Gerlingen feiert 30-jährige Partnerschaft mit Seaham Träge Muskeln sind die Freundschaft wert

Sie wollen endlich aufbrechen: Die Teilnehmer des Gerlinger Stafettenlaufs konnten den Startschuss durch den Bürgermeister Georg Brenner (parteilos, links) am Freitagabend kaum erwarten. Foto: factum/Bach
Sie wollen endlich aufbrechen: Die Teilnehmer des Gerlinger Stafettenlaufs konnten den Startschuss durch den Bürgermeister Georg Brenner (parteilos, links) am Freitagabend kaum erwarten. Foto: factum/Bach

35 Gerlinger laufen, radeln und inlinen stolze 1400 Kilometer in die Partnerstadt Seaham. Vor dieser Leistung haben selbst Marathonläufer Respekt.

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Gerlingen - Sie laufen und laufen und laufen – und gut ein Dutzend fährt: auf dem Rad, auf Inlineskates, im Versorgungsbus. Es geht bergauf und bergab, bei Regen, Wind und Sonnenschein. Aufgeteilt in fünf Teams sind seit Freitagabend die mehr als 35 Teilnehmer des Gerlinger Stafettenlaufs auf dem Weg nach Seaham. In der englischen Kommune feiern Einheimische und Gerlinger bei dem Stadtfest namens Carnivalam am nächsten Wochenende groß den 30. Geburtstag der Städtepartnerschaft.

Seit 1986 zelebriert Gerlingen besondere Anlässe mit einem Friedens- und Freundschaftslauf in die jeweilige Partnerstadt, von denen die Kommune drei hat. Ein Stafettenlauf nach Seaham findet zum zweiten Mal statt – der erste datiert aus dem Jahr 1988, damals wurde die Partnerschaftsurkunde unterzeichnet. Er fordert die Teilnehmer mehr heraus, als ein Lauf ins ungarische Tata oder französische Vesoul. Selbst Marathonläufer wie Robert Meier haben Respekt.

Überwindung nach ein paar Tagen

Der Abteilungsleiter Leichtathletik der Kultur- und Sportgemeinde Gerlingen, kurz KSG, nimmt zum ersten Mal an einem Stafettenlauf teil. „1400 Kilometer sind ein ordentliches Stück Strecke“, sagt der 60-Jährige. Zehn Kilometer zu laufen sei kein Problem, ebenso wenig, wie das Tempo von zehn Kilometern pro Stunde zu halten. „Die große Herausforderung ist, jeden Tag zehn Kilometer zu laufen“, sagt Meier. Das mache die Muskulatur träge, da der Körper es nicht gewohnt sei. „Nach ein paar Tagen muss man sich zum Laufen überwinden“, sagt Robert Meier, der mit seinem Team im Wald einen Probelauf simuliert hat.

Beim Stafettenlauf absolviert jedes fünfköpfige Laufteam eine Etappe von 50 Kilometern. An definierten Stellen geben die Sportler dem nächsten Team den Stab. „Ich war vor zwei Wochen in England und habe mir vor allem die Übergabepunkte angeschaut“, sagt Robert Meier. Vor dem Start weicht seine Nervosität der Freude. „Die Strecke ist hochattraktiv. Vor uns liegen tolle Sehenswürdigkeiten. Auf London, Cambridge und York freue ich mich besonders“, sagt er. „Spannend“ findet er auch das Teamerlebnis. „Wir verbringen eine Woche lang Tag und Nacht miteinander.“

Druck, pünktlich zu sein

Was mitunter auch zu Reibereien führt, wie Petra Bischoff weiß. Die Gemeinderätin organisiert den Lauf mit und nimmt zum fünften Mal teil – auf Inlineskates, wegen des zügigen Tempos. Sie kennt den Druck, pünktlich am Übergabeort zu sein, sie weiß, dass binnen einer Woche „wettermäßig alles dabei ist“. „Wir haben Gepäck für alle Eventualitäten, wir haben Pavillons und Schlafsäcke“, sagt die Fraktionschefin der Freien Wähler. Das Wichtigste jedoch seien mehrere Paar Laufschuhe. „Von feuchten Schuhen bekommt man Blasen“, sagt Petra Bischoff.

Insgesamt aber sei der Lauf „entspannt“ angelegt. Nach einer Etappe hat ein Team 20 Stunden Zeit, um zu essen, schlafen oder duschen. „Die Teilnehmer müssen mindestens eine Woche Urlaub nehmen. Danach sollten sie nicht urlaubsreif sein“, sagt Bischoff. Eine weitere Unterbrechung hatten die Sportler am Samstag in Verdun. In der französischen Stadt gab es eine Zeremonie anlässlich des Endes des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren.

Die Idee zu den Stafettenläufen hatten der Altbürgermeister Albrecht Sellner und der damalige Hauptsamtleiter Erich Gscheidle, inzwischen haben die Organisation die Stadt und die KSG übernommen. Der Lauf nach Seaham weckt bei Sellner Erinnerungen. Er war beim ersten Lauf über 370 Kilometer nach Vesoul dabei. „Das war ein tolles Erlebnis, von dem ich noch meinen Enkeln erzählt habe“, sagt der 82-jährige Altbürgermeister. Der Wille, das Ziel zu erreichen, sei enorm – „auch wenn plötzlich der Fußweg endet oder man an einer Kreuzung nicht weiß, ob man links oder rechts abbiegen soll“.

Reger Austausch zwischen Gerlingen und Seaham

Bis heute pflegen Stadtverwaltung, Schulen und Vereine einen regen Austausch mit den Partnerstädten. „Die Partnerschaften funktionieren. Freundschaften entstehen, man erweitert seinen Horizont, mindert Vorurteile und erwirbt und festigt Sprachkenntnisse“, sagt Birthe Sengotta. Aus Sicht der Stadtsprecherin seien die Partnerschaften gerade im Hinblick auf Europa heute wichtiger denn je. „In Zeiten, in denen alles auseinanderbricht, zeigen wir, dass wir zusammengehören.“ Beim Carnival habe Gerlingen einen Stand und werbe für die Partnerschaft. „Wir hoffen aufzufallen und auf mehr Interesse bei den Mitte 30- bis 40-Jährigen“, sagt Sengotta. Im September gehen die Feierlichkeiten wie Bemühungen weiter: Zum Straßenfest in Gerlingen kommen Vertreter aller Partnerstädte. Birthe Sengotta: „Für die Seahamer Freunde bereite ich ein schönes Programm vor und bewerbe die Partnerschaft.“

Im Internet dokumentieren die Sportler in einer Art Tagebuch den Weg nach Seaham unter www.gerlingen-seaham.eu.




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