Auch eine Möglichkeit, aktiv zu werden: Klimaprotest Foto: imago/IPON
In Deutschland gibt es große Zustimmung für Maßnahmen zum Klimaschutz, im CO2-Fußabdruck schlägt sich das aber kaum nieder. Was uns vom Handeln abhält und was sich Einzelne zumuten sollten, erklärt die Klimapsychologin Janna Hoppmann.
Deutschland gilt nicht gerade als veränderungsfreudiges Land. Über Veränderung werde zu oft als Bedrohung und zu selten als Chance gesprochen, sagte die Zukunftsforscherin Florence Gaub kürzlich in einem Interview mit der „Zeit“. Wie wir über den Klimawandel reden, hätte aber nur geringen Einfluss darauf, ob und wie wir handeln, sagt die Klimapsychologin Janna Hoppmann. Was uns dabei stattdessen beeinflusst, erklärt sie im Interview.
Frau Hoppmann, das vergangene Jahr war das wärmste seit Beginn der Aufzeichnungen, und gerade waren die Temperaturen wieder ungewöhnlich hoch. Wie stellen Sie sich unsere Welt in 30 Jahren vor?
Da sehe ich uns, ehrlich gesagt, in einer Welt, die ziemlich anders aussieht als die heutige – im Negativen. Es kommt auf jedes Zehntel Grad an, aber wir sind schon sehr spät dran, um gravierende Folgen an Biodiversität und Klima einfach abzuwenden.
Ich hatte eigentlich erwartet, dass Sie mich überzeugen, dass es schon nicht so schlimm werden wird.
Ich habe durchaus Hoffnung. Die Zukunft ist noch nicht geschrieben. Es kommt auf uns an, welche Zukunft wir erschaffen wollen. Jeder Mensch auf dieser Welt bringt etwas mit: Macht, Einfluss, Leidenschaften, Fähigkeiten, Interessen oder Neugier. In dem Rahmen kann jeder das tun, was im eigenen Handlungsspielraum liegt. Nicht weniger – aber auch nicht mehr. Und wenn es zu viel wird, sollte man direkt eine Pause machen. Wenn man sich zu viel drängt, droht vielleicht eine Angststörung, eine Depression, ein Aktivisten-Burn-out. Der Kampf gegen den Klimawandel ist ein Marathon, da ist es wichtig, seine eigenen Fähigkeiten richtig einschätzen zu können.
Prinzipiell ist der Großteil der Menschen in Deutschland für mehr Klimaschutz, wie Umfragen immer wieder ergeben. Im CO2-Ausstoß sinkt trotzdem kaum. Warum kommen wir Menschen nicht in die Gänge?
Es gibt eine Reihe wesentlicher psychologischer Faktoren, die eine Rolle spielen. Werte sind dabei oft wichtiger als Wissen. Wenn Menschen den Klimawandel leugnen, hat das oft mit der sozialen Identität zu tun. Man verbringt Zeit mit bestimmten Menschen, bei denen bestimmte Werte und Wahrheiten vorherrschen. In so einem Umfeld fällt es schwer, sich für den Klimaschutz einzusetzen. Wir Menschen sind Herdentiere, wir orientieren uns gerne an dem, was andere Menschen sagen, wir wollen nicht abgelehnt werden.
Was hält uns noch vom Handeln ab?
Oft geht es auch um Selbstwert und Selbstwertschutz. Da dreht sich viel um die Frage: Wie kann ich eigentlich in den Spiegel gucken? Es geht um Schuld und Scham. Ich glaube, dass dieses Thema unglaublich unterschätzt wird. Wenn es mir gar nicht erst ermöglicht wird, neu zu starten, ohne dass ich mein Krönchen verliere, dann komme ich im Zweifelsfall in eine Leugnung. Das heißt: Ich brauche einen Ausweg, um mit Fehlern der Vergangenheit – also etwa CO2-intensives Verhalten – umgehen zu können, ohne dafür verurteilt zu werden. Wir brauchen ein gesellschaftliches Momentum, in dem wir sagen, es ist zwar nicht egal, was wir in der Vergangenheit getan haben, aber unabhängig davon sollten wir alle ins Handeln kommen, und genau heute ist der richtige Zeitpunkt dafür.
Janna Hoppmann Foto: Klara Yoon
Manche fühlen sich auch einfach überfordert.
Solche Gefühle sind ein entscheidendes Thema. Wenn man nur negative Gefühle im Zusammenhang mit dem Klimawandel kommuniziert, dann führt uns das potenziell in eine Ohnmachtsfalle, im Sinne von: „Es ist alles nur Schlimm, ich kann gar nichts tun.“ Wichtig ist, dass wir zusätzlich zu dieser Risikowahrnehmung auch etwas kommunizieren, was uns angenehme Gefühle verschafft, Chancen, Möglichkeiten, Hoffnungen, Verbundenheit mit der Natur vielleicht. Denn was uns langfristig motiviert, sind ganz besonders die angenehmen Gefühle.
Wie viel Verantwortung trägt jeder Einzelne?
Wir sollten wieder lernen, dass es nicht darum geht, als Egos immer das zu tun, wonach uns gerade ist, sondern dass jeder von uns als Teil der Gesellschaft einen Teil der Verantwortung trägt. Gleichzeitig kann niemand alles schultern. Es würde auch niemand auf die Idee kommen, ein Fußballspiel alleine meistern zu können. Ein Stürmer oder ein Torwart alleine wird das Spiel nicht gewinnen. Man braucht die verschiedenen Positionen, die verschiedenen Rollen. So ist es auch in der Gesellschaft. Wenn wir zu so einem Gemeinschaftsverständnis kommen, macht uns das auch resilient, also widerstandsfähig gegen Krisen.
Das heißt, weniger Egoismus verteilt die Lasten besser?
Genau. Es war auch ein fundamentales Missverständnis, so lange auf das Individuum zu gucken, auf den einzelnen Fußabdruck und was jeder falsch macht. Wir dürfen unsere eigene individuelle Bedeutung nicht überschätzen. Niemand kann alleine die Welt ändern, auch Bundeskanzler Olaf Scholz nicht, wir brauchen immer noch andere Menschen. Wir sind alle einzelne Tröpfchen. Erst wenn wir uns zusammenschließen werden wir irgendwann zu einem Ozean – zu einer Bewegung, die Großes verändern kann. Wenn wir dieses Gefühl schaffen, dass wir gemeinsam mit gegenseitiger Unterstützung etwas bewegen können, sind wir gegen nahezu alle Krisen besser ausgestattet als jetzt gerade.
Die Klimapsychologin
Werdegang Janna Hoppmann studierte Psychologie an der Freien Universität Berlin. In ihrer Masterarbeit spezialisierte sie sich auf die Psychologie des Klimaschutzes und der Klimakommunikation. Kurz nach dem Abschluss machte sie sich als Klimapsychologin mit dem Unternehmen Climate Mind selbstständig.