Gesundheitsatlas Warum Sport auch für die Psyche Wunder bewirken kann

Chefärztin Petra Dallmann kennt sich sowohl im Leistungssport als auch in der Psychotherapie aus. Foto: J/ürgen Bach

Ein deutschlandweit einzigartiges Konzept: Die Privatklinik Schloss Freudental setzt bei der Therapie von Patienten mit psychischen Problemen auf besonders viel Bewegung. Chefärztin ist die ehemalige Profischwimmerin Petra Dallmann.

Ludwigsburg: Anne Rheingans (afu)

Wenn er sich in einer dunklen Phase befindet, kommt die bleierne Müdigkeit. Dann verliert Hauke Kaufmann das Gefühl für seinen Körper. Der 55-Jährige leidet seit 35 Jahren an Depressionen. Im vergangenen Jahr war es so schlimm, dass er monatelang stationär behandelt werden musste. Seit September 2022 leitet er eine Selbsthilfegruppe in Freudental. In der dortigen Libermenta Privatklinik wird bei psychisch kranken Patienten vor allem ein Ansatz verfolgt: Durch Sport- und Bewegungstherapie soll sich ihr Zustand bessern.

 

Chefärztin im Schloss Freudental ist Petra Dallmann. Die promovierte Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie kennt sich nicht nur mit Depressionen, Angststörungen, Süchten und anderen Krankheitsbildern aus, sondern auch im Leistungssport. Die 44-Jährige war neun Jahre lang Mitglied der deutschen Nationalmannschaft im Schwimmen. Als Profisportlerin gewann sie unter anderem 2001 einen Weltmeistertitel, mehrere Europameisterschaften und bei den Olympischen Spielen 2004 schließlich eine Bronzemedaille.

Auch Profisportler werden in Freudental behandelt

In Heidelberg hat Petra Dallmann vor einigen Jahren eine psychotherapeutische Sprechstunde für Leistungssportler eingeführt. Nicht nur die Erfahrungen aus ihrer Zeit als Profischwimmerin, sondern auch der Suizid des Fußballers Robert Enke haben sie dazu bewegt, erklärt die Fachärztin. Nun behandelt sie ihre Patienten in Freudental. Dazu zählen professionelle und semiprofessionelle Sportler, ambitionierte Hobbyathleten, aber auch Menschen, die sich bisher weniger intensiv oder kaum sportlich betätigt haben.

Psychische Erkrankungen treten bei Profisportlern nicht häufiger auf als im Rest der Gesellschaft, sagt die Expertin. „Nur bei Sportarten wie Gymnastik, Hochsprung und Skisprung, in denen man sehr auf das Gewicht achten muss, ist das Risiko für Essstörungen erhöht“, erklärt sie. Allerdings seien Leistungssportler besondere Patienten. Zum einen sei es ihnen wichtig, auch während eines stationären Klinikaufenthalts oft zu trainieren, um nicht den Anschluss zu verlieren. Zum anderen spielt ihr hoher Anspruch in Bezug auf ihre sportlichen Leistungen meist eine wesentliche Rolle in der Psychotherapie. Als deutschlandweit einzige Klinik hat sich das Team von Schloss Freudental daher darauf spezialisiert, diesem Klientel gerecht zu werden. Die Klinik wurde im vergangenen Jahr eröffnet.

Neue Erfahrungen stärken den Selbstwert

Mehrere Bewegungs- und Trainingseinheiten pro Woche gehören zum Programm aller Patienten dort. Fitnessgeräte, Basketballkorb, Kletterwand, Fahrräder und mehr stehen bereit. Außerdem kooperiert die Privatklinik mit Vereinen, um viele Sportarten abdecken zu können, erklärt Sporttherapeut Benjamin Klapitz. Ergänzt wird das Konzept um eine angepasste Ernährung und Aufenthalte in der Natur rund um das Schloss.

„Sport ist mehr als nur Bewegung“, betont Dallmann. Gerade bei Depressionen, die häufigste psychische Erkrankung der Patienten in Freudental, könnten die Übungen dazu beitragen, ein besseres Gefühl für den eigenen Körper zu bekommen und den Selbstwert zu stärken. Beim Boxen und bei Yoga könnten die Betroffenen beispielsweise neue Erfahrungen sammeln, an der Kletterwand Mut beweisen und ihr Selbstvertrauen durch das Erfolgserlebnis ausbauen.

Das Gefühl für den Körper wiedererlangen

Auch Hauke Kaufmann hilft die körperliche Betätigung, seine Depressionen in den Griff zu bekommen. Der Fellbacher hat früher als Lehrer gearbeitet, ist aber auch ausgebildeter Fitnesstrainer und war lange im Fußball aktiv. „Sport ist essenziell“, sagt der 55-Jährige. Dadurch erlange er wieder ein Körpergefühl. „Die Depression lähmt mich“, erklärt er. An manchen Tagen komme er kaum aus dem Bett. „Dann spüre ich mich nicht mehr, verliere ich mich“, sagt er. Körperliche Aktivität hilft ihm sehr dabei, sich wieder besser zu fühlen.

Zweimal in der Woche zieht er sein Krafttraining durch. Jeden Morgen macht er fünf Yogaübungen. Manchmal kostet es Hauke Kaufmann viel Überwindung, damit anzufangen. Vor allem vormittags, wenn die Depression sich am stärksten bei ihm auswirkt. Dann ist es die Disziplin, die ihn antreibt. Doch die positive Wirkung der Bewegung macht sich schnell bemerkbar. „Ich merke, dass es mir gut tut“, sagt er. Sport sei für ihn auch Mentalarbeit. Für ihn ist er daher die tragende Säule, um mit seinen chronischen Depressionen zurechtzukommen.

Training hilft, Kontakt mit anderen aufzubauen

Einen weiteren Vorteil kann die Bewegung haben: Wenn man sie in der Gruppe betreibt, fördert es soziale Kontakte, die bei psychisch kranken Menschen häufig leiden. „Ich habe mich zeitweise selbst isoliert“, sagt Kaufmann. Erschwerend kommt hinzu, dass mentale Probleme mit Stigmatisierung und Vorurteilen verbunden sind. Das kann die Einsamkeit vergrößern. Wieder sozialen Umgang über den Sport zu haben, ist nach Erfahrung von Hauke Kaufmann Gold wert.

Auch in der Privatklinik in Freudental läuft die Sport- und Bewegungstherapie in Gruppen ab. Daneben gibt es auch Einzeltherapiestunden. Ein Patentrezept hat jedoch auch Petra Dallmann nicht. Jeder Patient bringe andere Bedürfnisse und körperliche Voraussetzungen mit, sodass das Training individuell abgestimmt werden muss.

Weitere Themen