Handball-Weltmeisterschaft Die Berliner Säulen des deutschen Handballs

Von Jürgen Frey 

Paul Drux und Fabian Wiede spielen für die Füchse Berlin und sind die großen Stützen der deutschen Mannschaft. Was macht die beiden Rückraumspieler aus dem Fuchsbau so stark? Was ist das Geheimnis der Füchse, dass sie solch herausragende Handballer ausbilden?

Der überragende Mann in der Hauptrunde spielt in Berlin: Fabian Wiede. Foto: dpa
Der überragende Mann in der Hauptrunde spielt in Berlin: Fabian Wiede. Foto: dpa

Köln - Hundert Journalisten, Dutzende von Kameras und Mikrofonen. So ein Medientermin nach einem WM-Halbfinaleinzug zieht die Aufmerksamkeit auf sich. Bob Hanning genießt Auftritte im Rampenlicht. „Es ist etwas Unglaubliches, was das stattgefunden hat“, sagte der Vizepräsident des Deutschen Handballbundes (DHB). Der Mann war stolz wie Oskar. Auf die Mannschaft im Allgemeinen und auf zwei Spieler im Speziellen: Auf Fabian Wiede (24) und Paul Drux (23). Wiede legte beim 22:21 gegen Kroatien ein perfektes Spiel auf die Platte: Sechs Würfe, sechs Treffer, dazu geniale Anspiele. Auch Drux setzte mit Mut und Körpereinsatz Akzente. Das Berliner Duo wird vor dem letzten Hauptrundenspiel gegen Spanien an diesem Mittwoch (20.30 Uhr/ARD) im Kampf um die WM-Medaillen immer wertvoller, erst recht nach dem Kreuzbandriss von Spielmacher Martin Strobel.

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Hannings ein Hellseher?

Wird Hanning auf die zwei Spieler angesprochen, huscht ein Lächeln über sein Gesicht. „Sie sind für mich wie meine eigenen Kinder“, sagt er. Beide hat der 50-Jährige im Alter von 15 Jahren in den Fuchsbau geholt. Drux aus Gummersbach. Wiede vom VfL Potsdam. Beide hat er in Jugend vier Jahre lang trainiert. Gemeinsam hamsterten sie Titel um Titel im Nachwuchsbereich. Als Füchse-Geschäftsführer freute sich Hanning später über den gemeinsamen Gewinn des EHF-Pokals (2015, 2018) und der Club-WM (2015, 2016). Und jetzt? Jetzt stehen sie mit der Nationalmannschaft möglicherweise vor dem ganz großen Wurf.

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Man muss Hanning fast schon hellseherische Fähigkeiten zuschreiben. Denn schon 2014 hatte er prognostiziert: „Paul und Fabian können als die größten Talente im deutschen Handball die Gesichter bei den Olympischen Spielen 2020 werden.“ Nun sind sie auf einem guten Weg, es schon ein Jahr früher zu werden. Drux und Wiede sind Paradebeispiele für das Berliner Modell: Stars werden gemacht, nicht gekauft. Das Schöne daran: Die deutsche Nationalmannschaft profitiert davon.

Knallharte Arbeit steckt dahinter

Es steckt aber ein Berg von Arbeit dahinter, bis es zum Durchbruch kommt. Das zeigt das Beispiel Wiede. Den ersten Lockruf von Hanning hatte er noch dankend abgelehnt. Der Stress, die Arbeit in Füchsetown, dem Trainingszentrum des Clubs, erschien ihm in früher Jugend zu anstrengend. „Dann haben wir mit den Füchsen in Potsdam mit 15 Toren gewonnen, er kam auf mich zu und sagte: Ich will auch gewinnen lernen.“

Gewinnen lernen ist einer der Kernaspekte der Berliner Talentschmiede. Aber längst nicht alles. Wiede war kein einfacher Typ. „Als großer Individualist hatte er Riesenprobleme in der Mannschaft“, erinnert sich Hanning. Doch er bekam es hin, dass der damalige Teenager zu einem verantwortungsbewussten Menschen heranreifte. Wie? „Über den ganzheitlichen Ansatz“ wie es Hanning nennt. Dem Handball-Nachwuchs werden in Berlin nicht nur Praktika und Ausbildungsplätze vermittelt (Wiede lernte Bankkaufmann). Es gibt auch Benimmkurse: Wie esse ich mit Messer und Gabel? Mütze ab beim Essen, nicht in Badelatschen zum Essen kommen. Knigge lässt grüßen. Schwänzt einer mal die Schule, geht es für einen Tag zum Arbeiten bei der Müllabfuhr. Dort sollen die Spieler begreifen, welch ein Privileg es ist, eines Tages als Handballer sein Geld zu verdienen. Diese harte Schule haben Wiede und Drux reifen lassen.

Krankenakten so dick wie ein Telefonbuch

Was die beiden ebenfalls verbindet, ist ihre dicke Krankenakte: Immer wieder haben sie in ihrer Laufbahn Verletzungen zurückgeworfen. Wiede hatte sich vergangenen Oktober in Doha beim Finale um den Weltpokal eine Bänderverletzung zugezogen. Erst Ende November feierte er sein Comeback in der Bundesliga. Kollege Drux kam nach einer Sprunggelenk-Operation im Oktober sogar erst Anfang Dezember wieder zurück aufs Feld. „Ihre Willensstärke ist einzigartig“, lobt auch ihr Vereinstrainer Velimir Petkovic die beiden Rückraumasse.

Bei Wiede kommt zu seinem knallharten Wurf und seinem strategischen Geschick noch eine ganz besondere Gabe hinzu: Wenn die Spiele Spitz auf Knopf stehen, nur noch ein paar Sekunden zu spielen sind und dringend ein Tor her muss, dann packt er seine besten Würfe aus. „Ich werfe so lange, bis der Trainer mich auswechselt. Ich bin einfach ein Typ, der keine Hemmungen hat“, erklärt Wiede – und ergänzt: „Ich habe schon immer gerne Verantwortung übernommen.“ Es ist kein Zufall, dass es auch Paul Drux ein Typ ist, der gerne Entscheidungen trifft.

Aus dem Fuchsbau kommt noch mehr

Gelernt haben sie das alles in der Talentschmiede Fuchsbau. Und Lehrmeister Hanning gibt am Ende des Medientermins im kleinen Kreis dann sogar noch ein Versprechen für die Zukunft ab: „Die nächste Generation Drux und Wiede ist schon geboren. Unser Jahrgang 2002 ist allererste Sahne.“ Das hört sich gut an für den deutschen Handball, völlig unabhängig vom weiteren Turnierverlauf. Und ist anderen Vereinen zur Nachahmung durchaus zu empfehlen.