Günther Oettinger wird 70 Umtriebig wie eh und je

Der CDU-Politiker Günther Oettinger wird an diesem Sonntag 70 Jahre alt. Foto: dpa/Bernd von Jutrczenka

Günther Oettinger hat immer noch viel vor. Dabei wird der gebürtige Stuttgarterjetzt 70. Ein Rückblick auf die ungewöhnliche Karriere des CDU-Politiker, Ex-Ministerpräsidenten und früheren EU-Kommissars.

Politik/Baden-Württemberg : Bärbel Krauß (luß)

Umtriebig ist er immer noch, und einer Kontroverse, über die die Auseinandersetzung lohnt, geht er nach wie vor nicht aus dem Weg. Davon hat zuletzt die Stuttgarter CDU eine Kostprobe bekommen: Verschlafen, träge und satt sei die Stadt, bescheinigte Günther Oettinger, der an diesem Sonntag 70 wird, wenig charmant aber in politpädagogisch-prägnanter Klarheit seiner Heimatstadt. Das hat Gewicht, auch wenn Oettinger nicht mehr als mächtiger EU-Kommissar aus Brüssel oder als Regierungschef in der Villa Reitzenstein unterwegs ist, sondern seit seinem Abschied aus der aktiven Politik vor bald vier Jahren nur noch als Ex.

 

Lange Reihe von Abgewatschten

Aber Freunde und Gegner hat Oettinger in seiner Karriere nie geschont, wenn Kritik aus seiner Sicht politisch geboten oder nützlich war. Da kann sich der Stuttgarter CDU-OB Frank Nopper in eine lange Reihe von Abgewatschten sehen, die mit Oettingers Vorgänger als Ministerpräsident, Erwin Teufel, nicht anfängt, und mit der CDU-Altkanzlerin Angela Merkel und ihrem SPD-Nachfolger Olaf Scholz wohl nicht enden wird. Erwin Teufel ist Oettinger in der Frühphase seiner landespolitischen Karriere zum Beispiel mit frühen Bekenntnissen zur schwarz-grünen Regierungsoption schon ein fordernd-unbequemer und später immer deutlicher auf den Stabswechsel drängender Fraktionschef gewesen. Mit Merkels Eurokurs war er demonstrativ uneinig. Olaf Scholz hat er attestiert, dass Deutschland mangels Innovationsfähigkeit und Reformbereitschaft zum Absteigerland im Sinkflug geworden sei.

Auf seinem klaren wirtschaftsliberal-konservativem Profil baute Oettinger seine Karriere auf. Markenzeichen wurden dabei nicht nur sein typisches Stakkato-Schwäbisch, die unverändert akkurate Frisur, die Fähigkeit sich in Windeseile in komplexe Themen einzuarbeiten. Zentral war auch die Methode der gezielten Kontroverse.

Steile Karriere mit Brüchen

Als Baden-Württemberg noch CDU-Hoheitsgebiet war, mag es solche Laufbahnen öfter gegeben haben. Aber heute ist der 1953 in Stuttgart geborene und in Ditzingen aufgewachsene Jurist und Volkswirt der – vorerst – letzte CDU-Politiker aus dem Südwesten, dessen Aufstieg zwar nicht bruchlos verlief, aber so weit nach oben führte.

Die Landespolitik hat der liberale Schwabe, der einen erwachsenen Sohn hat und geschieden ist, geliebt. Aber seine Paraderolle hat er als EU-Kommissar in Brüssel gefunden. Als Fraktionschef unter Erwin Teufel begründete Oettinger seinen Ruf als wirtschaftskundiger Pragmatiker und Generalist mit dem Talent für die erste Reihe. Per Mitgliederentscheid setzte er sich 2004 gegen die damalige Stuttgarter Kultusministerin Annette Schavan als Teufel-Nachfolger und Spitzenkandidat für die Landtagswahl durch. Dass diese Konfrontation seine Partei mehr als ein Jahrzehnt lang gespalten hat, hat er später selbstkritisch eingeräumt. Als Ministerpräsident von 2005 bis 2010 stand Oettinger für Erfolge beim Schuldenabbau, für gesellschafts- und schulpolitische Modernisierungen, aber auch für stilistische Patzer und politische Fehler. Deren größter war es, den früheren Ministerpräsidenten Hans Filbinger, der NS-Marinerichter gewesen war, bei dessen Trauerfeier zum Nazi-Gegner zu verklären.

Aufstieg statt Abstellgleis

Das trug Oettinger nicht nur Kritik der Kanzlerin ein, sondern führte letztlich zu seinem Wechsel nach Brüssel. Seine Kritiker haben das stets als Abschiebung interpretiert. Doch Europas Machtzentrale war kein Abstellgleis, sondern eine Pole-Position zum politischen Gestalten mit Auswirkungen für ganz Europa. In neun Jahren ackerte sich Oettinger vom Energie- zum Digital- zum Haushaltskommissar hoch. Dann stieg er aus eigenem Antrieb aus. Heute ist er Privatmann und Berater. Mit seiner langjährigen Lebenspartnerin Friederike Beyer hat er eine Wirtschafts- und Politikberatung gegründet und lebt mittlerweile in Oldenburg, wenn er nicht gerade in Stuttgart, Berlin oder Brüssel Kontakte pflegt, strippen zieht oder Mandanten berät. Am Montag lässt er sich in der Landeshauptstadt gratulieren – sein grüner Nach-Nachfolger Winfried Kretschmann lädt zum Geburtstagsempfang.

Weitere Themen