Anastasia Legidou nimmt ihr Portemonnaie aus der Handtasche, als sie die Vorkirche betritt. Sie wirft Kleingeld in eine Kasse und nimmt sich zwei Kerzen, die sie entzündet und an den Ständern neben dem Portal zum großen Kirchenschiff aufstellt – rechts zur Fürbitte für die Lebenden, links für die Toten, erläutert sie. Dann tritt Legidou in das Hauptschiff von „Mariä Verkündigung“, wo sich ihr und allen anderen Besucherinnen und Besuchern erst die ganze, goldglänzende Pracht des griechisch-orthodoxen Kirchenbaus in Esslingen eröffnet. An diesem Samstag wird die 67-Jährige im Rahmen der Frauenwochen Interessierte in die Räume führen. Fertiggestellt ist die Kirche auch mehr als 30 Jahre nach Baubeginn noch nicht ganz – und man träumt schon vom nächsten Großprojekt.
Beeindruckend ist „Mariä Verkündigung“ schon jetzt. Mit ihren 41 Metern Länge und bis zu 25 Metern Breite gilt sie nach Angaben der Gemeinde als größte griechisch-orthodoxe Kirche in Europa außerhalb Griechenlands. Bis zu 500 Sitzplätze fasse die dreischiffige Basilika mit Galerie – die brauche man auch, sagt Legidou. Denn die Liturgie dauere an die vier Stunden. „Da kann man nicht die ganze Zeit stehen“, räumt die engagierte Ehrenamtliche ein. Dennoch, beteuert sie, sei in ihrer Gemeinde nicht das Phänomen zu beobachten, mit dem katholische und evangelische Kirchen zu kämpfen haben am Sonntag. „Es ist immer sehr voll“, sagt Legidou. Das sei Pater Michael Neonakis zu verdanken, der gerne lange und nach Legidous Geschmack sehr gut predige.
Priester gibt Anstoß zum Bau der Kirche
Michael Neonakis gab einst den Anstoß zum Bau der Kirche. Der in Schwarz gewandete Geistliche, dem man seine 75 Jahre nicht ansieht, ist 1986 nach Esslingen gekommen. Der Segen Gottes habe ihn hergeführt, sagt der Erzpriester nach Übersetzung Legidous aus dem Griechischen. Früher begingen die Gemeindemitglieder ihre Gottesdienste in einem Holzbau in den Pulverwiesen. Sein erstes Ostern in der Gemeinde – in der griechischen Orthodoxie das größte Fest des Kirchenjahres – beging Michael Neonakis auf Einladung der Esslinger Protestanten in der Frauenkirche. Dort seien so viele griechische Gläubige gewesen, dass ihm die Idee zum Bau einer großen Kirche gekommen sei, erinnert sich der Pater. Zunächst habe es Mühe gekostet, ein Grundstück zu finden. Am Anfang sei in Esslingen eine gewisse Kälte zu spüren gewesen gegenüber dem Vorhaben, schildert Neonakis. Größere Widerstände, wie es sie später beim benachbarten Moscheebau gab, aber nicht. Besonders der damalige evangelische Stadtdekan habe sich für sie eingesetzt. Auf der Webseite dankt die Gemeinde den Kollegen der katholischen und evangelischen Kirchen, die mit Spenden und Darlehen beistanden.
Zweifelsohne den weitaus größten Beitrag zum Kirchenprojekt leisteten aber die eigenen Gläubigen. Der Bau, dessen Kosten auf elf Millionen Euro geschätzt werden, wurde mit viel Eigenleistung und Spenden der rund 5000 Mitglieder gestemmt, da die Gemeinde nicht über Kirchensteuereinnahmen verfügt. Die Baumaterialien und die Einrichtung von den Stühlen bis zu den Ikonen kommen größtenteils aus Griechenland. Die flächendeckenden Wandmalereien stammen aus den Pinseln einer griechischen Künstlerfamilie. Im Herbst sollen auch diese Arbeiten abgeschlossen werden. Nur wer aufmerksam ist, bemerkt, dass im Bereich der Galerie im ersten Stock der Kirche noch kahle Stellen an den Wänden sind. Doch auch wenn diese gefüllt sind, wird es wohl nicht ruhig um den Pater und die Gemeindemitglieder: Sie wünschen sich auch ein Gemeindezentrum.
Osterfest im Mai
Der Unterstützung der Gläubigen kann sich Neonakis gewiss sein. Dem Pater wird große Ehrerbietung und Dankbarkeit für seinen Einsatz entgegengebracht. Das Gemeindeleben ist den Griechinnen und Griechen in und um Esslingen wichtig. „Ich lebe seit 50 Jahren in Deutschland und sehe mich selbst als griechische Schwäbin“, erzählt Legidou. Sie fühle sich wohl in Esslingen, wolle wie die anderen Mitglieder zugleich aber ihre griechischen Sitten und Bräuche leben können. Die Frauen in der Gemeinde haben dabei eine wichtige Rolle, auch wenn sie kein Priesteramt bekleiden. Die griechische Frauengruppe organisiert neben internen Veranstaltungen auch regelmäßig Führungen. Es bestehe eine große Nachfrage. Dass es seit vielen Jahren auch ein Angebot zu den Frauenwochen gebe, liege daran, dass sie im Frauenrat der Stadt Esslingen sei, erklärt Legidou. Die 67-Jährige, die früher in der Qualitätsprüfung bei dem Plochinger Keramikspezialisten Ceramtec gearbeitet hat, ist als Rentnerin noch stärker ehrenamtlich engagiert. Ebenso sind es zahlreiche andere Frauen, die unter anderem den täglichen Betrieb der Kirche verwalten und bei der Organisation von Festen federführend sind. Das wichtigste im Kirchenjahr steht nun bevor: das Osterfest, das in der orthodoxen Kirche 2024 Anfang Mai begangenen wird.
Spenden und Kerzen
Geschichte
Die griechisch-orthodoxe Kirchengemeinde in Esslingen besteht seit 1965. 1993 begann in der Dammstraße in Oberesslingen der Bau der Kirche Mariä Verkündigung, zu Weihnachten 1995 wurde dort erstmals die Liturgie gefeiert. Die Kirche ist im Stil einer byzantinischen Basilika erbaut worden. Inklusive Kuppelkreuz misst sie 27,3 Meter und ist damit etwas höher als die benachbarte Moschee, deren Minarett 25 Meter hoch ist. Die zwei Bauwerke prägen das Stadtbild aus südlicher Perspektive. Die Gemeinde finanziert sich mit Spenden vor allem der Mitglieder, aber auch der Herstellung von Kerzen im Untergeschoss der Basilika. Diese gehen an orthodoxe Gemeinden in ganz Deutschland.
Führung
Eine Führung in der Kirche im Rahmen der Esslinger Frauenwochen beginnt an diesem Samstag, 23. März, um 10.30 Uhr. Anmeldung per E-Mail an griechischefrauengruppe-esslingen@web.de