Dinge einstudieren mit Blick auf die EM. Höchste Variabilität ist das Gebot des Tüftlers Löw – der gegen die Schweiz nicht nur den Wechsel von einer Dreierkette zur Viererkette vollzog.

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Löw ließ plötzlich Manndeckung spielen. Über den ganzen Platz. Den Gegner hetzen, jagen und dominieren, und das auch schon ganz vorne, das war der Plan. Das erklärte Löw hinterher, als es schon spät und bitterkalt wurde in Köln: „Heute haben wir sicher ein paar Fehler gemacht, weil wir auch bewusst ein hohes Risiko eingegangen sind. Wir haben gesagt, okay, wir spielen auch Mann gegen Mann.“

Von der großen Jagd auf die Schweizer Spieler aber, nun ja, war dann nur punktuell etwas zu sehen, um es vorsichtig auszudrücken. Denn die deutschen Jäger waren auf ihrer Pirsch oft einen Schritt zu spät, und im Verbund agierten sie oft so unkoordiniert, dass sich im Gehege etliche Lücken auftaten – und die wieselflinken Gejagten ihrerseits, wenn man so will, drei Volltreffer landen konnten. Denn das deutsche Feld war offen für schnelle Gegenangriffe der Schweizer.

Der Abwehrchef wird noch geschont

Klar, da war dann später bei der Suche nach Ursachen der Abwehrschwäche schnell die überforderte, neu besetzte deutsche Viererkette mit Lukas Klostermann, Matthias Ginter, Antonio Rüdiger und Robin Gosens ein Thema. Die Gegentore waren dabei keinem Abwehrmann allein zur Last zu legen, es fehlte an der Koordination und der Eingespieltheit. Und es fehlte ein Mann, der alles qua Klasse und Erfahrung regelt. Es fehlte ein Abwehrchef. Löw sagte hinterher dies dazu: „Der Niklas Süle ist normalerweise in unserer Abwehr ein Spieler, der auch immer gesetzt war, wenn er gesund ist.“

Bei Abwehrchef Süle aber, so Löw weiter, müsse man nach seinem Kreuzbandriss vorsichtig sein. Der Innenverteidiger des FC Bayern saß gegen die Schweiz also auf der Bank und wurde geschont. Und die, die hinten randurften, taumelten von einer Verlegenheit in die nächste.

Ein Problem ist die Kommunikation

Es gibt aber auch übergeordnete Probleme im Defensivverhalten, die nicht nur mit Süles Fehlen zu tun hatten – und die zuletzt nicht nur gegen die Schweiz zu erkennen waren. Eines davon heißt: Kommunikation. „Ja, da können wir uns verbessern auf dem Platz“, sagte Löw nun zum fehlenden Austausch seiner Profis.

Fakt ist: Wer wie die DFB-Elf gegen die Schweiz Mann gegen Mann spielt, braucht die Kommandos untereinander erst recht. Die gab es aber zu selten. Und oft, da brüllten die Spieler erst, als es zu spät war. So war Leon Goretzkas Urschrei in Richtung des Angreifers Timo Werner („Tiiimmmooooo, draaaauuuufff!“) vermutlich bis in die Kölner Innenstadt zu hören. Er kam aber zu spät. Weil Werner in der Szene Mitte der ersten Hälfte vorne gar nicht mehr draufgehen konnte und der Ball längst woanders war.

Goretzka war im Mittelfeld oft damit beschäftigt, Löcher zu stopfen – und dem Sechser Joshua Kimmich ging es dahinter nicht besser. Insbesondere bei Kimmich zeigte sich, wie sehr es noch hapert bei den Abläufen. Fast schien es gegen die Schweizer so, als wisse Kimmich irgendwann nicht mehr, wo er hinrennen sollte. Mal ging er vorne drauf, mal wollte er hinten absichern, und vermutlich hätte er beides gerne auf einmal erledigt. Kimmich verlor sich irgendwann im Nirgendwo.

Minimalziel EM-Halbfinale

Mit Blick auf die EM ist unabhängig davon längst eine Debatte rund um den Profi des FC Bayern in Gange. Braucht es Kimmich bei der Schwäche der Außenverteidiger nicht eher auf der Position rechts hinten in der Abwehr? Und kann daher nicht auch Goretzka neben Toni Kroos im Mittelfeld ran? Die Fragen werden den Bundestrainer wohl noch beschäftigen. Für die EM jedenfalls rief Löw am späten Dienstagabend noch das Halbfinale als Minimalziel aus. Und das klang nach den jüngsten Defensiveindrücken seiner Elf durchaus ambitioniert.




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