Georg-Büchner-Preis für Rainald Goetz Klassiker des Pop

Euphoriker des Jetzt: der Schriftsteller Rainald Goetz Foto: Peter Peitsch Photography
Euphoriker des Jetzt: der Schriftsteller Rainald Goetz Foto: Peter Peitsch Photography

Man hat schon nicht mehr daran geglaubt, doch endlich bekommt der Autor Rainald Goetz, was er schon lange verdient hat: den Georg-Büchner-Preis.

Kultur: Stefan Kister (kir)
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Stuttgart - Hat man in früheren Jahren den ehemaligen Leiter des Stuttgarter Literaturhauses, Florian Höllerer, gefragt, wer denn seiner Ansicht nach diesmal den Büchner-Preis bekommt, lautete die Antwort immer gleich: Rainald Goetz. Ausgezeichnet wurden dann doch immer andere, als entzöge sich dieser nervöse und radikal gegenwärtige Geist den Kanonisierungsprinzipien der ehrwürdigen Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung, die diesen in jeder Hinsicht bedeutendsten Adelsschlag für deutschsprachige Autoren erteilt.

In diesem Jahr haben wir Florian Höllerer nicht gefragt, ausgerechnet, diesmal hätte er vermutlich richtig gelegen. Endlich hat sich die Jury dieses Autors entsonnen, der sich, wie es in ihrer Begründung heißt, „mit einzigartiger Intensität zum Chronisten der Gegenwart und ihrer Kultur gemacht hat“. Beinahe hätte man in Darmstadt die Gegenwart verschlafen. Einundsechzig Jahre alt musste der Genius der Jetztzeit werden, um als Popautor der Weihen der Klassizität teilhaftig zu werden. Dabei hat die Tür ins Pantheon vor zwei Jahren bereits das Land Baden-Württemberg aufgestoßen, als es Rainald Goetz seinen Schillerpreis zuerkannte. Doch das Bestreben, ihn zum Klassiker zu machen, hatte der Autor damals in einer rasanten Rede niedergemäht, in der er gegen das Wahre, Schöne und Gute Eigenschaften wie Aggressivität, Bosheit und Selbstdestruktivität als das Ferment seiner Bücher beschrieb.

Ab ins Subito

Der erste Schauplatz, an dem er diese Werte exekutierte, war die eigene Stirn, die er sich 1983 während des Wettlesens um den Klagenfurter Bachmannpreis mit einer Rasierklinge aufritzte, dort also, wo sich heute Scharen lammfrommer Autoren tapfer lächelnd zur philologischen Schlachtbank führen lassen. „Subito“ war sein Prosastück damals überschrieben, das er in punkmäßigem Aufzug mit gefärbten Haarsträhnen, Turnschuhen und dem obligatorischen Hundehalsband ums Handgelenk vortrug. „Ohne Blut logisch kein Sinn“, hieß es darin, „und weil ich kein Terrorist geworden bin, deshalb kann ich bloß in mein eigenes weißes Fleisch hinein schneiden.“ Er las es – und tat es.

Der Text, der mit dem programmatischen Appell „und jetzt, los ihr Ärsche, ab ins Subito“ endet, wurde von der Jury mit Erschrecken, aber keinem Preis quittiert, auch wenn Marcel Reich-Ranicki urteilte, selten etwas gehört zu haben, in dem so viel Leben wäre. Seitdem war Rainald Goetz als der Mann mit dem Messer präsent, der mit seinem Blut die verschnarchten Papiermanöver seiner Kollegen herausfordert. In der kalkulierten Spontaneität erinnert dieser selbstzerstörerische Gründungsakt an Peter Handkes berühmte Beschimpfung der Gruppe 47 bei deren Treffen 1966 in Princeton, mit der er sich als unerschrockener wilder Jungstar schlagartig ins Rampenlicht katapultierte.

Die Schädelnerven der eigenen Zeit

Liest man heute Goetz’ Klagenfurt-Text, dann fällt freilich auf, dass sich viele seiner Ingredienzien – außer dem Schnitt – längst zu Versatzstücken dessen entwickelt haben, was man einen typischen Bachmann-Text nennen kann: Wut, Randzonen-Extremismus, Psychiatrie. Heute gähnt man, damals rieb man sich die Augen. Auch so kann sich Klassizität zeigen.

Doch Rainald Goetz, 1954 in München geboren, blieb immer am Puls des Subito. Zum Zeitpunkt seines Klagenfurter Auftritts hatte er schon zwei Doktortitel in der Tasche, als Arzt wusste er den Schnitt richtig zu setzen, als Historiker, sich ins Gedächtnis der Zeit einzuritzen. Die medizinische Profession hat Goetz mit dem Namensgeber der ihm nun verliehenen Auszeichnung gemeinsam. Auch Georg Büchner war ein Revolutionär, der mit Feder und Skalpell die Schädelnerven der eigenen Zeit seziert hat, einer Zeit von dramatischer Beschleunigung, schroffen Brüchen, sozialen Konflikten. Während die Büchner-Preisträgerin Sibylle Lewitscharoff vor zwei Jahren bei ihrer Dankesrede mit dem Bekenntnis Aufsehen erregte, zu dem Widmungsträger keinerlei Bezug zu haben, dürfte Goetz durchaus das eine oder andere einfallen, wenn er sich am 31. Oktober für die mit 50 000 Euro dotierte Ehrung bedankt.




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