Der Countdown läuft für Walter Schoefer. Ende Januar wird der Chef des Stuttgarter Flughafens in den Ruhestand gehen – nach gut 23 Jahren auf diesem Posten. Gemischte Gefühle? Ja klar, sagt der 66-Jährige im Interview im Besprechungszimmer auf der Chefetage an der Flughafenstraße in Echterdingen. Seine Bilanz: Nach dem Tiefschlag durch die Pandemie ging es im Jahr 2022 zwar wieder deutlich aufwärts, aber die Nachwirkungen von Corona sind für die Flughafen Stuttgart GmbH (FSG) nachhaltiger als für andere Unternehmen.
Nicht dem Flughafen, allenfalls der Nachfrage. Wir betreiben Infrastruktur und leben vom Zuspruch der Menschen. Funktional hatte dieser Flughafen auch in der schweren Pandemiezeit keine Defizite.
Wie ist die aktuelle Passagierzahl einzuordnen?
Als ich im Jahr 1999 angefangen habe, waren wir bei knapp acht Millionen Fluggästen. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in den USA ging auch unser Passagieraufkommen zurück. Jene Größenordnung erreichen wir am Jahresende 2022 wieder, mit rund 7 Millionen Passagieren. Das sind 55 Prozent im Vergleich zum Rekordjahr 2019.
Warum nicht mehr? Für viele Menschen ist die Pandemie vorbei.
Bei uns läuft die Erholung etwas langsamer als anderswo. Früher starke Strecken für Geschäftsreisende wie Berlin und Hamburg sind nun deutlich schwächer frequentiert. Viele Termine werden durch digitale Kommunikation ersetzt. Im Sommer hingegen sah es sogar besser aus als erwartet. Man spürte den Nachholbedarf an Urlaubs- und Privatreisen. Sehr viele Menschen reisten zu Verwandten und Freunden besonders in Südosteuropa.
Die Wirtschaft lässt Sie hängen?
Ganz und gar nicht. Der Mittelstand, vor allem der Maschinenbau, ist schon wieder rege mit dem Flugzeug unterwegs. Die großen Unternehmen stehen allerdings noch deutlicher auf der Bremse. Viele Menschen haben sich eben auch daran gewöhnt, zeitweise im Homeoffice zu arbeiten.
Wie fällt Ihr Ausblick aus?
Wenn sich die Entwicklung des Jahres 2022 verstetigt, bin ich nicht unzufrieden. Für 2023 haben wir unserer Planung etwa 8,3 Millionen Fluggäste unterstellt. Auf ein Niveau wie vor der Pandemie werden wir wohl erst 2027 oder 2028 kommen.
Das Geschäft ist mühsam, dennoch will die FSG weiterhin etwa 2,4 Milliarden Euro investieren, um den Flughafen bis 2040 klimaneutral zu machen?
Es gibt keine Alternative. Die Europäische Union weist in diese Richtung, und die Menschen erwarten auch von der Luftfahrtbranche, dass sie Mobilität auf klimaschonende Weise organisiert. Außerdem: Das Land hält 65 Prozent der Gesellschaftsanteile, und die Koalition will, dass der Flughafen Stuttgart der leistungsfähigste und nachhaltigste Flughafen Europas sein soll und der erste richtig klimaneutrale. Mit dem Klimaschutzgesetz wurde unser Ziel der Klimaneutralität um zehn Jahre auf 2040 vorgezogen. Die Stadt Stuttgart ist mit ihrem Klimaziel 2035 ja noch ambitionierter. Die Geschäftsführung sieht sich voll in der Pflicht.
Und sie steht vor einer Mammutaufgabe?
Das Ziel ist sehr fordernd, weil wir die Treibhausgas-Emissionen in und vor den Gebäuden auf nahezu null senken wollen, ohne Kompensationen wie durch Aufforstprogramme. Wir müssen Gebäude und Anlagen von Grund auf ändern. Das bedeutet einen kompletten Ersatz der Energiesysteme, andere Dämmung, statische Verstärkung, Photovoltaik. Wir müssen Gebäude hinbekommen, die als Energiesysteme funktionieren.
