Gesundheitsversorgung im Kreis Ludwigsburg Akuter Ärztemangel trotz stabiler Zahlen?

35 Prozent der Hausärztinnen und Hausärzte im Landkreis Ludwigsburg sind 60 Jahre oder älter Foto: Jens Büttner

Laut Bedarfsplan hat der Landkreis Ludwigsburg ausreichend Haus- und Fachärzte, gleichzeitig schlagen Mediziner und das Landratsamt wegen des Mangels immer lauter Alarm. Wie passt das zusammen?

Ludwigsburg : Emanuel Hege (ehe)

Vor kurzem habe er ein Blutbild eines 76-Jährigen aus Marbach gemacht, sagt Hausarzt Dieter Böhm: „Es war klar, dass da etwas nicht stimmt.“ Böhm überweist den Patienten an einen Hämatologen und hofft, dass ihm dort geholfen wird. Der Rentner telefoniert mit seiner Tochter die Fachärzte der Region ab – doch keine Chance, berichtet Böhm. Erst als der 76-Jährige seiner Krankenkasse schreibt, bekommt er einen Termin – aber erst in drei Monaten und in Mannheim. „Währenddessen treibt die Krankheit vor sich hin“, sagt Böhm.

 

Der Fall ist beispielhaft für die aktuelle Verfügbarkeit von Haus- und Fachärzten im Kreis Ludwigsburg. Doch obwohl es Patienten immer schwerer haben, medizinische Versorgung zu finden, ist der Kreis laut der Bedarfsplanung der Kassenärztlichen Vereinigung (KVBW) gut versorgt. Für diesen Widerspruch hat die KVBW zudem eine überraschende Erklärung.

Die Zahlen täuschen

Ein Blick auf die aktuellen Zahlen: beim Thema Gesundheitsversorgung ist der Landkreis in drei Bereiche unterteilt. Der erste Bereich Ludwigsburg/Kornwestheim gilt mit einem Versorgungsgrad von 108 Prozent als gut versorgt, während die Bereiche Bietigheim-Bissingen/Besigheim mit 90 und Vaihingen mit 87 Prozent weniger gut versorgt sind. Eine Unterversorgung besteht jedoch nicht, von der spricht man nämlich erst bei 75 Prozent. Auffällig ist zudem, dass der Versorgungsgrad in allen drei Bereichen im Zehn-Jahres-Vergleich auf ähnlichem Niveau geblieben ist. Diese vermeintlich stabilen Zahlen täuschen jedoch – sagt unter anderem auch Landrat Dietmar Allgaier.

Die Daten würden den Eindruck erwecken, dass die Versorgung im Kreis gut ist, das Gesundheitsdezernat erreichen jedoch regelmäßig Anfragen von verzweifelten Bürgerinnen und Bürgern, wird Allgaier in einer Pressemitteilung des Landratsamtes zitiert. Auf Nachfrage bestätigt Ulrike Rangwich-Fellendorf: „Der Landkreis beobachtet die Entwicklung mit großer Sorge.“ Laut der stellvertretenden Leiterin des Dezernats Gesundheit werden viele Hausärzte im Kreis zudem in den kommenden Jahren in Rente gehen: 35 Prozent sind bereits 60 Jahre oder älter.

Auch Mediziner im Kreis zeichnen ein alarmierendes Bild. Seit der Praxisübernahme von seinem Vater vor 13 Jahren sei die Anzahl seiner Patienten von 800 auf fast 2000 angewachsen, sagt David Strodtbeck aus Marbach. An manchen Tagen behandele er bis zu 100 Menschen, „und für jeden Einzelnen ist dann immer weniger Zeit“.

„Viele sagen uns, dass sie heilfroh sind, dass es eine neue Praxis gibt – sie hätten jahrelang keinen Hausarzt gefunden“, sagt Maximilian Schiedeck, der seit April mit seinem Freund Armin Omerčević die Hausarztpraxis Strohgasse in Marbach führt. Trotz all der Strapazen sei es immer noch ihr Traumberuf, „es ist aber ein Warnsignal, dass im Speckgürtel von Stuttgart mehrere Praxen schließen, ohne Nachfolger zu finden“.

