Eigentlich hat Dirk Wein gerade gar keine Zeit. Neben der Lovepop-Pride-Party am Samstag im White Noise (Foto) organisiert er auch noch das Booking für die Open Air Disco, die im Rahmen der CSD-Demo auf dem Schlossplatz stattfinden wird, bereitet das Lovepop-Festival „Forest of Love“ in Weitmanns Waldhaus am 12. August vor und hat auch noch das Lovepop-Open-Air- und Clubfestival auf Fridas Pier am 25. und 26. August auf seiner To-do-Liste. Das merkt man ihm alles gar nicht an, als wir ihn am Nachmittag auf eine Schorle und ein (paar) Kippchen zum Interview treffen. Dirk ist seit knapp 35 Jahren im Veranstalter-Business, so schnell bringt ihn nichts aus der Ruhe.
CSD-Zeit im Sommer ist Lovepop-Hoch-Zeit
Während der 59-jährige Stuttgarter und Mitveranstalter der Lovepop Stuttgart seine Zigarette unangezündet in der einen Hand hält, tippt er mit der anderen auf seinem Handy. „Kleinen Moment, das muss ich noch fertig schreiben“, sagt er und meint damit nicht etwa eine Organisations-Mail, sondern einen Facebook-Kommentar zu einem Architektur-Beitrag auf der Social-Media-Plattform. „Das ist mein kleines Hobby, weißt du“, sagt er schmunzelnd und sein Gesicht fängt an zu strahlen. „Stadtplanung und Architektur.“ Ab und zu gibt er in privater Runde sogar eine Architektur-Stadtführung durch Stuttgart.
„Die Stuttgarter:innen lieben nichts so sehr wie ihre Parkplätze. Am liebsten würden sie direkt vom Auto in den Laden reinfallen“, murmelt er in sich hinein, während er die letzten Zeilen tippt und man ahnt, worum sich der Beitrag auf Facebook gedreht hat. Und dann hat Dirk vollste Aufmerksamkeit für uns.
Wie es mit der Lovepop Stuttgart anfing
Kurze Geschichtsexkursion: Die Lovepop, eine Partyreihe für „queer, straight, whatever People“, wie sie selbst claimt, ist eigentlich in Hamburg geboren. Von dort aus wurde sie von Jürgen Endres nach Augsburg und später nach Stuttgart geholt. Als lokaler Mitveranstalter für Stuttgart wurde Dirk Wein eingesetzt, der schon damals mit einigen Jahren Erfahrung im Party-Business und guten Connections in der Stuttgarter Szene geglänzt hat. Seitdem ist Dirk so etwas wie der Lovepop-Stuttgart-Papa geworden, später sollte sein Veranstaltungspartner Till O. Scheuerle noch dazustoßen. Nach dem Club Prag und einer kurzen Station in Lauras Club wanderte die Partyreihe in den Club-Prag-Nachfolger aka den Lehmann Club und schließlich über die Jahre ins White Noise, wo sie seit 2018 zu Hause ist.
„Im Dezember feiere ich mein 35-jähriges Jubiläum als Veranstalter“, erzählt Dirk Wein. „Und meinen 60. Geburtstag“, fügt er hinzu. Na dann, Dirk, höchste Zeit die besten Geschichten aus den letzten 35 Jahren Nightlife auszupacken.
Diebes-Geschichten von der ersten Lovepop Stuttgart
An die erste Lovepop hat der Stuttgarter Veranstalter„gute und schlechte Erinnerungen“, wie er sagt. „Die Party an sich war super gut“, erinnert er sich. Trotz dreier Konkurrenz-Veranstaltungen aus dem queeren Party-Bereich an jenem Wochenende war das Haus voll gewesen. „Ich habe eigentlich gebibbert, weil der Club Prag damals noch weit draußen am Pragsattel war, aber es hat super funktioniert.“ Und jetzt zum Negativen: „Leider wurde an jenem Abend ins Büro eingebrochen und die Kasse geklaut“, berichtet Dirk. Uncool. Weitergemacht hat das Team trotzdem und der lang anhaltende Erfolg der Partyreihe zeigt, dass sie richtig lagen, sich nicht davon unterkriegen zu lassen.
