Das Einfamilienhaus des Jahres ist . . . ein Mehrfamilienhaus. Und es steht in einem Dorf bei Heilbronn. Entworfen wurde es von dem jungen Architekturbüro Kaiser Shen aus Stuttgart. Die Architekten Florian Kaiser und Guobin Shen haben auch schon mit einem Tiny House, dem Mikrohofhaus auf dem Grünstreifen an der viel befahrenen B 27 in Ludwigsburg für Aufsehen gesorgt, seit sie 2017 ihr Büro gegründet haben.
Der Wettbewerb wird jährlich vom Deutschen Architekturmuseum Frankfurt (DAM) und dem Callwey Verlag ausgelobt, mit einem Buch prämiert. 50 Häuser in Deutschland, Österreich, Südtirol und der Schweiz haben die Jury davon überzeugt, sie zu den besten Einfamilienhäusern 2023 zu küren, darunter eines mit einem ersten Preis, sechs mit einer Anerkennung. 50 weitere wurden in die Longlist aufgenommen.
Preis für Stuttgarter Fotografin
Es dürften in einigen anderen Büros von Architekten aus Stuttgart und der Region jetzt ebenfalls die Korken knallen, denn sie haben bei dem Wettbewerb um die „Häuser des Jahres 2023“ besondere Anerkennungspreise erhalten. Und auch die Fotografin des Jahres kommt aus Stuttgart – es ist Brigida González.
„Anstatt den Betrachter durch Emotionalisierung abzulenken, suchen ihre Fotos nach dem Geist eines Entwurfs und wollen seinen Wirkungsgehalt ausloten“, lobt Jurymitglied Fabian Peters. „Brigida González stellt ihre Fotografie dabei ganz selbstverständlich und völlig uneitel in den Dienst der Architektur.“ Die Fotografin hat die zahlreichen Einfamilienhäuser und öffentlichen Bauten auch in Stuttgart fotografisch fein verewigt, viele davon sind auch schon in unserer Zeitung zu bewundern gewesen.
Ebenso wie das „Das Musterhaus“, so wird der Gewinner genannt. Es zeige, „dass Strohhäuser keineswegs dazu verdammt sind, wie gebaute Gesundheitslatschen auszusehen“, so die Jury – dies beweise Atelier Kaiser Shen mit dem Haus Hoinka in der kleinen Gemeinde Pfaffenhofen in der Nähe von Heilbronn.
Der Bau schaffte überdies auf die Longlist zum DAM-Preis 2024, der jährlich vom Deutschen Architekturmuseum Frankfurt ausgelobt wird. „Über die Auszeichnung beim Häuser Award freuen wir uns natürlich sehr“, sagt Guobin Shen. Sein Kollege Florian Kaiser ergänzt: „Es zeigt, dass aktuell in der Gesellschaft ein Umdenken stattfindet und einfache, nachhaltige Bauweisen wieder diskutiert werden.“
Die Bauweise mit Holz und Strohballendämmung war ein wichtiges Argument für die Jury: „Seit Ende des 19. Jahrhunderts haben sich Strohballen, kombiniert mit Lehmputz, als thermische Hülle für Boden, Decke, Dach und Wand bewährt, wenn auch nicht durchgesetzt. Höchste Zeit also, die historische Bauweise in die Zukunft zu führen.“
Stroh so wie Holz auch ist nachwachsend, kreislauffähig und damit klima- wie auch ressourcenschonend, zudem kann es regional „geerntet“ werden. Die Jury weiter: „Lowtech-Material entspricht die unkomplizierte Handhabung: Die Strohballen werden auf einer Dicke von 36,5 Zentimetern in eine Holzunterkonstruktion hineingepresst. Überstände werden einfach mit einer Heckenschere abgefräst.“
Traum vom Eigenheim
Gefeiert wurde aber auch die flexible Nutzbarkeit des Doppel-Hauses, bis auf die Bäder sind die Räume alle gleich groß, die Einheiten wären also auch WG-tauglich. Und da das Gebäude mitten im Dorf steht, ist es zugleich ein Beitrag für Nachverdichtung auf dem Lande. Und eines, das zur Nachahmung aufruft. „Haus Hoinka wurde als kleines Musterhaus konzipiert“, sagen Florian Kaiser und Guobin Shen, „es gilt nun, gewonnene Erkenntnisse dieser einfachen und nachhaltigen Bauweise auf größere Bauvorhaben zu übertragen.“
Dies wäre sicher auch im Sinne der Jury: „Das mit dem Baumaterial vom Feld gedämmte Haus in Pfaffenhofen ist nachhaltig und schön. Es ist ein Gebäude, das Hoffnung macht. Vielleicht sind der Wunsch vieler Menschen, im Einfamilienhaus zu wohnen, und eine nachhaltige Lebensweise doch nicht so unversöhnlich, wie die aktuelle Diskussion manchmal glauben lässt“, schreibt Jurymitglied Judith Lembke über die Entscheidung, dieses Haus zu prämieren.