Warum gibt es überhaupt einen Ärztemangel?

Die Misere hat viele Ursachen: zum einen kommen nicht genug neue Haus- und Fachärzte nach, sie scheuen die Selbstständigkeit und Bürokratie. Viele schreckt zudem das Bezahlsystem der Krankenkassen ab, das Ärzte für einige Leistungen nicht komplett auszahlt. Während das Angebot also eher sinkt, wächst zugleich der Bedarf. Die Einwohnerzahl im Kreis steigt, zudem wird die Gesellschaft älter, die Krankheitslast pro Person nimmt zu. Hinzu kommen Veränderungen im Gesundheitssystem. Krankenhauspatienten werden früher aus Kliniken entlassen und kreuzen in den Tagen darauf bei Haus- und Fachärzten auf.

Nun werden Forderungen laut, dass die KVBW ihre Bedarfsplanung an diese veränderten Bedingungen anpassen soll und der Mangel in den Zahlen tatsächlich sichtbar wird. Die Bedarfsplanung müsse hinterfragt werden, bestätigt Landrat Allgaier.

KVBW weist Zuständigkeit von sich

Kai Sonntag winkt ab, er müsse etwas klarstellen. „Der Bedarfsplan ist nicht dafür gedacht, die Versorgungslage in einer Region darzustellen“, sagt der Sprecher der KVBW. Der Bedarfsplan stamme noch aus den 1990er Jahren als es zu viele Ärzte im Land gab. Das habe damals dazu geführt, dass Menschen häufiger zum Arzt gingen, was viel Geld kostete und das Gesundheitssystem belastete. Der Bedarfsplan wurde also eingeführt, um solche Überangebote zu erkennen und in den jeweiligen Regionen neuen Praxiseröffnungen einen Riegel vorzuschieben.

Der Bedarfsplan bildet also gar nicht den Bedarf an Ärzten ab? Die KVBW kenne diese Erwartungshaltung, „das können wir aber nicht erfüllen“. Der Bedarfsplan sei „unvollkommen“ und habe „große systematische Schwächen“, sagt Sonntag. Nicht einmal große Forschungsinstitute würden es hinkriegen, die Gesundheitsversorgung für eine bestimmte Region zu bewerten.

Für Hausarzt Böhm ist das nicht nachvollziehbar, denn „dann gehört die Bedarfsplanung in die Mülltonne“. Böhm sieht die KVBW in der Pflicht, den Mangel ganz klar zu benennen – das bedeute dann zwar noch lange keine neuen Ärzte, würde das Problem aber zumindest sichtbar machen.

Trotz der dramatischen Lage, werde viel zu wenig von KVBW, Land, Bund und Ärzten unternommen, so Böhm. Hoffnung auf schnelle Lösungen hat der Hausarzt nicht, das Gesundheitssystem ähnele mittlerweile einem Knoten, der sich nicht mehr lösen lässt. „Eigentlich bräuchten wir eine Art Papstwahl. Die Verantwortlichen müssen sich in einen Raum sperren und erst rauskommen, wenn eine Lösung gefunden ist.“

Was könnte gegen den Ärztemangel in der Region helfen?

Budgetierung
Haus- und Fachärzte fordern eine Veränderung ihrer Bezahlung durch Krankenkassen und KVBW. Aktuell muss ein Arzt Behandlungen aus eigener Tasche zahlen, wenn er mehr Leistungen abrechnet, als es sein festgelegtes Budget zulässt. Ärzte machen weniger Überstunden, zudem schreckt es Mediziner ab, eigene Praxen zu eröffnen.

Bürokratie
Haus- und Fachärzte fordern einen Bürokratieabbau, um den Beruf attraktiver zu machen. Beispielsweise müssen Ärzte jede Behandlung bis ins Detail für Krankenkassen dokumentieren, eine langwierige und eintönige Arbeit. Zudem hoffen viele Ärzte, dass sich von alten Denkweisen verabschiedet wird und digitalisierte Angebote wie Videosprechstunden ausgebaut werden.

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