Stuttgart - Sie sind „bewusst“, „fair“ oder produziert aus „verantwortungsvollen Quellen“: Immer mehr Modemarken werben mit nachhaltigen Kollektionen. Ob die so präsentierten Kleidungsstücke auch tatsächlich ethisch und ökologisch verantwortungsvoll produziert wurde, ist dabei aber häufig undurchsichtig – nicht zuletzt wegen der zahlreichen Siegel. Viele Unternehmen verfolgen vor allem das Ziel, den Konsumenten ein gutes Gewissen zu vermitteln, kritisieren Verbraucherschützer. „Begriffe wie Fairness oder Nachhaltigkeit sind rechtlich nicht geschützt“, sagt Kathrin Krause, Expertin für nachhaltigen Konsum beim Verbraucherzentrale Bundesverband. „Verbraucher haben kaum die Möglichkeit, zu beurteilen, ob Unternehmen ihre Versprechen halten.“ Denn: Nachhaltigkeit sei eine Vertrauenseigenschaft, die Verbraucher äußerlich nicht erkennen könnten. „Sie können nur auf die Produktinformation vertrauen.“
Es gibt durchaus Vorstöße der Moderiesen wie H&M und C&A in puncto Nachhaltigkeit. So haben sich diese zum Beispiel verpflichtet, bis zum Jahr 2020 verstärkt ohne umwelt- oder gesundheitsschädliche Chemikalien zu produzieren. „Es geht inzwischen nicht mehr ohne solche Bekenntnisse“, sagt Experte Kai Nebel von der Fakultät Textil und Design der Hochschule Reutlingen. „Die öffentliche Diskussion ist derart aufgeheizt, dass die Unternehmen in der Pflicht sind, sich damit auseinanderzusetzen.“ Was jedoch tatsächlich getan wird und was der Imagepflege diene, sei eine andere Frage.
Bei vielen Unternehmen ist Nachhaltigkeit nur eine Marketingstrategie
„Wenn man bei Unternehmen wie Adidas oder H&M genau hinschaut, kann man das Nachhaltigkeitsversprechen am Ende doch wieder nur auf eine Marketingstrategie herunter brechen“, sagt Kai Nebel. „Man macht zwar punktuell etwas, zeigt ein paar schöne Bilder mit ein bisschen Meeresplastik, das man angeblich verarbeitet und am Ende übersteigen die Marketingkosten dafür die Investitionen in neue, nachhaltige Produkte um ein Vielfaches.“ Eine aktuelle Auswertung der Kampagne für Saubere Kleidung zeigt, dass deutsche Unternehmen wie Adidas, Aldi, Hugo Boss, Esprit oder Zalando – trotz Absichtserklärungen – bislang nicht gewährleisten, dass die gezahlten Löhne etwa für Näherinnen existenzsichernd sind. Die Absichtserklärungen würden „nur auf dem Papier“ gut aussehen, urteilte die Kampagne.
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Der Verbraucherzentrale Bundesverband hat zuletzt einen Hersteller abgemahnt, der mit Viskose Textilien aus „verantwortungsvoller Quelle“ geworben hat. „Verbrauchern wurde hier eine wesentliche Information für ihre Kaufentscheidung vorenthalten. Denn anhand der Werbeanzeige war nicht ersichtlich worin diese verantwortungsvolle Quelle bestand“, sagt Kathrin Krause.
Viele Materialien sind Mischfasern – und können kaum recycelt werden
Das Versprechen, alte Textilien zu recyceln – so wie es beispielsweise H&M mit einer Altkleider-Sammelaktion in den Filialen vorgibt –, könne Kai Nebel zufolge so gar nicht eingehalten werden. Die meisten Kleidungsstücke von großen Modeunternehmen, die mehrere Kollektionen pro Jahr anbieten, bestehen aus Mischfasern. „Da spielt der Outdoor-Trend eine Rolle“, erklärt Kai Nebel. „Ein bisschen Polyester, ein bisschen Elasthan, ein bisschen Polyamid, dann noch ein Schuss Baumwolle oder gar Wolle – so etwas ist schlicht nicht recyclefähig.“ Es sei sehr komplex, die einzelnen Materialien wieder voneinander zu trennen. „Die Fasern sind dann kürzer und man hat eine schlechtere Qualität.“ Ein Teil der abgegeben Kleider gehe in die Abfallverwertung, wird entweder geschreddert und zu Dämmstoffen, Malerfliesen oder Putzlappen verarbeitet. Und ein Teil werde verbrannt.
