Gesundheitsatlas Arzt für Einschränkung bei Verkauf von Süßigkeiten

Das Piksen gehört für Diabetiker zum Alltag. Foto: dpa/Klaus-Dietmar Gabbert

Der Erdmannhäuser Diabetologe Joachim Kieferle beobachtet mit Sorge eine massiv steigende Zahl an Zuckerkranken. Das hat sogar Auswirkungen auf Schwangerschaften, ließe sich aber meist leicht verhindern.

Joachim Kieferle ist Mitglied der Deutschen Diabetesgesellschaft und Facharzt für Diabetes. In seiner Hausarztpraxis in Erdmannhausen betreibt der promovierte Mediziner zudem ein Zentrum für Schwangerschaftsdiabetes. Der 55-jährige Arzt kennt sich also bestens aus in der Welt der Zuckerkrankheit. Im Interview spricht Kieferle über zunehmende Patientenzahlen, Therapien, Ursachen, den Stand der Forschung – und eine ziemlich radikale Forderung.

 

Herr Kieferle, man liest viel von Bewegungsarmut, Übergewicht und falscher Ernährung bei einem zunehmenden Teil der Gesellschaft. Das muss doch ein Nährboden für die Ausbreitung der Diabetes sein?

Die Zahl der Patienten nimmt leider sehr, sehr stark zu. Vor 20 Jahren lag die Diabetesrate in Deutschland bei circa drei bis dreieinhalb Prozent, was etwa zwei bis zweieinhalb Millionen Betroffenen entspricht. Heute sind wir bei rund acht Millionen Zuckerkranken, also fast viermal so vielen. Was uns dabei besonders schockiert, ist, dass auch der Typ 1 zunimmt. Es gibt eine Menge an Kindern, die diesen Autoimmundiabetes bekommen, der nicht von Übergewicht oder Bewegungsarmut herrührt.

Woran liegt es, dass auch hier die Fallzahlen steigen?

Daran wird seit 30 Jahren geforscht, wir haben bis heute keine schlüssige Erklärung.

Beim Typ 2, der auch als Alterszucker bekannt ist, dürfte der Erklärungsansatz leichter fallen?

Dabei handelt es sich um eine Stoffwechselkrankheit, die man eher bei einem entsprechenden Lebenswandel bekommt.

Was bedeutet das konkret?

Wer sich ausgewogen und maßvoll ernährt und genügend Sport treibt, nicht raucht und wenig bis keinen Alkohol trinkt, wird im Normalfall keinen Typ-2-Diabetes entwickeln. Man muss sich immer vor Augen halten, wo wir entwicklungsgeschichtlich herkommen. Der Körper eines Mannes ist darauf ausgelegt, im Schnitt 17 Kilometer pro Tag zurückzulegen, bei einer Frau sind es etwa neun Kilometer. Das schafft man heutzutage normalerweise nicht, nimmt aber zugleich über industriell gefertigte Nahrung viel mehr Kalorien auf, als man bräuchte. Das ist ein fataler Mix. Da reicht es auch nicht, zum Ausgleich zweimal pro Woche für eine Stunde ein Fitnessstudio aufzusuchen.

Was hilft dann?

Man müsste jeden Tag Sport treiben. Und damit meine ich wirklichen Sport, also zum Beispiel Fahrradfahren oder Schwimmen. Die Leute schätzen das oft völlig falsch ein, betonen, im Job viel auf den Beinen zu sein und bestimmt zehn bis 15 Kilometer pro Tag zurückzulegen. Der Blick auf den Schrittzähler offenbart dann aber, dass sie lediglich vier oder fünf Kilometer schaffen. Ich bin auch dafür, dass Kinder jeden Tag eine Stunde Sport in der Schule haben. Mein jüngster Patient mit Typ-2-Diabetes war elf Jahre!

Bei der Ernährung kann man bestimmt auch ansetzen?

Logisch. Man muss aber nicht zum Veganer oder Vegetarier werden, wichtig ist eine ausgewogene Ernährung. 50 Prozent auf dem Teller sollte Gemüse oder Salat sein, 25 Prozent Fett und Eiweiß und der Rest Kohlenhydrate. Wir empfehlen zudem, keine industriell vorgefertigten Produkte zu verwenden. Diese Lebensmittel animieren dazu, schnell und extrem viele Kalorien zu sich zu nehmen.

