Grimme-Preise für gutes Fernsehen Ein bisschen mehr Risiko, bitte

Von René Martens 

Mit Jan Böhmermann und der ARD/Sky-Serie „Babylon Berlin“ setzten sich beim Grimme-Preis 2018 klare Favoriten durch. Bemerkenswert ist allerdings der hohe Frauenanteil bei den Preisträgern in der Kategorie Information & Kultur.

Liv Lisa Fries spielt eine der Hauptrollen in der Serie „Babylon Berlin“, die beim Grimme-Preis   erfolgreich war. Foto: Sky
Liv Lisa Fries spielt eine der Hauptrollen in der Serie „Babylon Berlin“, die beim Grimme-Preis erfolgreich war. Foto: Sky

Marl - Bahnbrechende Serie“ „feinnerviges Zeitgeschichtsstück“ „großes Rauschkino“ - so lauten die Superlative, mit denen die Grimme-Jury ihre Preisentscheidung für die im Jahr 1929 angesiedelte ARD/Sky-Serie „Babylon Berlin“ begründet. Die ist erst die zweite Zusammenarbeit zwischen öffentlich-rechtlichen Programmen und einem deutschen Pay-TV-Sender. Unter den prämierten Produktionen ist mit „Dark“ (Netflix) auch erstmals eine deutsche Eigenproduktion eines Streamingdienstes. Mit „4Blocks“ erhält eine dritte Serie eines Bezahlsenders (TNT Serie) eine Auszeichnung.

Das Genre der 90-Minüter befinde sich dagegen in einer Krise, meint Christian Buß, TV-Kritiker und Grimme-Juror. Man habe den Eindruck, dass die Senderredaktionen „heiße Eisen so lange herumreichen, bis sie lauwarme Stoffe sind.“ Mehr Risiko wünschte sich auch die Jury, die für die Kategorie Kinder & Jugend Jugend zuständig war. Das Gremium vergab nur zwei von drei möglichen Preisen.

Bewährte Kräfte

In der Kategorie Unterhaltung setzten sich sehr bewährte Kräfte durch. Einen Preis gab es für die Sonderausgabe der mittlerweile eingestellten Show „Circus HalliGalli“ (Pro Sieben). Das Team um Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf hatte mit Hilfe einer fiktiven Künstleragentur ein Double des Schauspielers Ryan Gosling in die Show zur Verleihung der „Goldenen Kamera“ geschleust, wo der vermeintliche Star einen Preis entgegen nahm. Die zuständige Jury bezeichnete die Sondersendung als „bitterböse Medienkritik“.

Einen Spezialpreis gibt es für den Beitrag „Eier aus Stahl - Max Giesinger und die deutsche Industriemusik“ in Jan Böhmermanns „Neo Magazin Royale“ (ZDF/ZDFneo). Für das „Neo Magazin Royale“ war es bereits der dritte Grimme-Preis, Böhmermann als Person war 2016 zudem mit einer Sonderauszeichnung bedacht worden. Mit der Sendung „Kroymann“ ist unter den prämierten Unterhaltungsproduktionen immerhin ein neues Format, wenngleich die Macherin Maren Kroymann alles andere als eine Novizin ist. Zudem wird die Show produziert von der Kölner „bildundtonfabrik“, die auch fürs „Neo Magazin Royale“ verantwortlich ist - ein weiteres Indiz dafür, wie klein der Kreis ist, der in Deutschland herausragende TV-Unterhaltung zustande bringt.

Information trumpft auf

„Wir hatten den Eindruck, dass die Sender die Unterhaltung derzeit finanziell vernachlässigen“, sagt die Filmjournalistin Hannah Pilarczyk, die Vorsitzende der Jury. Letztere Kritik trifft auf die Kategorie Information & Kultur nicht zu. Ein Preis geht etwa an Rosa Hannah Ziegler, Jahrgang 1982, für die 3sat-Dokumentation „Du warst mein Leben“. Hier trifft eine Frau Anfang 20 auf ihre ehemals heroinsüchtige Mutter, die die Kinder massiv vernachlässigt hat. Mit Pia Lenz, Jahrgang 1986, bekommt eine weitere relativ junge Filmemacherin einen Preis. Ausgezeichnet wird sie für den 90-minütigen Dokumentarfilm „Alles gut - Ankommen in Deutschland“ (NDR/SWR), in dem sie ihr Augenmerk auf einen mazedonischen Roma-Jungen, ein syrisches Mädchen und deren Alltag in ihren Schulklassen in Hamburg richtet.

Fritz Wolf, Vorsitzender der Jury Information & Kultur, hob bei der Pressekonferenz hervor, dass für drei der vier ausgezeichneten Einzelfilme Frauen verantwortlich zeichnen – neben Ziegler und Lenz noch Heidi Specogna („Cahier Africain“, 3sat). Außerdem sind sieben Frauen – darunter auch „Alles gut“-Regisseurin Pia Lenz – unter den 16 Autorinnen und Autoren, die in der Kategorie Information & Kultur für eine besondere journalistische Leistung gemeinsam prämiert werden.

Ausgezeichnet werden die Mitarbeiter von „Panorama“ (ARD), „Panorama 3“ und „Panorama – die Reporter“ (NDR) für ihre Recherchen zu den Ereignissen beim G20-Gipfel im vergangenen Sommer in Hamburg. Der Polizei gefiel diese Berichterstattung nicht immer. Beim Rundfunkrat des NDR, merkt Volker Steinhoff, Redaktionsleiter von „Panorama“, an, liege eine Beschwerde der Behörde vor.

Zum Autor: René Martens war beim diesjährigen Grimme-Preis Vorsitzender der Nominierungskommission Information & Kultur.