Gaststätte in Stuttgart-Rohr schließt Ein Abschied ohne Handschlag

Dora und Walter Polancic wollen den Abschied noch nicht recht wahrhaben. Foto: Holowiecki

Das Lokal Kanonenbäck ist in Stuttgart-Rohr eine Institution. Nun haben die Wirte nach fast 45 Jahren still und leise aufgehört. Altershalber, aber auch wegen Corona.

Rohr - Illustrierte und Tageszeitungen liegen ausgebreitet auf dem Tisch. Dora und Walter Polancic haben es sich auf der Eckbank gemütlich gemacht und lesen. Ihr schneeweißes Malteserhündchen leistet ihnen an diesem trüben Januar-Nachmittag Gesellschaft. Gäste werden im Kanonenbäck nicht erwartet. Die Tür zum Lokal in Stuttgart-Rohr ist wegen des Lockdowns abgesperrt, und sie wird sich nicht mehr öffnen. Das Ehepaar Polancic hat sein Restaurant zum Jahresende 2020 geschlossen. Nach fast 45 Jahren.

 

Es ist ein Abschied ohne Handschlag. Für das Paar, das Mitte der 1960er aus Slowenien nach Deutschland kam, ist das bitter. „Du kannst dich von keinem verabschieden“, sagt Walter Polancic. Mehr als ihr halbes Leben haben beide in der rustikalen Gaststätte mit der dunklen Holzeinrichtung und den gerafften Gardinen verbracht. „Bei uns war es richtig familiär. Wenn du in Rohr keine Stammgäste hast, kannst du nicht überleben“, sagt die Frau. Sie holt ein Gästebuch mit einem hellen Einband hervor. Zum 40-Jahr-Bestehen wurde es angelegt. Fotos von Stammtischgruppen und lachenden Gästen sind eingeklebt. Warme Worte stehen daneben. „Das ist unser Zuhause“, sagt Dora Polancic. Tränen schießen ihr in die Augen. Während sie sich ein Taschentuch holt, spricht ihr Mann. „Es sind viele Freundschaften entstanden, plötzlich ist alles weg“, sagt er.

1893 als Jägerstüble eröffnet worden

Der Kanonenbäck an der Rathausstraße ist eine Institution. 1893 war das Wirtshaus als Jägerstüble eröffnet worden. 1976 haben die Eheleute Polancic nach Stationen in Plattenhardt und Aich das Lokal von einem Landsmann übernommen und sich mit Speisen aus dem ehemaligen Jugoslawien einen guten Namen gemacht. Und das als Branchenquereinsteiger.

Dass sie jetzt zugemacht haben, hat in erster Linie mit dem Alter zu tun. Dora Polancic ist 77, ihr Gatte ein Jahr älter. Die Gesundheit macht nicht mehr mit. Walter Polancic ist schlecht zu Fuß. „Mein Mann ist krank, es war alles auf meinen Schultern. Ich konnte nicht mehr“, sagt Dora Polancic. Bereits im März 2020 hätte eigentlich Schluss sein sollen, Stammgästen hätten aber gedrängt, noch weiterzumachen. Dann kam Corona. Die Pandemie habe dem Kanonenbäck den Todesstoß gegeben. Essensbestellungen für daheim seien im Lockdown kaum eingegangen. Nein, es habe sich einfach nicht mehr gelohnt.

Immer wieder trocknet sie sich die Augen

Das Ende der beruflichen Laufbahn war absehbar, Dora Polancic ist jetzt, wo der Zeitpunkt da ist, dennoch untröstlich. Immer wieder trocknet sie sich die Augen. „Diese Stille auf einmal, das ist etwas Furchtbares“, sagt sie. An den Gedanken, keine Gäste mehr zu bewirten, hat sich die rührige Seniorin noch nicht gewöhnt. Auch ihr Mann wirkt betrübt. „Es fehlt was, ja“, sagt er und klatscht mit der flachen Hand auf den Wirtshaustisch neben die Illustrierten. Das Haus, in dem sich der Kanonenbäck befindet, haben Dora und Walter Polancic schon länger verkauft. Noch leben sie darin, doch der Umzug innerhalb von Rohr ist bereits beschlossene Sache. Laut ihrer Informationen soll das Haus zugunsten eines Neubaus weichen. „Der Platz ist super“, sagt Dora Polancic.

Bald 56 Jahre ist sie mit ihrem Walter verheiratet, hat zwei Söhne großgezogen und drei Enkel bekommen. Die Polancics hoffen jetzt auf den Frühling. Dass die Sonne wieder scheint und dass Unternehmungen wieder möglich sind. Mit dem Kanonenbäck-Personal wollen sie sich dann regelmäßig zum Stammtisch treffen. Walter Polancic sagt: „Es ist jetzt einfach eine blöde Zeit.“

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