Gänsehautstimmung beim ersten Lovepop Open Air
Als erinnerungswürdig im schönsten Sinne empfindet Dirk die erste Lovepop-Party, die Open Air auf Fridas Pier stattgefunden hat: „Ich habe noch nie so eine Stimmung erlebt. Die Leute konnten raus und trotz Pandemie feiern. Es war eine super Stimmung, das Wetter hat gepasst – ich hatte Gänsehaut.“
Boy George und die verhasste Geburtstagstorte
Wenn man den Lovepop-Stuttgart-Macher nach seiner lustigsten Geschichte aus dem Nachleben fragt, muss er nicht lange nachdenken: „Ich hatte 1994 bei meiner „Boys Night“ im Perkins Park Boy George zu Gast, live. Der hatte an jenem Wochenende Geburtstag, weshalb wir uns etwas Besonderes haben einfallen lassen“, erzählt Dirk. Eine „mannshohe, wirklich schweineteure Geburtstagstorte“ wurde bestellt, die während Boy Georges Auftritt auf die Bühne geschoben werden sollte. Mit der Reaktion hatte jedoch keiner gerechnet: „Boy George sieht das Ding – und will es partout nicht.“
Eine Laktoseintoleranz wird’s nicht gewesen sein – die für Dirk nahe liegendste Erklärung ist, dass die Ikone ihren Geburtstag nicht so raushängen lassen wollte. „Wobei es natürlich jede:r wusste, das war schon morgens in der Presse gestanden.“ Lange Rede, kurzer Sinn: „Wir haben’s dann trotzdem durchgezogen“, lacht Dirk. Und schlussendlich ging auch alles gut aus, Boy George war nicht sauer, feierte seinen Geburtstag 1994 in Stuttgart – „und wurde an seinem Geburtstagswochenende von Bernd Heidelbauer in seinem Rolls Royce quer durch die Stadt kutschiert“, erinnert sich der 59-Jährige.
Kym Mazelle und die Pulle
Der Party nicht abgeneigt hingegen war Pop- und Housesternchen Kym Mazelle, die Dirk ebenfalls für eine seiner Parties in den 90ern gebucht hatte. „Die ist, als wir sie am Flughafen abgeholt haben, schnurstracks in den Duty Free Shop rein gerannt und hat sich ’ne Flasche Whisky gekauft“, erinnert sich Dirk. „Und den ganzen Tag – vor dem Auftritt, nach dem Auftritt, selbst als wir nachts noch zur Afterparty ins Red Dog gegangen sind – hing die an dieser Flasche dran.“ Beim Lachen kommen ihm heute noch fast die Tränen.
Auch als Co-Veranstalter hat Dirk von der Lovepop schon Witziges erlebt. „Anfang der 90er gab’s im Perkins Park eine weitere queere Partyreihe, bei der Marianne Rosenberg da war.“ Wobei die Betonung auf „da war“ liegt, denn viel gesungen hat die Schlagersängerin nicht: „Während hinten das Voll-Playback lief, hat sich die Rosenberg auf der Bühne mit dem Mikro am Kopf gekratzt, obwohl vorne gleichzeitig nahtlos ‚weitergesungen’ wurde“, erzählt Dirk lachend. So ist es wohl im Schlager-Biz, nicht jede:r kann Helene Fischer sein.
Dr. Motte und der schlechte DJ
Bei der letzten Geschichte aus den wilden 90ern in Stuttgart überlegt der Veranstalter, ob er sie überhaupt erzählen soll. „Aber erinnerungswürdig ist sie schon“, sagt er dann und berichtet von einem denkwürdigen Abend mit Techno-Urgestein und DJ-Legende Dr. Motte. „Es ist lange her, da hatte ich Dr. Motte für eine Techno-Party im Perkins Park gebucht. Wir sind vor dem Gig noch in einem Club in Stuttgart aus gewesen, in dem ein DJ mehr schlecht als recht aufgelegt hat.“
Wo ist die B-Seite?
