Fußball-Nationalmannschaft Warum Joachim Löw sich nichts vorzuwerfen hat

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Joachim Löw hat sich gegen den Vorwurf gewehrt, das Weltmeister-Trio Boateng, Hummels und Müller stillos verabschiedet zu haben. Für die öffentlich geäußerte Kritik von Müller hat der Bundestrainer eine einfache Erklärung.

In der Kritik, aber mit sich im Reinen: Bundestrainer Joachim Löw Foto: dpa
In der Kritik, aber mit sich im Reinen: Bundestrainer Joachim Löw Foto: dpa

Frankfurt/Stuttgart - Manchmal hilft auch eine Bahncard 100 für die Erste Klasse nicht weiter. Zwischen Freiburg und Frankfurt verbummelt am Freitagvormittag der ICE, in dem Joachim Löw sitzt, Minute um Minute. Die Verspätung wird immer größer, irgendwann steigt der Bundestrainer aus und in den Mietwagen um – er muss zu einem wichtigen Termin: Pressekonferenz in der DFB-Zentrale, mit ihm auf dem Podium, mit Spannung erwartet.

Zehn Tage sind vergangenen, seit Joachim Löw die Nation mit der sofortigen Ausmusterung von Jérôme Boateng (30), Mats Hummels (30) und Thomas Müller (29) in helle Aufregung versetzte. Und nur ein paar Tage sind es noch bis zum Testspiel am nächsten Mittwoch gegen Serbien in Wolfsburg, dem das erste EM-Qualifikationsspiel in den Niederlanden am Sonntag folgt. Es sei „der Beginn eines neuen Zyklus“, sagt Löw, als er endlich in Frankfurt eingetroffen ist. Der richtige Zeitpunkt also, um ein paar Dinge zurecht zu rücken.

Der Bundestrainer hat gewusst, dass Diskussionen auf ihn zukommen

Ja, er hat es gewagt, drei Weltmeister des FC Bayern auszusortieren, nein, er hat sich überhaupt nichts vorzuwerfen – das ist seine wichtigste Botschaft. „Mir war bewusst, dass darüber diskutiert wird. Aber ich habe es aus voller Überzeugung getan.“ Energisch weist Löw den Vorwurf zurück, es sei stillos gewesen, derart verdiente Nationalspieler so hopplahopp in den Ruhestand zu versetzen: „Über allem stand, die Spieler persönlich zu informieren. Diese Direktheit war das oberste Gebot.“

Keine Hauruckaktion kurz vor dem ersten Länderspiel sei die Geheimreise nach München gewesen, sondern das Ergebnis monatelanger Überlegungen. „Es war aufgrund der Leistungen im vergangenen Jahr unerlässlich, gewisse Veränderungen vorzunehmen“, sagt Löw. Von „einem Prozess“ spricht er, an dessen Ende die Entscheidung gegen das Weltmeister-Trio stand. „Selbstverständlich“ habe man die Spieler möglichst schnell informieren wollen. Und selbstverständlich sei der FC Bayern über das Kommen der DFB-Delegation, der auch Manager Oliver Bierhoff und Co-Trainer Marcus Sorg angehörten, in Kenntnis gesetzt worden. Und noch einmal: „Das Allerwichtigste waren mir die persönlichen Gespräche“. „Ehrlich und fair“ sei er den Spielern begegnet – „alles andere wäre ein Eiertanz gewesen.“

Die Pressemitteilung folgte kurz nach den Gesprächen

Warum sich Müller („Das hat mit Wertschätzung nichts zu tun“) anschließend dennoch per Videobotschaft beklagte? Damit, sagt Löw, habe der Stürmer vor allem die Pressemitteilung gemeint, in der der DFB schon kurz nach dem Treffen das Ende der Nationalmannschaftskarrieren verkündete. „Es war unsere Pflicht und unsere Aufgabe diese Entscheidungen rauszugeben“, sagt Löw, „die Spieler wussten, dass wir dies schnell tun würden.“

Hier lesen Sie unseren Kommentar zum Auftritt von Joachim Löw.

Doch ist es daneben vor allem die Endgültigkeit des Urteils, das nicht nur die drei Spieler kritisieren. Sogar Jürgen Klinsmann, Löws Vorgänger und einst enger Vertrauter, rätselt: „Was machst du denn, wenn Thomas Müller Torschützenkönig wird und auf einmal durchstartet?“ Auch dann wird es kein Zurück geben – zumindest so lange Löw Bundestrainer ist. Das Trio sei zwar „nicht verbannt“ und habe auch „nichts verbrochen“, die Spieler hätten „Einmaliges geleistet“ und „die erfolgreichste Dekade im deutschen Fußball“ mitgestaltet, Löw empfindet „allergrößte Wertschätzung und Dankbarkeit“. Jedoch: „Ich plane ohne sie.“ Ende der Diskussion.

Joachim Löw will seinem Team einen neuen Spielstil vermitteln

Die drei Bayern-Profis passen nicht mehr zum neuen Spielstil, den Löw seinem Team vermitteln will. Von „Langsamkeit“ sei das Spiel zuletzt geprägt gewesen, nun brauche es „mehr Dynamik, Zielstrebigkeit, Torgefahr und Schnelligkeit“. In Kapitän Manuel Neuer (32), Marco Reus (29), Toni Kroos (29) und Ilkay Gündogan (28) stehen nur noch vier Routiniers im deutschen Aufgebot für die ersten beiden Länderspiele 2019, in dem auch für Jonas Hector (28) und Mario Götze (26) kein Platz blieb. Neu hinzu kommen der Berliner Niklas Stark (23), der Leipziger Lukas Klostermann (22) und Maximilian Eggestein (22) von Werder Bremen.

„Wir haben genügend Spieler, die in Führungspositionen wachsen können“, sagt Löw am Ende und meint damit nicht zuletzt die Münchner Joshua Kimmich (24) und Leon Goretzka (24). Dass sie sich zuletzt für ihre ausgemusterten Mitspieler verwendet haben, sei kein Problem. Im Gegenteil: „Wir wollen mündige Spieler.“