Gutachten in Geislingen Warum die Helfenstein-Klinik zu teuer ist

Das dritte Gutachten zur Zukunft der Helfenstein-Klinik präsentierten Experten von Curacon am Freitag dem Kreistag. Foto: Staufenpress
Das dritte Gutachten zur Zukunft der Helfenstein-Klinik präsentierten Experten von Curacon am Freitag dem Kreistag. Foto: Staufenpress

Ein neues Gutachten kommt zu einem klaren Ergebnis. Die beauftragte Gesellschaft zeigt dem Kreistag aber Möglichkeiten auf, wie der Standort Geislingen der Alb-Fils-Kliniken erhalten werden könnte.

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Geislingen - Zwei Gutachten zum Thema Klinikstandort Geislingen gibt es bereits, am Freitagnachmittag präsentierten Experten der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Curacon den Kreisräten Gutachten Nummer drei. Auch diese Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass die Helfenstein-Klinik zumindest in der bestehenden Form auf Dauer nicht zu halten ist. Dafür sprächen vor allem finanzielle Gründe, aber nicht nur.

Der Betrieb des Geislinger Standorts der kreiseigenen Alb-Fils-Kliniken (AFK) sei vergleichsweise teuer, besonders die hohen Personalkosten – in Geislingen gibt es im ärztlichen und pflegerischen Bereich 135 Mitarbeiter, in Göppingen 628 – sehen die Gutachter als Preistreiber. Der Anteil des Personals an den Gesamtkosten des jeweiligen Standorts liegt in Geislingen bei 72,1, im Eichert bei 66,3 Prozent. Bei Krankenhäusern mit einem ausgeglichenen Ergebnis liege er im Schnitt zwischen 58 und 60 Prozent, sagt Curacon-Experte Christian Heitmann.

Millionenbedarf und zu wenig Fachkräfte

Dann zeigt er eine Zahlenbilanz und schickt vorneweg: „Das ist Sprengstoff.“ Es knallt zwar nicht, aber die Zahlen sind deutlich: In Summe ist der mit 130 Betten im Vergleich zur Klinik am Eichert mit 645 Betten deutlich kleinere Standort Geislingen für rund 30 Prozent und damit für fast ein Drittel des Verlusts der AFK verantwortlich, trägt aber nur mit 16 Prozent zu den Erträgen bei. In Zahlen: Vom Jahresverlust 2019 in Höhe von 6,6 Millionen Euro kommen 1,9 Millionen Euro aus Geislingen, und dieser Verlust werde sich in den kommenden Jahren „noch verstärken“. Zudem sehen die Gutachter einen Investitionsbedarf von rund 52 Millionen Euro in Geislingen, sollte es dort wie bisher weitergehen. Auch beim Personal sieht Heitmann Probleme. Die Not auf dem Arbeitsmarkt sei groß, es gebe zu wenig Fachkräfte, sowohl für den ärztlichen als auch für den pflegerischen Bereich. „Sie werden es nicht schaffen, so viel Personal zu bekommen, dass Sie alle Abteilungen halten können.“

Zusätzlich zu den finanziellen und personellen Aspekten liefert Heitmann eine Marktanalyse. „Kernmarkt“ der Helfenstein-Klinik sei der südöstliche Teil des Landkreises Göppingen, 65 Prozent der Patienten stammen von hier. Nach den Berechnungen der Experten ist das ein Marktanteil von 30 Prozent in dieser Region. Diese Zahl sieht bei der Klinik am Eichert besser aus, sie kommt in ihrem „Kernmarkt“, dem nordwestlichen Teil des Landkreises, auf einen Marktanteil von rund 50 Prozent. Dies sei ganz ordentlich, sagt Heitmann, die 30 Prozent in Geislingen eher nicht.

Das Problem großer Konkurrenz

Allerdings sieht er auch starke Konkurrenz in der Region. Krankenhäuser in Ulm, Heidenheim, Nürtingen, Esslingen, im Remstal und in Stuttgart ziehen Patienten aus dem Landkreis Göppingen an. Für die Zukunft prognostiziert Heitmann darüber hinaus sinkende Fallzahlen im stationären Bereich, die in Geislingen höher als in Göppingen ausfallen und zusätzlich auch eine Art Kannibalisierungseffekt: Wenn der Neubau am Eichert fertig sei, gebe es 17 Kilometer von Geislingen entfernt eines der modernsten Krankenhäuser Deutschlands.

Das Curacon-Gutachten beschränkt sich nicht nur auf die Zahlen, ausdrücklich sollten die Experten auch Wege aufzeigen, wie der Standort Geislingen stabilisiert und – in welcher Form auch immer – erhalten werden könnte. Drei Szenarien für eine solche Standorterhaltung stellte Christoph Gries vor.

Szenario eins erhält die Helfenstein-Klinik fast wie bisher, mit wenigen Einschränkungen. Dann würden die oben genannten 52 Millionen Euro Investitionskosten fällig, dazu kommen jährlich rund 2,4 Millionen Euro Verlust, zusätzlich zu den ohnehin anfallenden 1,9 Millionen Euro. Also weit über vier Millionen Euro Minus pro Jahr, zusätzlich zu den 52 Millionen, von denen abzüglich der Zuschüsse immerhin noch rund 26 Millionen Euro vom Landkreis zu stemmen seien.

Umbau in Fachklinik für Altersmedizin?

Szenario zwei wandelt die Helfenstein-Klinik in eine spezialisierte Fachklinik für Altersmedizin um. Die dafür nötigen rund 15 Millionen Euro könnten über Landesmittel abgedeckt werden. Jährlich könnte so eine Million Euro erwirtschaftet werden. Aber nur dann, wenn die Altersmedizin für den gesamten Landkreis in Geislingen konzentriert würde. Allerdings: Die eine Million müsste auch mit den immer auflaufenden 1,9 Millionen Euro Verlust verrechnet werden, bleiben also immer noch rund 900 000 Euro Minus.

Szenario 3 schließt die stationäre Behandlung in Geislingen komplett, übrig bleibt eine „Praxisklinik“, ganz ähnlich wie der bereits kursierende Vorschlag eines „Gesundheitscampus“. Also ein ambulantes und tagesklinisches Angebot. Die nötigen Investitionen liegen bei rund neun Millionen Euro und könnten durch Landesmittel wohl gedeckt werden. Allerdings rechnet Gries mit einem jährlichen Verlust von 860 000 Euro, die auf die schon genannten 1,9 Millionen Euro obendrauf kämen.

Für das beste „Kompromissszenario“ halten die Experten das mit der Fachklinik für Altersmedizin, am Schluss sagt Heitmann aber noch auf Nachfrage folgenden Satz: „Wenn es dort keine Klinik gäbe, würde sie heute dort auch niemand bauen.“




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