Seit fast 20 Jahren steuert Stefan Leibfried seine Zimmerei in Vaihingen an der Enz durch Tiefen und Höhen. Sein Betrieb ist beispielhaft für das Handwerk im Landkreis, er hat acht Mitarbeiter, darunter seine zwei Söhne und einen Schwiegersohn. Egal ob der Kollaps der Finanzmärkte 2008 oder die Corona-Pandemie, Herausforderungen habe es immer wieder gegeben, sagt Leibfried – „aber uns Handwerker wird es immer brauchen“. Auch auf die aktuelle Baukrise blickt der Innungsobermeister noch gelassen. „Momentan sieht es noch ganz gut aus, das kann sich aber schnell ändern.“
Die Lage des Handwerks gibt Aufschluss über die wirtschaftliche Gesamtsituation im Kreis und hat gleichzeitig Bedeutung für den persönlichen Lebensbereich aller Kreisbewohner. Trotz Pandemie, hohen Rohstoffpreisen und geringer Bautätigkeit ist die Auftragslage im Handwerk immer noch gut. Zwar gibt es einige sorgenvolle Blicke in die Zukunft, die Stimmung ist aber optimistisch. Das Handwerk im Speckgürtel Stuttgarts hat in unsicheren Zeiten einen besonderen Vorteil – aber auch einen großen Nachteil.
So liefen die vergangenen 10 Jahre
„Bis Corona hat es im Handwerk gebrummt“, sagt Albrecht Lang, Kreishandwerksmeister Ludwigsburgs. Maurer, Schreiner und Zimmerer profitierten vom Bau-Boom, dem „Betongold“, so Lang. Aber auch Bäcker, Metzger und Friseure freuten sich über eine Kreisgesellschaft, die das Geld locker sitzen hatte. Dann folgte die Pandemie, welche die Gewerke ganz unterschiedlich getroffen habe, so Lang. Während Zimmerer und Maurer ihrer Arbeit nachgehen konnten, wurden Friseure derweil an den Rand des Abgrunds gedrängt. „Auch Sanitärbetriebe hatten es schwer, weil die Kunden keine Leute im Haus haben wollten.“
Nach der Pandemie folgte die Zinswende und damit der Einbruch von Neubauprojekten. Die Hans-Böckler-Stiftung geht davon aus, dass 2024 deutschlandweit nur 177 000 neue Wohnungen gebaut werden, 2022 waren es 295 000, das Ziel der Bundesregierung liegt bei 400 000. Auch im Kreis werden Projekte gestrichen. Die Wohnungsbau Ludwigsburg gab bekannt, dass sie rund 350 geplante Wohnungen nicht realisieren wird.
„Rohbau-Betriebe wie Maurer haben jetzt natürlich zu kratzen“, sagt Albrecht Lang. Eine Insolvenz durch die Baukrise ist dem Verband aber nicht bekannt. Besser sei die Situation beim Sanitär, den Zimmerern, Dachdeckern, Elektrikern und Malern. Denen schade die Baukrise bisher kaum, da sie genug mit Sanierungen, Reparaturen und Ausbauten zu tun hätten, sagt Lang.
Auch Stefan Leibfried aus Vaihingen hat erst einen Auftrag für eine Dachsanierung reinbekommen. Außerdem steht eine Dachaufstockung und der Einbau von Dachfenstern an. Er habe immer eine gute Mischung aus Neubau-Aufträgen und Sanierungen gehabt, sagt Leibfried. Das komme ihm und vielen anderen Zimmerern jetzt zugute. Mit Blick in die Zukunft zeigt er sich jedoch durchaus besorgt: Falls die Baukrise anhalte, müssten immer mehr Betriebe um die Sanierungsaufträge buhlen. Das Ergebnis wäre ein Preiskampf, der der gesamten Branche schaden würde.
Großer Nachteil im Stuttgarter Speckgürtel
Albrecht Lang glaubt nicht, dass es so weit kommt. Die Zinswende sei erst einmal ein Schock gewesen, doch der Neubau werde sich wieder einpendeln. Und selbst wenn der Neubau weiter schwächelt, im Stuttgarter Speckgürtel gebe es einen großen Standortvorteil: Der Kreis hat eine hohe Einwohnerzahl, von denen viele das nötige Kleingeld besitzen, um es in ihr Eigentum – aber auch in gute Backwaren und Metzgerprodukte – zu investieren.
Die Lage im Stuttgarter Umland hat jedoch auch einen Nachteil. Anders als im ländlichen Raum konkurriert das Handwerk im Wettbewerb um Fachkräfte hier mit angesagten Weltmarken wie Mercedes, Porsche, Bosch und Trumpf. Die Suche nach Fachkräften sei immer noch das Überthema und überstrahle alle anderen Probleme, sagt der Kreishandwerksmeister.
Zum einen gibt es zu wenig Nachwuchs, zweitens verlassen viele Fachkräfte nach wenigen Jahren den Beruf. Die Personalsituation ist in Baden-Württemberg mittlerweile so angespannt, dass der Zeitraum zwischen geplanter und tatsächlicher Einstellung eines Handwerkers auf durchschnittlich 213 Tage angestiegen ist.
Der Optimist Albrecht Lang scheint bei der Fachkräftefrage ratlos. „Wir haben schon so viel ausprobiert, doch nichts hat geholfen. Der Ausbildungsmarkt im Kreis gleicht einer ausgepressten Zitrone.“ Dabei biete das Handwerk einen familiären Rahmen, die Mitarbeiter würden täglich erleben, was sie leisten.
Das öffentliche Bild des Handwerks habe sich zwar über die vergangenen Jahre verbessert, sagt Stefan Leibfried aus Vaihingen – der Arbeitsmarkt hätte davon aber nicht profitiert. Er sieht die Ursache nicht nur beim ausgepressten Ausbildungsmarkt, sondern auch bei den Eltern: „In den Augen vieler Eltern sind ihre Kinder schon beim Tag der Geburt zukünftige Generaldirektoren.“
Das Handwerk im Überblick
Handwerksverbände
Die Kreishandwerkerschaft ist der Dachverband der örtlichen Innungen. Sie repräsentiert auf regionaler Ebene den Zusammenschluss der Innung Sanitär und Heizung, der Schreiner-Innung und vielen mehr. Die Handwerkskammer ist derweil eine Körperschaft des öffentlichen Rechts und vertritt die Gesamtheit des Handwerks vor Politik und Wirtschaft.
Das Handwerk im Kreis
Laut Kreishandwerkerschaft gibt es rund 5500 Handwerksbetriebe im Landkreis. Zwar gibt es keine genauen Daten, die Kreishandwerkerschaft geht jedoch davon aus, dass jeder Betrieb um die fünf Mitarbeiter hat. Das macht rund 27 000 Menschen, die im Handwerk des Kreises arbeiten – das sind rund 13 Prozent aller Erwerbstätigen.