Als Ende 2021 öffentlich bekannt wurde, dass der Kinderarzt von Renningen aufhört, waren viele noch guter Hoffnung, dass sich schon ein Nachfolger finden würde. Doch je näher der Tag der Schließung rückte, desto unruhiger wurden die Betroffenen. Denn es besteht keine Verpflichtung, eine freie Arztstelle an einem bestimmten Standort neu zu besetzen. Die Entscheidung liegt letztlich bei den Medizinern, wo sie sich ansiedeln möchten. Mehrere Eltern schlossen sich daher zusammen, um nach Lösungen zu suchen. Online wurde kräftig die Werbetrommel für das Städtchen am Rankbach gerührt. Die Stadt schaltete Anzeigen. Vergeblich.
Die Beteiligten bleiben am Ball
Und was hat sich seither getan? „Die Stadt Renningen hat sich in dieser Sache in den vergangenen Monaten sehr engagiert“, heißt es von Alicia Paulus, Sprecherin der Stadtverwaltung. „Wir haben seitens der Verwaltung Kontakt sowohl zur Kassenärztlichen Vereinigung als auch zur Kinderklinik Böblingen aufgenommen, mit dem Ziel, eine zumindest vorübergehende ambulante Versorgung der Renninger Kinder zu ermöglichen.“ Mit den niedergelassenen Ärzten der Stadt stehe man zudem in engem Austausch, was die Sicherstellung der ärztlichen Versorgung in der Stadt angehe.
Auch die Eltern sind am Ball geblieben. Die Bürgerinitiative, gegründet von der Renningerin Esin Karadeniz, wurde unter anderem vom Landkreis zu einem Runden Tisch eingeladen, bei dem Ideen und mögliche Abhilfemaßnahmen speziell für den Landkreis diskutiert wurden, erzählt sie. Darüber hinaus sind die Eltern mit dem regionalen Fernsehen in Kontakt. Es habe sich gezeigt, „dass die Kinderarztsuche nur durch moderne und attraktive Stellenbeschreibungen und -besetzungen durch Versorgungszentren und Großpraxen kompensiert werden kann“, so Karadeniz. Dementsprechend konkretisieren sich in Renningen die Überlegungen, „an einem geeigneten Standort in unserer Stadt ein Gesundheitszentrum zu realisieren, das interessierten Ärzten und medizinischen Dienstleistern gute Rahmenbedingungen bietet“, sagt Alicia Paulus.
Es gibt immer noch Eltern ohne Kinderarzt
Dabei würde es sich allerdings um eine mittelfristige Lösung handeln. Eltern, die bis jetzt immer noch keinen Kinderarzt in der Nähe – oder überhaupt einen – gefunden haben, haben davon erst einmal nichts. Und davon gibt es durchaus noch welche, weiß Alicia Paulus. „Genaue Zahlen zur Versorgungssituation liegen uns jedoch nicht vor.“
Zu den Betroffenen gehört auch Rebecca M., die vor einigen Monaten zu einer drastischen Maßnahme gegriffen hat, um auf ihre Situation und die anderer Renninger Eltern aufmerksam zu machen. Sie hatte ein Jahr nach Schließung der Kinderarztpraxis noch immer niemanden gefunden, zu dem sie mit ihren Kindern gehen kann, wenn sie krank sind, eine wichtige Voruntersuchung oder eine Impfung brauchen. Denn das Krankenhaus in Böblingen ist nur für Notfälle zuständig. Sie zeigte sich daher selbst beim Jugendamt an, weil sie ihren Aufgaben als Mutter nicht mehr nachkommen könne. Ihre schwache Hoffnung: Dass jemand sicherstellen würde, dass ihre Kinder zu allen wichtigen Arztterminen kommen.
„Wer kann sich das leisten?“
Daraus wurde nichts. Auch sonst blieb der Vorgang ohne Konsequenzen, einen Kinderarzt hatte sie danach jedenfalls nicht. Im Juli bekam sie die Chance auf einen Platz, als in Tübingen ein neuer Kinderarzt seine Praxis eröffnete – und ergriff sie sofort. „Das ist ein ganz toller Arzt, und ich bin wirklich froh“, erzählt sie, schränkt aber auch ein: „Das sind 40 Kilometer einfache Strecke. Je nach Verkehr sprechen wir da von zum Teil zwei Stunden Hin- und Rückfahrt.“ Wer in Gleitzeit arbeiten könne, habe bei solchen Strecken noch ganz gute Karten. „Jeder andere muss sich für jeden Termin einen kompletten Tag freinehmen. “ Auch ein paar andere Eltern aus Renningen, weiß sie, sind dort untergekommen. Doch ideal ist die Situation für niemanden, „abgesehen davon, dass ich Eltern kenne, die immer noch niemanden haben oder noch weiter fahren müssen“. Ihr dringlichster Wunsch lautet daher weiterhin, dass sich in Renningen irgendwann noch ein neuer Arzt niederlässt. Zu unbefriedigend ist die jetzige Situation. „Für unsere Kinder nehmen wir das alles in Kauf“, sagt Rebecca M. „Aber es wird uns nicht leicht gemacht.“
Ein Kinderarzt für 10 000 Einwohner – oder mehr
Zahl der Ärzte
In Praxen in den Kreisen Böblingen und Ludwigsburg arbeiten der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg zufolge 90 Kinderärzte – die Krankenhäuser also nicht mitgezählt: 33 im Kreis Böblingen und 57 im Kreis Ludwigsburg. Ob Voll- oder Teilzeit, geht aus den Daten nicht hervor. Allgemein lässt sich sagen, dass im Kreis Ludwigsburg ein Kinderarzt auf weniger als 10 000 Einwohner kommt. Im Kreis Böblingen müssen sich mehr als 12 000 Einwohner einen Kinderarzt teilen.
Die Verteilung
Innerhalb der Landkreise ist die Verteilung in Böblingen deutlich unausgeglichener als in Ludwigsburg. Dort verteilen sich die Kinderärzte auf etwa die Hälfte der Gemeinden, in Böblingen auf weniger als ein Drittel. Die meisten Kinderärzte arbeiten in den Kreisstädten Böblingen (11) und Ludwigsburg (10). Im ehemaligen Kreis Leonberg gibt es noch 16 Ärzte und Ärztinnen in Kinderarztpraxen, sieben in Leonberg und Weil der Stadt, acht im Strohgäu und einen in Wimsheim.