Gespensterbuch aus Waiblingen Untote auf dem Kirchenhügel

Von Annette Clauß 

Der Platz um die Michaelskirche und das Nonnenkirchlein in Waiblingen wirkt tagsüber friedlich und idyllisch. Doch wenn man Wolfgang Wiedenhöfer, dem Vorsitzenden des Heimatvereins Glauben schenken darf, treiben dort allerlei Geister ihr Unwesen.

Wolfgang Wiedenhöfer in der Gruft des Nonnenkirchleins Foto: Gottfried Stoppel
Wolfgang Wiedenhöfer in der Gruft des Nonnenkirchleins Foto: Gottfried Stoppel

Waiblingen - Wer am helllichten Tag an der altehrwürdigen Michaelskirche vorbeispaziert und über das Gelände des einst ersten christlichen Friedhofs der Stadt Waiblingen auf das Nonnenkirchlein zuläuft, der wähnt sich an einem friedlich-idyllischen Plätzchen. Doch Obacht – der Eindruck täuscht. Zumindest, wenn man Wolfgang Wiedenhöfer Glauben schenken darf. Denn hier, auf dem Kirchenhügel unweit des Postplatzes, hat der Vorsitzende des Waiblinger Heimatvereins Untote, Trolle und Hexen aufgespürt, die seit Jahrhunderten umgehen.

Die Waiblinger Gespensterschar hat Wiedenhöfer, der auch Geisterführungen anbietet, nun in einem Büchlein mit 64 Seiten versammelt, das unter dem Titel „Teufel, Trolle, Totenköpfe“ im Iris Förster Verlag erschienen ist. Die teils gruseligen, teils skurrilen Geschichten – die Illustratorin Gisela Pfohl hat sie mit Monotypie-Drucken bebildert – eignen sich zum Schmökern auf dem Sofa, aber auch für einen kleinen Stadtrundgang von Schauplatz zu Schauplatz.

Der Hexe den Wegezoll verweigert

Gleich bei der Michaelskirche zum Beispiel soll der angesehene Bürger Bernhard Grimmeisen im Januar des Jahres 1600 auf dem Heimweg vom Kirchgang einer Quellhexe den Wegezoll verweigert haben und von ihr verflucht worden sein. Wenig später war der mehrfache Vater, der laut Wiedenhöfer den wichtigen Posten eines Torwächters im Stuttgarter Schloss innehatte, unter der Erde. Ihm folgten rasch vier seiner Kinder, was bis heute ein Denkmal an der Wand der Michaelskirche bezeugt. Doch es sollte noch schlimmer kommen: Der Sage nach führte im Dezember 1633 die Quelle bei der Kirche plötzlich Wasser in blutroter Farbe. Ein Jahr später brannten Söldner die Stadt nieder. „Die Spur der restlichen Familie Grimmeisen verliert sich nach dem Stadtbrand“, sagt Wiedenhöfer – kein Mensch weiß, was aus ihr geworden ist.

Die Quelle auf dem Kirchenhügel ist laut Wolfgang Wiedenhöfer in den 1950er-Jahren versiegt – noch heute aber ist in der Gruft des Nonnenkirchleins ihre Fassung zu sehen. Dies und die Tatsache, dass sich in der Kapelle nahe des Altars gleich zwei Türen gegenüberliegen, lässt laut dem Heimatvereinsvorsitzenden darauf schließen, dass das Nonnenkirchlein einst als Wallfahrtsort diente: Die Wallfahrer betraten das Gotteshaus durch eine Tür, defilierten an Altar und Quelle vorbei, und verließen den Raum durch die zweite Tür.

„In Waiblingen lassen sich viele Geschichten finden und erfinden“, sagt Wolfgang Wiedenhöfer. Für einen Teil seiner Gruselstories hat er auf die Chronik des Vogts Wolfgang Zacher aus dem Jahr 1666 zurückgegriffen. „Zacher ist nach dem großen Stadtbrand 1634 vom Herzog beim Wiederaufbau der Stadt eingesetzt worden“, sagt Wiedenhöfer, der in Zachers Niederschrift zum Beispiel „Die traurige Geschichte der Vogelmarie“ entdeckt hat.

In vielen Geschichten steckt ein Funken Wahrheit

Andere Berichte, etwa von rätselhaften Irrlichtern, seien auch an anderen Orten im Umlauf, hätten sich aber bestens in Waiblingen und an der Rems verorten lassen. Manch gruselige Mär ist Wolfgang Wiedenhöfer auch von Waiblinger Bürgern zugetragen worden. Das Gerücht über einen geheimnisvollen Verbindungsgang, der vom Kirchenhügel zum Schloss führte – also dorthin, wo heute das Rathaus steht – hält sich hartnäckig, selbst wenn das Bauwerk bisher nicht entdeckt worden ist. Auch an einen Totenschädel im Karzer, einem Turm in der Stadtmauer, erinnerten sich Einheimische, erzählt Wiedenhöfer: „In den 1940er-Jahren galt es als Mutprobe, vorbeizulaufen und reinzuschauen.“

In Wiedenhöfers Buch ist der Totenkopf der Überrest eines Leichnams, den Medizinstudenten zum Zwecke anatomischer Studien ausgegraben und in den Kerker geschafft haben. Tatsächlich haben Studenten der Uni Tübingen im späten 15. Jahrhundert einige Zeit in Waiblingen verbracht, weil der aus der Stadt gebürtige Unidekan Georg Hartzesser Teile der Hochschule wegen der Pest nach Waiblingen verlagert hatte. Ein Funken Wahrheit also steckt in vielen der Geschichten. Und der Totenschädel, der, so sagt Wolfgang Wiedenhöfer, „irgendwie zur Stadtgeschichte gehört“, ist eines Tages nach jahrelanger Abwesenheit plötzlich wieder aufgetaucht. Wer durch das Loch der Karzertür spickelt, kann ihn entdecken, hinten rechts auf dem Fensterbrett.




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