Es ist sehr lange her, doch Günter Schweikardt erinnert sich noch ganz genau an den größten Tag seiner aktiven Handball-Karriere. Im Dress von Frisch Auf Göppingen feierte er 1972 mit einem 14:12-Endspielsieg gegen den VfL Gummersbach in Böblingen den Gewinn der deutschen Meisterschaft. „Das waren wahre Handball-Schlachten gegen VfL-Spieler, die die Statur von Bären hatten“, sagt der 73-Jährige. Längst ist er zu seinem Heimatverein zurückgekehrt und beim TVB Stuttgart als Leiter für Sport- und Nachwuchskoordination tätig. Wenn es an diesem Donnerstag (19.05 Uhr) für den TVB um Bundesligapunkte in Gummersbach geht, rückt die Nostalgie in den Hintergrund: „Es ist ein großer Gewinn für den Handball, dass der VfL wieder in der Bundesliga spielt, aber für uns geht es nur darum, die ersten Punkte einzufahren.“
Abstieg 2019 als Tiefpunkt
Den 0:8 Punkten des TVB stehen 6:2 Zähler des Aufsteigers gegenüber. Das Team von Trainer Gudjon Valur Sigurdsson legte einen beeindruckenden Start hin. Der Mythos lebt – mehr denn je. Dabei hätte die Geschichte des lange Zeit erfolgreichsten Handballclubs der Welt am 9. Juni 2019 auch zu Ende sein können. An diesem Tag stieg der VfL zum ersten Mal in seiner Geschichte in die zweite Liga ab, mit vier Millionen Euro Schulden im Gepäck. Das Wort Insolvenz geisterte durch die Stadt im Oberbergischen Land, die unverbrüchlich mit einer Sportart verbunden ist, ähnlich wie Schifferstadt mit Ringen oder Tauberbischofsheim mit Fechten.
Zwischen 1966 und 1991 räumte der VfL reihenweise Titel ab: zwölf deutsche Meisterschaften, fünf DHB-Pokalsiege und zehn Europapokaltitel. Der ehemalige Macher Eugen Haas war damals ein Vordenker in Sachen Handball und seiner Zeit oft ein Stück voraus. Er lotste nicht nur Weltstar Hansi Schmidt nach dessen Flucht aus Rumänien zum VfL, er hatte auch den Blick für Talente wie Joachim Deckarm, Andreas Thiel und Erhard Wunderlich, die in Gummersbach zu internationalen Topstars reiften.
Eugen Haas und die Familie Brand
Neben dem 1995 verstorbenen Haas spielte die Familie Brand die entscheidende Rolle, wenn es darum geht, den Mythos VfL zu erklären. Klaus, Jochen und Heiner hatten das Talent ihres Vaters Erwin geerbt, die größte Karriere machte der jüngste Sohn Heiner. Die WM-Titel 1978 als Spieler und 2007 als Trainer machten ihn zur Lichtgestalt des deutschen Handballs. Es passt ins Bild, dass auch die ewige Bundesliga-Torschützenliste immer noch von einem Spieler angeführt wird, der von 1996 bis 2006 das VfL-Trikot trug: Kyung-Shin Yoon erzielte 2905 Treffer.
Diese beeindruckenden 158 Jahre Vereinsgeschichte und 82 Jahre Handballhistorie wollte man in Gummersbach vor drei Jahren nicht einfach aufgeben. Also tilgten Gesellschafter und Sponsoren drei Viertel der Schulden, die Ausgaben wurden radikal reduziert. Zum Zwecke des Neuanfangs ging’s runter in Liga zwei. Der 2020 engagierte Trainernovize Sigurdsson erwies sich als Volltreffer. Im dritten Anlauf klappte es mit dem Aufstieg. „Das war der richtige Zeitpunkt für die Rückkehr des VfL. Wir haben eine gute Mischung aus einem eingespielten Team und guten Neuzugängen“, sagt der Manager Christoph Schindler (39). Rückraumspieler und Aushängeschild Julian Köster (22), die größte Nachwuchshoffnung des deutschen Handballs, gehörte bereits zur Aufstiegsmannschaft und verlängerte genauso wie der Trainer seinen Vertrag vorzeitig bis 2025. Von den neuen Kräften schlug Dominik Mappes fantastisch ein: Der vom Zweitligisten TV Hüttenberg gekommene Spielmacher führt nach vier Spieltagen die Bundesliga-Torjägerliste mit 40 Treffern an.
Große Euphorie
Die Euphorie in Gummersbach ist groß, der Dauerkartenrekord (1700) wurde gebrochen. „Die Leute lechzen nach dem VfL, weil man sich mit der jungen Mannschaft identifiziert. Aber wir bleiben auf dem Boden und an unserem Ziel Klassenverbleib ändert sich nichts“, sagt Schindler, der nach seinem Karriereende 2017 nahtlos ins Management geglitten war und den neuen Kurs in der „Heimat des Handballs“ maßgeblich vorgab.
„Wir sind stolz auf diese Tradition, aber sie bezahlt keine Rechnungen – und sie schießt auch keine Tore“, sagt Schindler. Würde das so sein, wäre der TVB Stuttgart an diesem Donnerstag vollkommen chancenlos. Doch auch so wird es eine knifflige Aufgabe. „Der VfL hat bestimmt mehr Selbstvertrauen als wir, aber unsere Mannschaft hat die Fähigkeit, dieses bestimmt heiße Spiel zu gewinnen“, sagt Schweikardt, der Mann, der sich mit Handballschlachten gegen Gummersbach auskennt.