Könnte da nicht auch die Politik einschreiten, wenn sich das mehr und mehr zu einem Problem auswächst?

Das würde ich mir wünschen. Ich bin ein absoluter Fan davon, wie Schweden das handhabt. Dort dürfen Süßigkeiten nur samstags verkauft werden. Ich bin auch ein Verfechter davon, das auch auf Zigaretten und Alkohol auszudehnen. Dann würden die Leute weniger trinken und rauchen. Beides erhöht das Risiko für Diabetes.

An welchen Anzeichen erkennt man eigentlich, dass sich Probleme mit dem Blutzuckerspiegel anbahnen?

Man spürt eigentlich nicht, wenn sich der Spiegel außerhalb der Norm befindet. Ein erster Indikator ist eine Abwehrschwäche des Immunsystems. Infektionen treten gehäuft auf, Frauen leiden zum Beispiel wiederkehrend an Blasenentzündungen. Wenn der behandelnde Arzt dann aber einfach Antibiotika verschreibt, statt nach den tieferen Ursachen zu forschen, ist eine Chance verpasst. Die Leute haben in der Regel schon fünf bis sechs Jahre Diabetes, bevor er diagnostiziert wird. Leider ist es so, dass die Patienten erst dann kommen, wenn sie schon klassische Symptome haben wie ein vermindertes Sehvermögen oder ein ständiges Durstgefühl.

Und was passiert dann? Gibt es für die Patienten auch ein Leben ohne ständiges Piksen und Insulinspritzen?

Es ist wichtig, auf Bewegung und die Ernährung zu achten. Das hilft. Aber früher oder später wird man Tabletten brauchen, irgendwann auch stärker den Blutzuckerspiegel regulieren müssen. Wir können die Krankheit nicht heilen, nur behandeln. Deshalb müssen die Patienten umso mehr darauf achten, gesund und bewusst zu leben. Ziel muss sein, ganzheitlich zu denken, also zu versuchen, das Gewicht zu reduzieren oder den Blutdruck zu senken.

Kann man nicht auch darauf hoffen, dass die medizinische Forschung Fortschritte erzielt?

Es wird daran geforscht, Geräte zur Blutzuckerregulierung unter der Haut einzupflanzen und direkt an die Leber anzudocken. Damit könnte eine unmittelbarere Wirkung erreicht werden. Diese Technik steckt aber noch in den Kinderschuhen. Transplantationen von Teilen oder der ganzen Bauchspeicheldrüse sind ebenfalls möglich, aber davon gibt es in Deutschland nur 70 pro Jahr. Das Grundproblem lässt sich nicht lösen: Wenn die Bauchspeicheldrüse nicht funktioniert, muss anderweitig Insulin zugeführt werden.

Da Sie ein Zentrum für Schwangerschaftsdiabetes betreiben, wirkt sich das wahrscheinlich auch auf Frauen mit Kinderwunsch aus?

Wer eine frühe Form von Diabetes Typ 2 hat, kann oft keine Kinder bekommen. Vereinfacht ausgedrückt wirken die Östrogene nicht mehr richtig, und es kann keinen Eisprung geben. Wir versuchen also, den Diabetes so in den Griff zu bekommen, dass der Eisprung wieder funktioniert und unsere Patientinnen schwanger werden können.

Mitglied der Diabetesgesellschaft

Praxis
Joachim Kieferle ist Facharzt für Allgemeinmedizin, Diabetologie und Naturheilverfahren. Außerdem betreibt der 55-Jährige in seiner Praxis in Erdmannhausen ein Zentrum für Schwangerschaftsdiabetes. Darüber hinaus ist er Mitglied der Kommission Diabetes und Schwangerschaft der Deutschen Diabetesgesellschaft.

Programm
Kieferle entwickelt zudem ein Programm für Lehrer, wie sie den Unterricht so gestalten können, dass Typ-2-Diabetes bei Kindern verhindert wird und wie man Schüler mit Typ-1-Diabetes im Unterricht unterstützen kann.

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