Gesundheitsatlas Was tun gegen Rückenschmerzen?
Ein Viertel aller Patienten, die eine Arztpraxis aufsuchen, schmerzt der Rücken. Der Schmidener Orthopäde Dirk Maier nennt häufige Gründe für das Leiden und gibt Tipps.
Ein Viertel aller Patienten, die eine Arztpraxis aufsuchen, schmerzt der Rücken. Der Schmidener Orthopäde Dirk Maier nennt häufige Gründe für das Leiden und gibt Tipps.
Die Region „hat Rücken“ – mehr denn je: Schaut man in die Statistik der AOK Baden-Württemberg in unserem digitalen Projekt Gesundheitsatlas BW, dann hat sich die Zahl der Patienten, die sich wegen Rückenschmerzen behandeln lassen, in den vergangenen zehn Jahren von 23,4 Prozent auf 25 erhöht: Jeder Vierte kommt heutzutage wegen Beschwerden im Kreuz oder Nacken in eine Praxis.
Betroffen sind alle Altersgruppen. Etwa 4,3 Prozent aller Jugendlichen leiden an Rückenschmerzen. Bei Senioren sind es etwa 46 Prozent. Diese Zahlen decken sich mit den Erfahrungen von Dirk Maier, Unfallchirurg und Orthopäde in Schmiden: „Jugendliche klagen verstärkt über Beschwerden im Bereich der Halswirbelsäule, dem Handynacken. Er kommt von der unnatürlichen Haltung, wenn man das Handy oder Tablet nutzt und den Nacken falsch belastet.“
Die Folge seien Verspannungen im Rücken sowie Kopf- und Nackenschmerzen. Bei Beschwerden älterer Patienten handele es sich hingegen vorwiegend um Verschleißerkrankungen des Rückens und der Gelenke. „Die Lebenserwartung wird immer höher, entsprechend nehmen Erkrankungen wie Arthrose und Osteoporose zu“, sagt Maier. Patienten mittleren Alters hätten, allgemein gesprochen, vorwiegend Rückenprobleme wegen Überlastung im Berufsleben. Sei es durch schweres Heben in den klassischen Dienstleistungsbereichen wie Pflege oder im Handwerk, etwa auf dem Bau.
In vielen Fällen lasse sich bei den Patienten kein eindeutiger Grund für die Rückenschmerzen feststellen. „Dann sprechen wir Ärzte von unspezifischen Rückenschmerzen“, erklärt der Schmidener Arzt. „Sie können durch verschiedene Einflüsse ausgelöst oder verschlimmert werden.“
Die häufigsten Gründe, wenn’s im Rücken zwickt, seien Bewegungsmangel, schwache Muskulatur im Rumpfbereich, Muskelverspannungen durch Fehlbelastungen sowie langes, starres Sitzen und schwere körperliche Arbeit. Aber auch Stress könne Rückenschmerzen auslösen.
Freilich sollte man es im besten Fall gar nicht erst so weit kommen lassen, dass man wegen Rückenschmerzen den Arzt aufsuchen muss. Entsprechend rät der Experte vor allem zu mehr Bewegung: „Sport und Spaziergänge sind das beste Rezept“, sagt der Orthopäde. „Wer täglich eine Stunde spazieren geht, trägt schon viel zur Vorbeugung bei.“ Wer hingegen beruflich viel sitzen muss, sollte darauf achten, dass er sich zudem – auch im Homeoffice – einen ergonomischen Stuhl anschafft, der die Haltung optimal unterstützt. „Der Rücken sollte gerade sein, und die Füße sollten flach auf dem Boden stehen“, rät Maier: „Vermeiden Sie es, auf dem Sofa oder im Bett zu arbeiten, da dies zu einer schlechten Körperhaltung führen kann.“ Ergonomische Arbeitsplatzgestaltung sei insgesamt wichtig: „Der Computerbildschirm sollte auf Augenhöhe sein, und die Arme sollte man bequem auf der Tastatur ablegen können“, so Maier. „Vermeiden Sie es, den PC-Bildschirm seitlich oder zu weit entfernt zu platzieren, um Verspannungen und Schmerzen zu vermeiden.“
Auch Hilfsmittel wie eine ergonomische Maus oder Tastatur seien empfehlenswert, um Hände und Arme zu entlasten. Wichtig sei außerdem, beim Arbeiten am Schreibtisch regelmäßige Pausen einzulegen: „Möglichst alle 30 Minuten sollte man aufstehen und für ein paar Minuten herumgehen oder Dehnübungen machen.“ Dies helfe, die Muskeln zu lockern und die Durchblutung anzuregen. Auch gezielte Entspannungsübungen könnten förderlich sein, so der Arzt: „Machen Sie täglich Yoga oder Meditation, um Stress abzubauen und Verspannungen zu lösen.“
Nicht zu unterschätzen sei es obendrein, jeden Tag genug Wasser, Tee oder Säfte mit wenig Zucker zu trinken: „Wenn der Körper ausreichend hydratisiert ist, beugt das Schmerzen und Verspannungen vor. Wenn die Muskeln nicht genügend Flüssigkeit bekommen, können sie nicht richtig funktionieren und verhärten sich.“ Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt als Richtwert mindestens 1,5 Liter pro Tag, bei schwerer körperlicher Arbeit deutlich mehr.
Bei spezifischen Rückenschmerzen gibt es dagegen bestimmte, körperliche Auslöser: „Das kann ein Bandscheibenvorfall, eine Fehlstellung der Wirbelsäule, eine Grunderkrankung wie Osteoporose oder Rheuma sein oder ein eingeklemmter Nerv“, sagt Dirk Maier. „In diesen Fällen ist jeweils eine spezielle Behandlung erforderlich.“
Wenn die Rückenschmerzen sehr plötzlich und sehr heftig auftreten, sollte man einen Arzt aufsuchen, ebenso, wenn man zusätzlich zu den starken Beschwerden eines oder mehrere der folgenden Symptome bei sich feststellt: beispielsweise zunehmende Muskelschwäche, akute Störungen der Kontrolle von Harn und Stuhl oder Gefühlsstörungen an Armen und Beinen, starke Schmerzen in den Beinen, die über das Knie oder den Fuß ausstrahlen und mit Taubheit oder Kribbeln verbunden sind, unfreiwilliger Gewichtsverlust, Appetitlosigkeit, starke Schmerzen, Fieber, Schüttelfrost oder Schwitzen in der Nacht.
Laut Statistik der Allgemeinen Ortskrankenkasse sind besonders viele Patienten mit Rückenleiden in Alfdorf (rund 38 Prozent) anzutreffen. Die Gemeinden Auenwald und Allmersbach im Tal liegen mit gut 20 Prozent am unteren Ende der Liste im Landkreis. Eine Erklärung hierfür kann Dr. Maier nicht liefern. Viel mehr liegt ihm daran zu betonen, dass man durch Vorbeugung einen wichtigen Beitrag dazu leisten kann, Rückenschmerzen zu vermeiden, nicht nur im Rems-Murr-Kreis: „Bei vielen Patienten fangen die Probleme zwischen 40 und 60 Jahren an. Wer sich ausreichend bewegt, kann dramatisch etwas zum Positiven verändern.“