Gewaltserie in der Region Stuttgart Schüsse im Fasanenhof als Geheimsache

Tatort Fasanenhof: Auch das Attentat auf einen 31-Jährigen im Dezember 2023 (Archivbild) ist noch ungeklärt. Foto: Andreas Rosar/Fotoagentur Stuttgart

Nicht alle Taten, die von zwei schießwütigen Gruppierungen in der Region Stuttgart begangen werden, gelangen auch an die Öffentlichkeit. Der Aufklärung hat die Geheimhaltung der Polizei bisher aber auch nicht geholfen.

Lokales: Wolf-Dieter Obst (wdo)

Unter den beiden Straßenkrieger-Gruppierungen in der Region Stuttgart ist weitaus öfter geschossen worden, als die Polizei bisher offiziell bekannt gegeben hat. Wie es heißt, aus ermittlungstaktischen Gründen. Dazu zählt auch ein Zwischenfall, der sich kurz vor Ostern 2023 im Stuttgarter Stadtteil Fasanenhof abgespielt hat. Einen Ermittlungserfolg gibt es bisher nicht – ebenso wenig wie bei einem Messerattentat im Dezember vergangenen Jahres.

 

Auf dem Europaplatz, sozusagen im Zentrum des Stadtteils Fasanenhof, fallen am 4. April 2023, zwei Tage vor Beginn der Osterferien, nachts plötzlich mehrere Schüsse. Die Schützen haben das Auto eines 25-Jährigen im Visier. Der Fasanenhof gilt als Revier der Gruppierung Zuffenhausen-Göppingen. Die Täter dürften somit zu den Gegnern aus den Bereichen Esslingen, Stuttgart-Vaihingen, Plochingen gehören. Der Zwischenfall, der sich gegen 21.45 Uhr abspielt, wird von Anwohnern beobachtet. Sie alarmieren die Polizei.

Polizei schweigt wegen verdeckter Ermittlungen

Die Fahndungskräfte können indes keine Verdächtigen mehr feststellen. Die Stuttgarter Polizei behandelt den Fall, der recht glimpflich ausging, anschließend als Geheimsache. Keine öffentliche Mitteilung, keine Zeugensuche. Sollte die Bevölkerung etwa nicht beunruhigt werden? „Man hat mit verdeckten Ermittlungsmaßnahmen den Vorfall aufzuklären versucht“, sagt Polizeisprecherin Daniela Treude auf Anfrage unserer Zeitung, „daher haben wir nicht darüber berichtet.“ Ähnlich ging die Polizei Anfang Oktober vor, als ein 31-Jähriger nachts in Vaihingen überfahren und lebensgefährlich verletzt wurde. Der Vorfall wurde zunächst als Unfallflucht dargestellt – war in Wirklichkeit aber ein Angriff eines Täters, der den Fluchtwagen im Fasanenhof zurückließ. Sozusagen im Feindesgebiet.

Ob die Schüsse vom 4. April eine Reaktion der Esslinger Gruppierung auf die Schüsse vom 2. April auf eine Shisha-Bar in Plochingen waren? Das bleibt vorerst offen. Das Landeskriminalamt (LKA) ermittelt diesen Fasanenhof-Fall nicht – obwohl sonst alle relevanten Schießereien seit Sommer 2022 bei der Ermittlungsbehörde gebündelt worden sind. Anfangs sei dieser Zusammenhang nicht eindeutig gewesen, habe sich erst nachträglich ergeben, sagt LKA-Sprecher David Fritsch.

13 Stiche dank Notoperation überlebt

Die Geheimsache Fasanenhof ist bis heute ein Ermittlungsverfahren des Polizeipräsidiums Stuttgart. Bei einem Messerattentat, das sich am 12. Dezember 2023 im Solferinoweg abspielte, wurden die Zuständigkeiten anders geregelt. Die Stuttgarter Kripo hatte schon eine Ermittlungsgruppe gegründet, als das LKA den Fall einen Tag später an sich zog. Ein 31-Jähriger war im Solferinoweg von vier bis sechs Maskierten mit Messer, Schlagstock und Reizgas angegriffen und schwer verletzt worden. Der Mann aus dem Fasanenhof überlebte 13 Messerstiche dank Notoperation. Angehörige beklagten gleichwohl, dass er bereits vier Tage später die Klinik habe verlassen müssen, förmlich rausgeworfen.

Das LKA rechnet die Bluttat der Gewaltserie der multiethnischen Gruppierungen zu. Ganz im Dunkeln scheint man nicht zu tappen. So soll es im letzten Jahr eine Festnahme gegeben haben, die allerdings zu keinem Haftbefehl reichte. Wie weit die neu gegründete, 135 Ermittler zählende LKA-Sondereinheit „Fokus“ mit ihren Erkenntnissen ist, dazu, so heißt es wenig überraschend, „können wir aus ermittlungstaktischen Gründen keine Auskunft erteilen“.

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