Zur absoluten Unzufriedenheit des Ehrengastes. Als zum zweiten Mal etwas von der A-Seite einer Platte kam, die Dr. Motte kannte und von der er wusste, dass die B-Seite tanzbarere Tracks bereit hält als das, was da gerade lief, rannte der DJ angezündet hinters Pult. „Er solle doch mal die B-Seite spielen, das sei sowieso die einzige gute Platte gewesen, die er an dem Abend gespielt hätte, hat er den DJ angeschnauzt“, sagt Dirk. Sad but true: „Der DJ meinte daraufhin, die B-Seite habe er nicht da.“
Bei so viel Inkompetenz und Dummheit ist Dr. Motte dann kurzerhand der Kragen geplatzt. „Er hat die Platte vom Plattenspieler genommen, ihm gezeigt, wo die B Seite ist und sie in der Mitte zerbrochen und auf die Tanzfläche geworfen“, erinnert sich Dirk. „Dann hat er dem DJ 50 Mark in die Hand gedrückt mit den Worten er solle sich gefälligst mal ordentliche Platten kaufen.“ Dann bereiteten vier Türsteher der Szene auch schon ein Ende und bugsierten den wütenden DJ nach draußen.
Als sich das Interview dem Ende neigt und Dirk viel länger und mehr erzählt hat, als es seine Zeit eigentlich zulässt, schlappen wir zum White Noise, um das Porträtbild für diesen Bericht zu schießen. Hier wird am Samstag, am Abend der CSD-Demo, die Lovepop-Party stattfinden, und zwar größer als je zuvor: Dieses Mal bespielt das Team neben dem White Noise Club und der White Noise Bar auch noch das Breitengrad 17 schräg gegenüber. Ein Rainbow-Triple im Schwabenzentrum quasi, mit vergrößertem Außenbereich.
Der größte CSD ever dieses Jahr
Außerdem kooperiert die Lovepop dieses Jahr mit der Queer-Harem- sowie der Pump-Partyreihe, heißt: ein Ticket, drei Parties. „Das wird der größte CSD, den Stuttgart je hatte“, freut sich Dirk, „allein die Parade/Formation hat 131 Teilnehmer. Die Stadt wird voll sein.“
Dass es eine Parade und Demo in dieser Größe heutzutage noch braucht, steht für den Veranstalter außer Frage: „Gestern meinte jemand in einer Diskussion, dass Akzeptanz und Toleranz doch heute schon im Alltag gelebt werden würden – wozu man da noch eine Parade bräuchte“, sagt er. Ein bisschen Verärgerung schwingt bei der Nacherzählung in Dirks Stimme mit. „Schön wär’s. Die Zahlen von Bundeskriminalamt sagen was anderes.“ Die Hasskriminalität gegen queere Menschen ist in Deutschland auf dem Vormarsch und 2022 weiter angestiegen. Im Unterthemenfeld „sexuelle Orientierung“ wurden 1005 Straftaten erfasst, im Unterthemenfeld „geschlechtliche Diversität“ 417. „So viel Friede, Freude, Eierkuchen ist es also nicht gerade“, stellt Dirk fest.
CSD ist und bleibt wichtig
„Außerdem muss man auch mal über den Tellerrand hinausschauen: Es gibt noch Länder, in denen Homosexualität strafbar ist oder gar mit der Todesstrafe bestraft wird. Durch den Rechtsruck in Deutschland und Europa wird die Gefahr immer größer, dass es einen deutlichen Rückschritt geben wird, was den Schutz und die Rechte der queeren Bevölkerung angeht. Ich glaube, die ruhigen Zeiten sind erst mal vorbei und bis sich die Lage hoffentlich wieder beruhigt hat, ist so eine CSD-Parade wichtig und nötig.“
Vor diesem Hintergrund auf die Absage des Stuttgarter Oberbürgermeisters Nopper am CSD teilzunehmen angesprochen, zuckt Dirk Wein mit den Schultern: „Ich brauche keinen OB auf dem CSD-Wagen, wenn er nicht dahinter steht.“ Das Wort zum Samstag.