Hagen Rether im Theaterhaus Der Kapitalismus ist nackt

Von Cornelius Oettle 

Vier Stunden spielte Hagen Rether am Freitag im Theaterhaus – unter anderem mit 15 Jahre alten Thesen, die heute die Schülerin Greta Thunberg vertritt.

Flügel gespielt hat Hagen Rether am Freitag im Theaterhaus wenig, dafür hatte er viel zu sagen Foto: Veranstalter
Flügel gespielt hat Hagen Rether am Freitag im Theaterhaus wenig, dafür hatte er viel zu sagen Foto: Veranstalter

Stuttgart - „Morgen ist Samstag“, sagt Hagen Rether um 20 Uhr zur Begrüßung im großen Saal des Theaterhauses. Bei ihm klingt das wie eine Drohung. Seine Auftritte dauern meist länger als die seiner Kollegen. So auch am vergangenen Freitag. Es war nach Mitternacht, als sich der Kabarettist verabschiedete.

Wie schafft es der 49-Jährige, ein vierstündiges Programm so kurzweilig zu gestalten, dass mancher im bis zuletzt vollen Haus gern noch eine weitere Stunde gelauscht hätte? Eigentlich erzählt Rether ja gar keine Witze. Immer wieder räumt er es selbst ein: „Das ist doch nicht lustig“, während das Publikum nicht an sich halten kann. Kritiker werfen ihm das mitunter vor. Er säße ja nur da, auf dem Drehstuhl, im Anzug, am Flügel, und liste einfach nur stundenlang auf, was alles schieflaufe auf der Welt. Aber gut: Das dauert halt auch.

Der Youtuber Rezo ist ein Thema

Den Programmtitel „Liebe“ – seit 2003 unverändert – aktualisiere er nicht, weil ihn Neuigkeiten kaum interessierten. Wir seien ja schließlich schon mit den „Altigkeiten“ überfordert. Dabei thematisiert Rether durchaus Aktuelles. Über die „Zerstörung der CDU“ des Youtubers Rezo, dem Video der Stunde, und auch über die Popularität der Aktivistin Greta Thunberg freue er sich. Der Mann steht mit Thunbergs Thesen ja auch schon länger auf der Bühne, als sie auf der Welt ist: „Ich habe schon sieben CDs mit Greta-Thunberg-Texten aufgenommen.“ Zu den Gegenspielern, etwa jenen aus der CSU, also Scheuer, Dobrindt und Seehofer, befindet Rether: „Dieser Franz Josef Strauß ist auch täglich froh, dass er tot ist.“

Hagen Rether schlägt die Zuschauer in seinen Bann, weil er pointiert und gelassen Augenfälligkeiten aufzählt, die man längst verdrängt, an die man sich gewöhnt hat. Talkshows hätten mittlerweile Untertitel wie Wahlplakatsprüche von Rechtsradikalen. Merkel habe vor dreieinhalb Jahren Maria und Josef einen Stall angeboten und werde nun dafür im christlichen Abendland gekreuzigt. „Die lustigen Vögel im Vatikan“ behaupteten, alle Menschen seien gleich: „Das glaube ich erst, wenn es die erste schwarze lesbische Päpstin gibt.“ Aber der Veganer weiß, dass die Schuld nicht nur bei denen da oben liegt. Die nach Deutschland zurückgekehrten Wölfe würden jetzt abgeknallt, weil wir die Schafe selbst fressen wollen. Nach dem Grillen schimpfe man über den Kommerz im Fußball, jubele dabei aber Milliardären, Oligarchen und Steuerhinterziehern zu.

Im Grunde ist Hagen Rether wie das Kind in Hans Christian Andersens „Des Kaisers neue Kleider“. Nur dass das Volk ums Verrecken nicht einsehen will, dass der Kapitalismus nackt ist. Um 23.55 Uhr greift der Pianist dann zum ersten Mal in die Tasten und spielt noch ein Weilchen. Vielleicht ist es Zufall, vielleicht soll es uns aber auch sagen: Fünf vor Zwölf – Zeit zu handeln.