Grüner Landeschef Warum Hildenbrand gerne Koalitionen verhandelt

Oliver Hildenbrand beim Grünenparteitag im Mai. Beim kommenden Parteikonvent hört er als Landesvorsitzender auf. Foto: dpa/Marijan Murat

Der 33-jährige Oliver Hildenbrand verabschiedet sich als Chef der baden-württembergischen Grünen. Er verrät, warum er „unheimlich gerne“ Koalitionsverhandlungen führt.

Stuttgart - Oliver Hildenbrand setzt sich Ziele. Ein ziemlich langfristiges hat er jetzt bereits mit 33 Jahren erreicht. Er ist der dienstälteste Vorsitzende der baden-württembergischen Grünen. Das hatte sich der Inzwischen-Stuttgarter schon bei seinem Amtsantritt im Jahr 2013 vorgenommen. Da war er 25 Jahre alt und hatte einen Entschluss gefasst: „Ich wollte es länger machen als andere“, erzählt Hildenbrand lächelnd im Rückblick. Acht Jahre hat er es gemacht und damit alle anderen übertroffen.

 

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Der gebürtige Wertheimer geht seine Aufgaben mit Ernsthaftigkeit und Sorgfalt an. Die meisten Landesvorsitzenden brachten es auf eine Amtszeit zwischen zwei und vier Jahren, hat er ausgerechnet. Zu wenig, um eine Partei voranzubringen, meint der Stratege. Bei der Landesdelegiertenkonferenz der Grünen an diesem Samstag tritt Hildenbrand nicht mehr als Vorsitzender an. Er war als Jüngster gestartet und hört jetzt als Dienstältester auf.

Entscheidende Phasen der Partei gestaltet

An der Spitze der Landesgrünen hat er mit Thekla Walker und danach mit Sandra Detzer als Co-Vorsitzenden „alles erlebt, was es an entscheidenden Phasen gibt“. Hildenbrand war als Parteichef dabei, als die Grünen 2016 und 2021 „zwei Landtagswahlen echt gewonnen“ haben, er hat zwei Koalitionsverträge entscheidend mit verhandelt.

Da ist der Psychologe in seinem Element. „Ich führe unheimlich gerne Koalitionsverhandlungen“, gesteht er und strahlt: „Das sind die intensivsten Phasen im Leben eines Landesvorsitzenden.“ Dann kommt es drauf an: „Was im Koalitionsvertrag steht, hat die Chance auf Umsetzung“.

In seiner Amtszeit hat sich die Zahl der Grünen im Land auf 16 600 fast verdoppelt. Da müssen die Parteistrukturen mitwachsen. „Die Leute sind heute anspruchsvoller bei der Mitarbeit“, hat der Vorsitzende gelernt. Inzwischen sind digitale Parteitage fast Alltag, auch der an diesem Wochenende wird weitgehend ins Netz verlagert. „Vor zwei Jahren hätte ich gesagt, das geht gar nicht“, blickt der Grüne zurück.

Neues Verhältnis zu sozialen Netzwerken

Obwohl Jahrgang 1988, hat Hildenbrand die sozialen Netzwerke erst im Corona-Landtagswahlkampf 2021 für sich entdeckt. „Vorher war ich distanziert“. Im Wahlkampf haben sich Instagram und Co jedoch als „super wertvoll für die politische Kommunikation“ erwiesen.

46 Kreisverbände, 21 Landesarbeitsgemeinschaften, 58 Landtagsabgeordnete, 18 Bundestagsabgeordnete, zwei grüne Europaabgeordnete aus Baden-Württemberg und mehr als 2000 Kommunalpolitiker – Hildenbrand spult die Erfolgszahlen des Landesverbands aus dem Effeff herunter. Das bedeutet vor allem Arbeit: „Der Landesvorstand muss den Laden zusammenhalten“.

Und er muss „der Partei eine selbstbewusste Stimme geben“. Das hat der Parteilinke stets getan. Meist ruhig, aber stets deutlich. Auch wenn es dem Ministerpräsidenten nicht immer gefallen hat.

Für ihn ist Parteiamt nicht nur eine Vorstufe

Häufig ist das Parteiamt eine Vorstufe zum Abgeordnetenposten. Auch Hildenbrand sitzt jetzt im Landtag, für den Wahlkreis Stuttgart III. Doch wie einen Aufstieg empfinde er das nicht. Er hält nichts von dem Stufenmodell Partei, Fraktion, Regierung. Dennoch fühle es sich jetzt richtig an, etwas Neues zu machen. „Ich hatte acht sehr gute Jahre. Es können aber noch spannende Jahre kommen.“

Parteivorsitzende müssen Generalisten sein. Jetzt kann sich Hildenbrand in die Innen- und in die Sozialpolitik vertiefen und ist zu seiner Begeisterung „viel näher an der Gesetzgebung und an den Etatberatungen“.

Der Abgeordnete weiß „das unglaubliche Privileg“ zu schätzen, dass er sein Hobby zum Beruf machen konnte. Dabei ist ihm die Entscheidung für die Politik gar nicht so leichtgefallen. Er könnte es sich auch gut vorstellen, als Psychotherapeut tätig zu sein. Fast jedes Jahr nimmt er an der psychoanalytischen Sommeruniversität teil. Wenn er im Café nicht gerade Hermann Hesse liest, vertieft er sich in ein psychologisches Fachbuch.

Für eine urbanere Landespolitik

Hildenbrand, der aus dem ländlichen Main-Tauber-Kreis stammt, verschreibt sich als Stuttgarter Abgeordneter nun einer „urbaneren Landespolitik“. Seinen Wahlkreis im Norden empfindet er als den spannendsten Wahlkreis der Landeshauptstadt mit der größten Vielfalt.

Hildenbrand achtet sehr auf seine Sprache, im Inhalt sowieso, aber auch in der Form: „Dreiklänge, Adjektive und ich, das passt sehr gut“, sagt er und liefert gleich einen: Nach einer „spannenden, intensiven und erfolgreichen Amtszeit“ will er auch als Abgeordneter der Parteiarbeit nicht ganz abschwören. Er kandidiert nun für den Parteirat. Ebenso wie seine ebenfalls scheidende Co-Vorsitzende Sandra Detzer, die in den Bundestag eingezogen ist.

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