Wer soll das bezahlen?
75 Prozent will die FSG aus eigener Kraft finanzieren, und dafür werden wir alle Reserven und alle Möglichkeiten nutzen müssen. Es wird auch über den Flugpreis gehen müssen. Aber es wird eben nicht ausreichen, uns selbst, den Airlines und den Passagieren die Transformationskosten aufzuerlegen. Es bedarf staatlicher Hilfe und Zuwendungen unserer Gesellschafter. Diese Transformation gibt es nicht zum Nulltarif.
Kann nicht jeder Passagier pro Start oder Landung um zwei oder fünf Euro gebeten werden?
Die freiwillige Kompensation von Treibhausgasen, die für Flugreisende etwa mit Atmosfair möglich ist, floriert nicht gerade. Verbindliche Abgaben dürfen aber keine Standortnachteile nach sich ziehen. Das kann daher nicht im Alleingang passieren.
Wie steht es finanziell um die FSG?
Im Jahr 2022 wird unser Minus mit etwas Glück kleiner sein als 30 Millionen Euro. In diesem Jahr müssen wir mit einem noch höheren Verlust rechnen, auch wegen der stark gestiegenen Energiekosten. Zudem müssen wir die Belegschaft aufstocken. Immer mehr Mitarbeitende hören altersbedingt auf. Dennoch erreichen wir die Gewinnzone sicher nicht erst im Jahr 2027. Mit steigender Nachfrage sieht die Welt sicherlich bald anders aus. Doch für das Projekt STRzero werden die wirtschaftlichen Erträge auf lange Jahre auch benötigt.
Welche Erfahrung waren die Lockdowns für Sie?
Es war wirklich brutal, ein Riesenschock für alle hier. Ich bin sehr, sehr stolz auf alle Mitarbeitenden am Flughafenstandort, dass dennoch der Spirit da war, viele unkonventionelle Lösungen zu suchen, um arbeitsfähig zu bleiben. Zum Glück waren die Lockdowns nicht das Wichtigste, was meine Dienstjahre hier prägte.
Was ist prägender in Ihrer Bilanz?
Wir haben bis 2019 alle Einrichtungen rund ums Fliegen modern aufgestellt. Wir haben heute keine Technologiedefizite, mit Ausnahme vielleicht der Scanner in der Passagierkontrolle. Da wünschten wir uns, dass in naher Zukunft vom Bund auch die Geräte kämen, die in anderen europäischen Ländern schon im Einsatz sind. Dann muss man bei der Handgepäckkontrolle die Flüssigkeiten und Computer nicht mehr auspacken.
Was waren die wesentlichen Meilensteine?
Wir haben mit der Messe und dem Bürogebäude Sky Loop den Grundstein für die Airport City gelegt. Wenn der Flughafenbahnhof fertig ist, ist die Verkehrsdrehscheibe komplett. Der Flugverkehr hat sich mit dem Ausbau der Infrastruktur mitentwickelt, bis Corona kam. Deswegen sage ich, meine ersten 20 Jahre hier waren sehr schöne, erfolgreiche Jahre. Die Jahre danach sind Krisenmanagement gewesen, um von dem Erreichten möglichst viel zu bewahren. Dabei behandelten wir Liquiditäts- und Beschäftigungssicherung gleichrangig.
Wie viele Spannungen gab es?
Einerseits schweißte es die Flughafenfamilie weiter zusammen. Es gab aber auch kritische Stimmen wegen Sparmaßnahmen, die wir über einen Notlagentarifvertrag dem Personal auferlegen mussten. Doch im Nachhinein erkannten die Mitarbeitenden, dass unsere Balance stimmte.
Wichtig war in Ihrer Zeit auch der Bau von Terminal 3, eine 200-Millionen-Investition.
