Die Autoindustrie hat Hardware-Updates immer kritisch gesehen. Nun erhält sie Zu- und Widerspruch: Ein Gutachter widerspricht mit seiner technischen Einschätzung fundamental einem anderen Gutachter aus dem Kreis der Fachleute, die die Bundesregierung beauftragt hat.

Korrespondenten: Markus Grabitz (mgr)

Brüssel - Sehr teuer, technisch nicht ausgereift und für Großserien noch lange nicht geeignet. Dieses Urteil fällt ein Gutachter, der die Hardware-Nachrüstungen bei Dieselautos im Auftrag der Bundesregierung unter die Lupe nehmen soll: Das Gutachten, das Thomas Koch vom Karlsruher Institut für Technik (KIT) Mitte Februar der Bundesregierung übergeben soll, ist noch unter Verschluss. Doch der Wissenschaftler hat jetzt bei einer hochkarätig besetzten öffentlichen Konferenz seines Instituts für Kolbenmaschinen schon einmal grundsätzlich die Katze aus dem Sack gelassen: Koch hat größte Bedenken, ob die angebotenen Nachrüstlösungen serienreif sind. Es koste je Fahrzeug mindestens 5000 Euro und es gebe zahllose technische Herausforderungen bei den angebotenen Prototypen, die noch gelöst werden müssten. Bis die Technik Serienreife habe, werde vermutlich noch mehr als ein Jahr vergehen, prognostiziert Koch.

In der immer hitziger geführten Debatte um Fahrverbote fordern Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) und Umweltlobbyisten wie die Deutsche Umwelthilfe (DUH) vehement, ältere Dieselfahrzeuge mit einem so genannten SCR-Katalysator auszustatten. Dies sei eine Lösung, um die Stickoxid-Belastung in den Innenstädten in den Griff zu bekommen. So könnten für Besitzer älterer Dieselfahrzeuge noch Fahrverbote abgewendet werden, die die Gerichte womöglich schon bald verhängen werden. Die Autoindustrie und das Bundesverkehrsministerium hatten Hardware-Nachrüstungen immer kritisch gesehen. Die Hersteller setzen stattdessen darauf, die Probleme mit dem überhöhten Stickoxid-Ausstoß durch Software-Updates in den Griff zu bekommen.

Ein anderer Gutachter sieht die Kosten deutlich niedriger

Koch, der in der Szene als unerschütterlicher Anhänger der Diesel-Technologie gilt, widerspricht mit seiner technischen Einschätzung fundamental einem anderen Gutachter aus dem Kreis der Fachleute, die die Bundesregierung beauftragt hat. Georg Wachtmeister von der TU München kommt zu dem Fazit: SCR-Katalysatoren seien „eine sehr effiziente Maßnahme zur Emissionsreduzierung“, schreibt der „Spiegel“. Deshalb mache sich Wachtmeister dafür stark, diese Technologie zur Nachrüstung von Euro-5-Diesel-Fahrzeugen vorzuschlagen. Laut Wachtmeister betragen die Kosten für die Nachrüstung je Fahrzeug nur 1300 Euro. Damit würden sie nur einen Bruchteil dessen kosten, was sein Kollege Koch annimmt.

Es geht letztlich auch um ein großes Geschäft. Ein deutscher Zulieferer, der bereits bei der Nachrüstung von Dieselfahrzeugen mit Rußpartikelfiltern viel Geld umgesetzt hat, hat einen Prototyp für den Diesel-Katalysator entwickelt. Sollte sich die Technologie als ausgereift und bezahlbar herausstellen, und sollten sich die Behörden für eine Nachrüstlösung aussprechen, würden viele Aufträge winken. Ungeklärt ist allerdings, wer dafür zahlen müsste. Die Industrie wehrt sich dagegen und verweist darauf, dass sie die Software-Updates für ausreichend hält.

Millionen von älteren Dieselfahrzeugen sind betroffen

Das Bundesverwaltungsgericht könnte schon am 22. Februar sein Urteil über mögliche Fahrverbote für Dieselfahrzeuge sprechen, die hohe Stickoxid-Werte ausstoßen. Betroffen sind Millionen Autos der Euro-Normen 5 und 6. Sollten Fahrverbote kommen oder sollte sich die Bundesregierung für die Einführung einer blauen Plakette aussprechen, könnten Millionen von älteren Dieselfahrzeugen betroffen sein, deren Wert dann drastisch fällt. Ihre Besitzer könnten mit der Lage konfrontiert sein, dass sie beim Einkauf oder bei der Fahrt zum Arbeitsplatz in der City auf ein anderes Verkehrsmittel umsteigen müssen.

Koch hält es prinzipiell für möglich, eine Nachrüstlösung zu finden. Er widerspricht aber der Vorstellung, Nachrüstlösungen seien „mit geringem Aufwand darstellbar und einsetzbar“. Koch spricht von einem hohen „Projektrisiko“. Ingenieure stünden noch vor großen Herausforderungen, um die Nachrüstlösung zur Serienreife zu bringen. Dafür sei noch ein Aufwand nötig, der allenfalls zu vergleichen sei mit dem bei einer kompletten Neuentwicklung einer Emissionsstufe. „Die Machbarkeit aus Sicht einer Großserie ist die Herausforderung“, sagte Koch. Es sei zudem unklar, ob in den betroffenen Modellen überhaupt genügend Platz vorhanden ist, um die zusätzlichen Bauteile unterzubringen. Im Übrigen müsse man wissen, dass der Kraftstoffverbrauch mit der Technologie um fünf Prozent steige. Der Krieg der Gutachter kann jedenfalls als eröffnet gelten.