All diese wichtigen, gesellschaftspolitisch relevanten Themen haben sich eben auch in der Prämierung der Projekte niederschlagen. Denn es geht ja längst nicht mehr darum, einfach nur schöne Bauten zu küren, sondern solche, die möglichst wenig der Umwelt schaden und die auch lange stehen bleiben.
Das Einfamilienhaus hat ja wegen viel Flächenverbrauch für wenig Menschen aktuell nicht den besten Stand und Ruf. Dennoch, so steht es in der Einleitung zum Buch zu lesen, träumen 65 Prozent der Deutschen noch immer vom Eigenheim, das habe auch die ARTE-Dokumentation „Trautes Heim, Glück allein“ wieder vor Augen geführt.
Qualität und Langlebigkeit
Qualitätvolle Architektur ist vonnöten gerade auch bei den Einfamilienhäusern, damit sie möglichst mindestens so lange stehen bleiben wie die Villen aus dem 19. Jahrhundert, die das aufstrebende Bürgertum sich leisten konnte und die bis heute wertgeschätzt werden.
Unter den Häusern, denen ein langes Leben zu wünschen ist, und die eine besondere Anerkennung erhielten ist ein Haus für eine junge Familie, die von Stuttgart nach Kirchheim unter Teck gezogen ist, gestaltet wurde es von Mehr* Architekten aus Kirchheim.
„Mehr* Architekten haben in einer schmalen Baulücke ein lässiges urbanes Einfamilienhaus entworfen, „das an diesem Ort eine architektonische Besonderheit darstellt und in seiner Umgebung einzigartig ist. Es beeindruckt nicht nur durch seine außergewöhnliche und einfache Ästhetik, sondern auch durch seine Funktionalität. Das Haus ist aus Sichtbeton gebaut und fügt sich dadurch nahtlos in die steinerne Umgebung ein. Das klare und minimalistische Design sorgt für eine zeitlose Eleganz, die auch in Zukunft Bestand haben wird“, prognostiziert Jurymitglied Ulrich Nolting.
Jan Theissen, Sonja Nagel und Björn Martenson von Amunt Architekten in Stuttgart und Aachen, die schon mit ihrem Haus im Schwarzwald vergangenes Jahr reüssierten. haben ein extravagantes Haus in Trenthorst entworfen, das es jüngst auch auf die Shortlist des DAM-Preises 2024 geschafft hat.
„Dieses Haus macht glücklich“ , schwärmt Jurymitglied Roland Merz: „Mitten in der Natur auf einem kleinen Hügel schwebt das Gebäudevolumen wie selbstverständlich über dem Grund und verzahnt sich durch seine Z-förmige Grundform, innen wie außen, perfekt mit der Umgebung.“
Außerdem zu entdecken unter den 50 Gewinnern sind natürlich immer noch auch Villen mit Pool und schnieke Häuser in Neubaugebieten. Aber es dominieren doch Umbauten und flexible Konzepte, zudem viele Holzhäuser.
Umgebautes Schwarzwaldhaus
Wer im Buch mit informativen Texten und vielen Bildern liest, findet traumhafte Objekte aus Holz mit Ausblick auf Schweizer Berge, umgebaute Scheunen aus dem 19. Jahrhundert und dreihundert Jahre alte Eindachhäuser im Schwarzwald.
Heiter pastellfarben umgebaute kleine Ferienhäuser an der Ostseeküste (Fünf Menschen teilen sich 38 Quadratmeter!) sind dabei und zu neuem Leben erweckte Reetdachträume auf Sylt. Und Wohnhäuser wie jenes am Fuße der Schwäbischen Alb, die sich nach den sich ändernden Bedürfnissen ihrer Bewohner richten. So zukunftsfähig können sie dann doch sein, die guten alten und neuen Einfamilienhäuser.
Info
Buch
Judith Lembke, Katharina Matzig: Häuser des Jahres. Die besten Einfamilienhäuser 2023. 416 Seiten, rund 450 farbige Abbildungen und Pläne. Callwey-Verlag, München. 59,95 Euro; Homepage zum Wettbewerb: http://haeuser-des-jahres.com Das Buch erscheint am 18.10.2023.
Sieger und Anerkennungen
Den ersten Preis gewannen Atelier Kaiser Shen aus Stuttgart für das Projekt „Das Musterhaus“. Die Anerkennungen gingen an:
Gutes Produkt
Innovative Produktlösungen – Architects’ Choice – wurden ebenfalls ausgezeichnet. Der Sieger wurde in einem Online-Voting von Architekten, Innenarchitekten, Designern und Auftraggebern abgestimmt. Der erste Preis ging an die Firma Ennogie Deutschland aus Magdeburg für das Produkt Ennogie-Solardach, eine Ganzdachlösung für Photovoltaik.