Mit der Eröffnung im Jahr 2004 ist es gelungen, verschiedene Low-Cost-Airlines für den Standort zu gewinnen. Das gab uns einen enormen Schub. Es machte Tickets günstiger und trug dazu bei, das Fliegen ein Stück weit zu demokratisieren.
Dann dachten die Flughafenchefs über das Kapazitätsende der einzigen Piste nach. Das gab Ärger.
Wir haben das Thema der zweiten Bahn diskutiert und aus meiner Sicht endgültig erledigt. Der Satz des damaligen Ministerpräsidenten Oettinger, dass die Pläne nun nicht nur in der Schublade seien, sondern im Staatsarchiv, hat sich im Nachhinein bestätigt, wenn auch aus praktischen Gründen. Der Airlinemarkt konsolidierte sich, und auf einmal dominierten größere, 150-sitzige Flugzeuge. Das reduzierte die Flugbewegungen. Ich vermisse die zweite Piste heute nicht.
Die zweite Piste kommt nie mehr?
Ich glaube nicht.
Sie waren zuvor beim Land enger Mitarbeiter eines CDU-Ministers. Wie stark klebte das schwarze Etikett an Ihnen?
Parteiämter hatte ich in der CDU nie, und unsere Infrastrukturthemen am Flughafen sind keine Themen, die parteipolitisch aufgeladen sind. Ich bin froh, dass ich die Chance bekommen habe, auch in der Zeit der Grün-geführten Landesregierung hier weiterzuarbeiten. Meine Linie erwies sich als weiterhin richtig: eine Flughafenentwicklung mit Augenmaß und Schritt für Schritt, außerdem Augenmerk auf den wirtschaftlichen Erfolg im Sinne der Gesellschafter. Fragen von Energiemanagement und Umweltrelevanz spielten für mich übrigens von Anfang an eine große Rolle. Nachhaltigkeit spart Ressourcen und Geld – das ist eben im genetischen Code des Schwaben. Das leuchtete auch der früheren Landesregierung ein.
Mit welchen Gefühlen verlassen Sie Ihren Posten?
Ich bin sehr dankbar, weil ich die Chance hatte, viel mitzugestalten. Ich war sehr gerührt, als es kürzlich bei der ersten Präsenz-Betriebsversammlung nach Corona mit gut 400 Leuten Applaus und Standing Ovations für mich gegeben hat. Man hat mir das ehrliche Bemühen also abgenommen und die Authentizität gespürt. Ich bin glücklich, so gehen zu können, wenngleich man in der Krise lieber noch länger helfen würde.
Zur Person
Vita
Walter Schoefer wurde am 11. März 1956 in Stuttgart geboren. Er ist seit September 1999 Geschäftsführer der Flughafen Stuttgart GmbH (FSG). Schoefer ist verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder und wohnt in Weissach. Vor seiner Zeit am Flughafen war der Jurist beim Land beschäftigt. Von 1989 an war er Persönlicher Referent des Ministers Gerhard Mayer-Vorfelder (CDU), zuerst im Ministerium für Kultus und Sport, dann im Finanzministerium. Dort fungierte er von 1994 an als Generalreferent Haushalt (Grundsätze der Haushaltspolitik). 1998 wurde ihm die Leitung der Stabsstelle Neue Steuerung und Umwandlung von Landeseinrichtungen übertragen.
Aufgaben
Schoefer wurde am Flughafen mit der direkten Zuständigkeit für den Bereich Non-Aviation (Immobilien, Infrastruktur und Kommunikation) sowie für Personal, Einkauf und Recht betraut. 2017 wurde er Sprecher der zweiköpfigen Geschäftsführung. Diese Funktion und einige von Schoefers Aufgaben übernimmt Ende Januar der Mitgeschäftsführer und Jurist Ulrich Heppe. Als Nachfolger von Schoefer kommt der bisherige EnBW-Manager Carsten Poralla an den Flughafen. Die Aufgaben des Bau- und Wirtschaftsingenieurs wurden noch stärker auf die Immobilien und die Transformation des Flughafens zur Klimaneutralität zugeschnitten als unter Schoefer. jos