Eines muss man dem Gebäude lassen: Es regt die Fantasie an. Den einen erinnert die Form an die steil aufragende Rückenflosse eines Haifisches, einen anderen an die Schaufel eines Tagebaubaggers, die sich durch die Umgebung frisst. Klar ist: Das Bauwerk fällt in der Häuserfront entlang der viel befahrenen Willy-Brandt-Straße auf – noch dazu, weil in den vergangenen Tagen die Baugerüste demontiert wurden und nun ein ungestörter Blick auf das sogenannte Schwallbauwerk möglich ist.
Den ungewöhnlichen Namen verdankt das mehr als 15 Meter hohe Gebäude seiner Funktion. Durch die zur Willy-Brandt-Straße hin montierten Lamellen soll schwallartig Luft entweichen, die Züge in den darunter liegenden Stuttgart-21-Tunneln vor sich herschieben und die nicht die auf den Bahnsteigen des Durchgangsbahnhofs wartenden Passagiere umwehen sollen.
Sollte in der Bahnsteighalle ein Feuer ausbrechen und Rauch aufsteigen, wandelt sich die Aufgabe des Gebäudes. Dann saugt es Luft von außen an, mit der die Bahnsteighalle rauchfrei gehalten werden soll, bis sich Menschen aus dem Bahnhof ins Freie gerettet haben. Kritiker des Vorhabens melden erhebliche Zweifel an diesem Vorgehen an.
Straße umrundet das Bauwerk
Zumindest das Bauwerk, das diese Funktionen erfüllen soll, ist nun im Stadtbild sichtbar. Während es auf der Seite der Willy-Brandt-Straße steil aufragt, zeigt es dem dahinterliegenden Kernerviertel seine bucklige Rückseite. Noch verläuft dort die temporär verlegte Landhausstraße, über die die langen Busse der Linie 42 das Schwallbauwerk umrunden. Erst voraussichtlich Ende 2025 soll die Straße wieder an ihre gewohnte Stelle zurückverlegt werden, sagt ein Projektsprecher der Bahn auf Anfrage. Vor dem Bauwerk wiederum klafft eine große Baugrube, in der derzeit der Straßentunnel unter dem Gebhard-Müller-Platz um rund 100 Meter Richtung Osten verlängert wird.
Ehe der Bau des Schwallbauwerks und der darunter liegenden Tunnel so richtig losgehen konnte, riss die Bahn Gebäude ab oder kaufte umstehende Häuser auf. Das betrifft vor allem das in einem auffälligen Grünton gehaltene Haus mit der Anschrift Sängerstraße 6a/b, aus dessen Fenster man einen ungehinderten Blick auf die Rückseite des Schwallbauwerks hätte, wäre es denn noch bewohnt. Die Bahn habe es „Ende der 1990er Jahre erworben und im Nachgang geräumt“, sagt der Projektsprecher. Die rund 1700 Quadratmeter große Wohnfläche ist seitdem ungenutzt. Was aus der Immobilie wird, zu deren Eingang zwei geschwungene Treppenanlagen führen, könne derzeit nicht gesagt werden.
Land investiert in der Nachbarschaft
Klarer ist da schon die Perspektive für ein weiteres Haus im Schatten des Schwallbauwerks. Das Haus Willy-Brandt-Straße 18, das lange Jahre im Erdgeschoss den „Kunstraum Lotte“ beherbergte, gehört dem Land. Das zuständige Amt für Vermögen und Bau Baden-Württemberg investiert bis Herbst 2024 rund 3,8 Millionen Euro in die grundlegende Sanierung. Die Fassade wird gedämmt, aufs Dach kommt eine Photovoltaikanlage, für die Behaglichkeit sorgt künftig statt Gas der Anschluss ans Fernwärmenetz. Die zehn Wohnungen und die Ladenfläche sollen nach Ende der Sanierung wieder vermietet werden.
Endgültige Gestaltung unklar
Wie dann das Schwallbauwerk vor der Haustüre aussehen wird, ist noch nicht endgültig entschieden. „Die äußere Gestaltung erfolgt in enger Abstimmung mit den Hauptanrainern Landeshauptstadt Stuttgart und Land Baden-Württemberg. Die Abstimmungen dauern derzeit noch an“.