Gold bei Olympia 2022 Nathan Chen zaubert auf dem Eis
Höchstschwierigkeiten und dazu Filmmusik von Elton Johns „Rocket Man“ : Nathan Chen begeistert mit seiner Gold-Kür und krönt sich zum Olmypiasieger im Eiskunstlauf.
Höchstschwierigkeiten und dazu Filmmusik von Elton Johns „Rocket Man“ : Nathan Chen begeistert mit seiner Gold-Kür und krönt sich zum Olmypiasieger im Eiskunstlauf.
Peking - Als der letzte Ton aus dem Musical „Rocket man“ verklungen war und die wenigen Fans im Capital Indoor Stadium laut jubelten oder sogar kreischten, spätestens da war jedem klar: Nathan Chen ist Olympiasieger im Eiskunstlauf der Herren, ein verdienter, ein würdiger Olympiasieger. Und der Mann, der sonst mit seinen Emotionen so haushaltet wie ein Gemeindekämmerer, strahlte übers ganze Gesicht. Nach der Schmach von Pyeongchang, als er nach einem verkorksten Kurzprogramm am Ende nur auf dem fünften Platz gelandet war, hat der US-Amerikaner nicht nur die Zuschauer in der Halle verzaubert, sondern alle, die Ästhetik und die Dynamik auf dem Eis lieben.
„Klar, da waren einige Dinge, die ich besser kann, aber natürlich bin ich wahnsinnig glücklich – ich habe das Programm geboten, wie es geplant war“, sagte der Olympiasieger, der für die Vorstellungen in Kurzprogramm und Kür die Weltrekordpunktzahl von 332,60 Punkten erhielt. Die Japaner Yuma Kagiyama (310,05) und Shoma Uno (293,0) wurden mit Silber und Bronze ausgezeichnet, womit sie augenscheinlich zufrieden waren.
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Für den gefallenen Star Yuzuru Hanyu, der nach dem missratenen Kurzprogramm aus dem Medaillenrennen war, blieb nur der (undankbare) vierte Platz. Wobei der Gold-Gewinner von 2014 und 2018 selbst eine Silbermedaille wohl behandelt hätte wie einen lästigen Werbebrief im Briefkasten. Zumindest wollte der Japaner in der Kür als Herausforderung (Gold war ja verloren) einen Meilenstein setzen: den ersten vierfachen Axel. Doch er stürzte, die Spiele von Peking waren nicht die des Yuzuru Hanyu. „Mein Stolz hat verlangt, diesen Sprung zu versuchen. Erst mit ihm bin ich ein kompletter Läufer“, sagte der 27-Jährige, „deshalb musste ich ihn wagen.“
An die sagenhafte Leistung von Nathan Chen reichte nichts heran. Der 22-Jährige katapultierte sich fünfmal zu einem Vierfach-Sprung in die Luft als kenne er den Knopf, mit dem man für Sekundenbruchteile die Schwerkraft abschaltet – und diese augenscheinliche Zauberkraft würdigten die Zuschauer mit Standing Ovations. Zur persönlichen Kür-Bestleistung (224,92) reichte es mit 218,63 Punkten nicht, weil dem dreimaligen Weltmeister nach dem vierfachen Toeloop der Flip nur einfach herausgerutscht war. Ein Malheur, das der Magie der Präsentation nichts anhaben konnte.
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Es war nicht das erste Mal, dass der Jungstar den Superstar besiegt hatte, in zuvor neun Duellen bei großen Wettbewerben hatte Chen fünfmal gewonnen, so bei den Weltmeisterschaften 2019 und 2021; aber Olympia hat ein größeres Gewicht. Nun ist er endgültig auf Augenhöhe, wenn man daran noch gezweifelt hätte. „Ich hätte nicht geglaubt, dass ich das schaffe“, sagte er mit gewohntem Understatement, „ich habe aber davon geträumt. Kaum zu glauben, dass es nun so ist.“ Es könnte ein erster Schritt gewesen sein zur Wachablösung im Eiskunstlauf.
Die Herzen der Zuschauer waren ihm ohnehin zugeflogen, der in Salt Lake City geborene Sohn ausgewanderter chinesischer Studenten ist gefühlt einer der ihren, wenngleich Hanyu kein Feindbild darstellt. Aber der US-Läufer ist ein völlig anderer Charakter. Scheint der Japaner gelegentlich der Welt entrückt, steht Chen mit beiden Beinen fest auf dem Boden. Der junge Mann studiert an der Elite-Universität Yale Statistik und Datenverarbeitung, er managt es, die anspruchsvollen Lehrinhalte mit den schweißtreibenden Trainingsstunden zu kombinieren.
Rafael Harutjunjan, der einst die fünfmalige Weltmeisterin Michelle Kwan unterrichtete, formt den Eleven seit 2011 zum Überflieger. Keiner springt, rotiert und landet wie Chen. Der 1,66 Meter große Bursche gilt als einziger Läufer, dem es im Wettkampf gelungen ist, Toeloop, Rittberger, Salchow, Flip und Lutz vierfach auszuführen und zu stehen – bestimmt dürfte Chen nicht traurig gewesen sein, dass Hanyu (ihm fehlt der vierfache Flip) den Axel in Peking aufs Eis gesetzt hat. „So einen wie Nathan gibt es pro Eislauf-Generation nur einmal“, sagte Trainingskollege Jason Brown einmal ehrfürchtig. Man muss ihm nicht zwingend widersprechen.
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Während Hanyu aus seinem Privatleben ein Geheimnis macht wie die Österreicher ums Originalrezept der Mozartkugel, taucht der Sprunggewaltige regelmäßig in Social-Media-Kanälen auf. Die Welt des Nathan Chen besteht nicht ausschließlich aus einer 60 mal 30 Meter großen Eisfläche. Er postet auf Facebook, wie er mit seiner Mutter seine Schwester besucht, es darf auch ein Foto auf Instagram sein, das den Hinweis „bezahlte Partnerschaft“ trägt, das er im Auftrag eines seiner namhaften Sponsoren ins Netz stellt. 2020 hat ihn das Wirtschaftsmagazin „Forbes“ in der Liste „Die besten 30 unter 30“ aufgeführt, neben NBA-Profi Klay Thompson und Football-Superstar Patrick Mahomes. Bisher kannten die Sportfans in den Staaten im Eiskunstlauf fast nur weibliche Stars. Nathan Chen dürfte das mit seinem Triumph in Peking geändert haben.