„Solche Modelle sehen wir kritisch“, urteilt auch Kathrin Krause über jene Aktionen, bei denen Modekonzerne alte Kleider zurücknehmen. Durch ausgegebene Gutscheine werde so nur der Konsumkreislauf weiter angekurbelt.
In Deutschland werden jährlich 1,35 Millionen an Altkleidern entsorgt, 40 Prozent davon finden neue Abnehmer in Afrika, Osteuropa oder China, so die Zahlen des Bundesverbands Sekundärrohstoffe und Entsorgung. Die Textilindustrie produziert insgesamt laut einer Studie des Wissenschaftsnetzwerks „Bayern Innovativ“ mehr als zwei Milliarden Tonnen Abfälle pro Jahr, ist für acht Prozent des CO-2-Ausstoßes verantwortlich und der zweitgrößte Wasserverschmutzer weltweit. Um ein Kilo Baumwolle für eine Jeans herzustellen, werden 11 000 bis 17 000 Liter Wasser benötigt. Für ebenso viel Bio-Baumwolle ist es – je nach Quelle – 40 bis 70 Prozent weniger Wasser und etwa 60 Prozent weniger Energie.
Orientierung bieten kleinere Labels oder bestimmte Textil-Siegel
Es gibt Modefirmen, die ihren Schwerpunkt schon seit einiger Zeit auf das Thema Nachhaltigkeit gesetzt haben. So, wie zum Beispiel das Kölner Label „Armed Angels“, Trigema aus Burladingen, der Outdoor-Hersteller Vaude aus Tettnang oder Manomama aus Augsburg: „Diese Marken verkaufen ihre Ware meist zu höheren Preisen, in viel kleineren Mengen und teils auch mit viel geringeren Gewinnspannen“, sagt Kai Nebel. „Nachhaltig produzierte Kleidung ist im Massenmarkt noch nicht angekommen“, sagt Verbraucherschützerin Kathrin Krause. . „Nachhaltig produzierenden Unternehmen wird es schwer gemacht, zum Mainstream zu werden, auch weil sie aktuell Wettbewerbsnachteile erleiden“, sagt Krause. „Es fehlt an einheitlichen gesetzlichen Rahmenbedingungen und Mindeststandards, die für alle Hersteller gleichermaßen gelten und auch Anreize setzen können nachhaltig zu produzieren.“
Immerhin, ein paar Siegel können durchaus Orientierung auf dem Modemarkt bieten. Informationen und Orientierung für Verbraucher im Siegel-Wirrwarr gibt zum Beispiel die Internetseite Siegelklarheit der Bundesregierung. Auch der Grüne Knopf, herausgegeben vom Entwicklungsministerium, biete Potenzial, sagt Kathrin Krause.
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Verbrauchern wird es nicht leicht gemacht grüne Kampagnen zu enttarnen, die nur zum Image-Gewinn der Unternehmen beitragen sollen. Laut Verbraucherschützerin Krause lohnt ein kritischer Blick auf den Hersteller: „Verbraucher können sich fragen, welchen Gesamtanteil nachhaltige Produkte an der gesamten Produktpalette haben. Ist Nachhaltigkeit die Unternehmensphilosophie oder steht der Begriff nur auf einer einzigen Kollektion?“
Vor allem müsse man wegkommen vom wachsenden Konsum: „Der nachhaltigste Konsum ist gar kein Konsum“, sagt Kathrin Krause. Denn die Nachfrage nach neuen Kleidungsstücken ist enorm, seit der Jahrtausendwende hat sich die Produktion mehr als verdoppelt. „Wir müssen Güter und Materialien wieder stärker wertschätzen“, sagt Krause. Auch teilen, tauschen oder gebraucht kaufen habe einen guten Effekt für die persönliche Klimabilanz.