Gasverbrauch im Winter 2023 Der Spareifer beim Heizen lässt nach

Der Gasverbrauch in Deutschland steigt, das hat auch mit dem Heizen zu tun. Foto: dpa/Hauke-Christian Dittrich

In Deutschland wird aktuell deutlich mehr Gas verbraucht als im Vorjahr, und das hat nicht nur mit der Witterung zu tun. Woran liegt das – und reicht das Gas bis ins Frühjahr?

Digital Desk: Jan Georg Plavec (jgp)

Deutschland verbraucht seit Mitte Oktober zwischen zehn und 20 Prozent mehr Erdgas als vor einem Jahr. Das hat nicht nur mit der kühlen Witterung zu tun. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat ermittelt, dass der um temperaturbedingte Schwankungen bereinigte Verbrauch höher liegt als im Vorjahr. Er ist aber noch knapp zehn Prozent unter dem bis zur Energiekrise üblichen Niveau.

 

Vor einem Jahr redeten noch alle übers Gassparen. Nach dem russischen Pipeline-Lieferstopp im August 2022 ging die Angst vor der Gasmangellage um, mantraartig wiederholten Politik und Bundesnetzagentur die Notwendigkeit, 20 Prozent weniger Gas zu verbrauchen. Das ist mehr oder weniger gelungen, am Ende eines warmen Winters waren die Gasspeicher vergleichsweise gut gefüllt: Die Krise wurde abgewendet.

Es wird wieder mehr Gas verbraucht

Dank der Energiepreisbremse, zwischenzeitlich relativ günstigen Grundversorgern und mittlerweile stabilisierten Neukundentarifen ist das für die Bevölkerung nicht einmal allzu teuer geworden. Längst hat etwa der Krieg im Nahen Osten die Energiekrise aus den Nachrichten verdrängt. Und es wird wieder mehr Gas verbraucht.

Einiges spricht dafür, dass mit den Preisspitzen und Schlagzeilen auch der Sparanreiz verschwunden ist. „Die drohende Gasmangellage ist nicht mehr so präsent in den Köpfen. Und es ist derzeit vergleichsweise kalt“, sagt Sebastian Gulbis, Partner bei der Beratungsfirma Enervis. Da werde eben wieder mehr geheizt.

Auch die Industrie verbrennt mehr Gas

Ist das nicht verwunderlich? Schließlich kostet die Kilowattstunde Gas laut dem Vergleichsportal Verivox bei Neukundentarifen derzeit 8,3 Cent, im Bestand zahlten Haushaltskunden im ersten Halbjahr 2023 laut Statistischem Bundesamt inklusive aller Abgaben und Grundbeträge im Schnitt 12,3 Cent je Kilowattstunde. Das ist fast eine Verdopplung verglichen mit dem ersten Halbjahr 2021. Eine Prognose der Beratungsfirma CO2 online geht für das Gesamtjahr 2023 davon aus, dass die Preise für Gaskunden um 60 Prozent über denen von 2021 liegen – aber etwas unter dem Niveau von 2022 .

Wenn sie mehr zahlen als vor der Krise und nur minimal weniger als im Vorjahr– warum sparen die Gaskunden nur noch so wenig? „Bei Haushalten kommt die psychologische Komponente hinzu, und auch die Wohnungen benötigen eine gewisse Mindesttemperatur“, vermutet Gulbis.

Bei Privatverbrauchern darf eine gewisse Gewöhnung an höhere Tarife unterstellt werden. Gewerbe und Industrie dagegen sind typischerweise sehr preissensibel. Auch sie zahlen deutlich mehr für Gas als vor der Energiekrise, allerdings sind die Kosten für Nichtuahshaltskunden im ersten Halbjahr 2023 laut Statistischem Bundesamt gesunken. Preis runter, Verbrauch rauf: tatsächlich verbrauchen Gewerbe und Industrie derzeit deutlich mehr Gas als im Herbst 2022. Zwei Drittel des aktuellen Mehrverbrauchs gehen auf Gewerbe und Industrie zurück.

Reicht das Gas über den Winter?

Enervis ist spezialisiert auf energiewirtschaftliche Modelle. Dazu zählt auch die Frage, ob das Gas wie im vergangenen Jahr über den Winter reicht. Die Bundesnetzagentur hat Anfang November Modellrechnungen für die Gasreserven vorgelegt. Darin geht sie von einem „Kaltjahr“ wie 2012 mit „kleineren Kältephasen im Dezember und einer intensiven Kältephase im Februar“ aus.

Ein Teil der Szenarien rechnet mit zehn Prozent weniger Gasverbrauch als im Mittel der Vorkrisenjahre 2018 bis 2021. Das umschreibt die bisherige Witterung und den bisherigen Verbrauch recht gut. Bislang bewegt sich Deutschland auf dem Pfad des optimistischen Szenarios, bei dem die Gasspeicher selbst am Ende des Winters noch zu 50 Prozent gefüllt sind – sofern reichlich Energie importiert wird.

Aktuell leeren sich die Speicher relativ schnell, weil mehr Erdgas verbraucht als eingeführt und hierzulande gefördert wird. Binnen zwei Wochen wurden etwa fünf Prozent der Kapazitäten ausgespeichert. Dazu trägt neben der aktuellen Kälteperiode und den nachlassenden Sparanstrengungen auch der Börsenpreis für Erdgas bei.

„Sind noch nicht durch“

Unter anderem mit Flüssiggasterminals wurde die europäische Gasinfrastruktur zuletzt massiv ausgebaut. Trotzdem sieht der um ein Jahr verlängerte Gasnotfallplan der EU vor, auch diesen Winter 15 Prozent Erdgas zu sparen. „Damit sind wir im laufenden Winter noch nicht durch“, sagt Sebastian Gulbis. Eine längere Kälteperiode würde die Gasspeicher rasch leeren, schneller jedenfalls als im Vorjahr.

In so einem Fall könnte die Gasmangellage doch noch zum Thema werden – oder wenn deutlich weniger Erdgas geliefert würde, etwa über die Ukrainepipeline oder die Flüssiggasterminals. Zumindest teilweise hat Deutschland es in der Hand, dass die Speicher bis Anfang Februar nicht unter den vorgeschriebenen Füllstand von 40 Prozent fallen – wenn es weniger verbraucht.

Aktuell spart Deutschland zumindest die von der Bundesnetzagentur bei ihrer Berechnung angenommenen zehn Prozent. Ähnlich wie im Vorjahr könnte die Furcht vor Abschaltungen in der Industrie das Land dazu bringen, den Verbrauch noch etwas mehr zurückzufahren. Ohne eine solche Bedrohungslage scheinen so starke Einsparungen wie im Winter 2022/23 aktuell jedoch unwahrscheinlich.

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