Grün-rote Regierung Anfang ist geprägt von Premieren

Von und Reiner Ruf 

Die ersten Tage der grün-roten Regierung sind geprägt von Neuanfängen. Die meisten gelingen, weil bisher nur wenige vergrätzt worden sind.

Ein starkes Trio (von li.): Superminister Nils Schmid, Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Verkehrsminister Winfried Hermann am Dienstag bei der Landespressekonferenz Foto: dapd 5 Bilder
Ein starkes Trio (von li.): Superminister Nils Schmid, Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Verkehrsminister Winfried Hermann am Dienstag bei der Landespressekonferenz Foto: dapd

Stuttgart - Winfried Hermann hat am Dienstag eine halbe Premiere gefeiert. Bei seinem ersten offiziellen Auftritt vor der Landespresse verleiht der grüne Verkehrsminister an der Seite von Ministerpräsident Winfried Kretschmann seiner Freude über die große Resonanz Ausdruck. Im übervollen Mosersaal im Landtag erzählt Hermann von alten Zeiten. Bei seinen ersten Pressekonferenzen als Landtagsabgeordneter in den 80er Jahren "war vielleicht ein einziger Journalist da". Jetzt könne er sich vor Interviewwünschen nicht mehr retten, und alle interessiere nur eines: S 21. Überhaupt die Medien: er habe nichts zurückzunehmen. Übernahme der Ausfallkosten für die Bahn, falls S 21 scheitert? Er habe nichts anderes vertreten als die "klare einheitliche Position" der Landesregierung. Tempolimits? Nur wenn Lärm- oder Emissionsschutz das notwendig machen. Alles andere sei der "widersprüchlichen Medienlage" geschuldet. Irritationen über seine Äußerungen der vergangenen Tage lächelt Hermann einfach weg.

Grundsätzlich will er jedenfalls klären, dass er auch andere Themen kennt. Sein erster öffentlicher Termin als Minister war die Jahreshauptversammlung des ADAC. Sein erstes Fotoshooting mit Jutta Benz, der Urenkelin des Autoerfinders Carl Benz. Bei dieser Gelegenheit konnte er sogar in einem langen Grußwort das Gesamtkonzept der Regierung zum Automobil darlegen, berichtet er erfreut. "Blöd nur, dass das in Mannheim war und hier in Stuttgart was anderes interessiert hat." Er wolle nicht als "Obergegner von S21" wahrgenommen werden, beteuert Hermann. "Ich bin nicht mehr die Bewegung, schon gar nicht ihre Speerspitze. Ich bin jetzt in der Landesregierung und habe eine andere Funktion."

Der Regierungschef vertraut seinem Minister

Jetzt ist er Mitglied des Lenkungskreises, der über die Zukunft des Bahnprojekts bestimmt. Viele hätten lieber Kretschmann in dem Gremium gesehen. Doch der Regierungschef vertraut seinem Minister: "Derjenige soll in den Lenkungskreis, der sich dauernd mit dem Thema beschäftigt." Der MP komme hinzu, wenn es brenne. Er könne sich nicht um alles kümmern.

Wie viele Premieren, große und kleine, Winfried Kretschmann seit seinem Amtsantritt vor zwei Wochen hinter sich gebracht hat, wird er nicht gezählt haben. Vergangene Woche entfaltete der neue Landesherr zum ersten Mal das Gepränge eines Staatsempfangs: Roter Teppich, Neues Schloss, Staatslimousinen. Mittendrin Kretschmann, im schwarzen Anzug mit ungewohnt elegantem Schuhwerk. Das Auto des paraguayischen Staatspräsidenten Fernando Lugo Méndez hält unter dem Vordach. Händeschütteln, warme Worte, Blitzlichtgewitter. Kretschmann führt die paraguayische Delegation hinauf in den Marmorsaal des Neuen Schlosses, wo sich Staatspräsident Lugo in das Gästebuch des Landes einträgt. Dienstbare Geister reichen Kaffee in goldgeränderten Tassen und Maultaschenschnitten auf kleinen Spießen auf goldgeränderten Tellern. Ein paraguayischer Marinemilitär in Galauniform mit goldfarbenen Bändern auf der Brust beobachtet regungslos die Szenerie. Auch Rudi Hoogvliet, der Sprecher der Landesregierung, kann sich der Würde des Augenblicks nicht entziehen und zeigt sich mit Krawatte. Das erste Mal wieder seit fünf Jahren, schätzt Hoogvliet.

Lugo stammt aus einer Oppositionellenfamilie, die unter dem diktatorischen Regime von Alfredo Stroessner litt. 2005 beendete Lugo die 61-jährige Herrschaft der Colorado-Partei in einer demokratischen Wahl. Da habe es Kretschmann nach 58 Jahren demokratischer CDU-Regierungszeit doch einfacher. "In diesem Teil der Welt", sagt Lugo und meint Baden-Württemberg, sei es "viel leichter eine Regierung zu übernehmen und gut zu regieren".