„Haus der Kunst“ Schaut uns da der Nazi an?

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München diskutiert über die Sanierung des Hauses der Kunst. David Chipperfield, der den Umbau plant, muss sich dabei gegen den Vorwurf der „Renazifizierung“ des Gebäudes wehren. Eine Fixierung auf den Bau allein führt indes in die Irre.

So stellt sich  David Chipperfield das  Haus der Kunst in Zukunft vor. Vor dem Bau, wo sich heute eine Tunnelöffnung befindet, imaginiert der Architekt einen städtischen Platz. Über den Säulen die jiddische Inschrift von Mel Bochner aus dem Jahr 2013. Foto: Chipperfield Architects
So stellt sich David Chipperfield das Haus der Kunst in Zukunft vor. Vor dem Bau, wo sich heute eine Tunnelöffnung befindet, imaginiert der Architekt einen städtischen Platz. Über den Säulen die jiddische Inschrift von Mel Bochner aus dem Jahr 2013. Foto: Chipperfield Architects

München - Der Satz des bayerischen Landtagsabgeordneten Sepp Dürr könnte Eingang ins Lexikon der geflügelten Worte finden: „Ja wie?“, polterte der Grüne im Landtag, „da steh ich dann und schau direkt den Nazi an. Und der schaut mich an.“ Der Nazi, das ist das Münchner Haus der Kunst, 1937 unter Hitler zu propagandistischen Zwecken als Haus der Deutschen Kunst eröffnet. Und der Grund für Dürrs Erregung, das sind die Sanierungspläne des Architekten David Chipperfield für das marode Ausstellungshaus an der Prinzregentenstraße, über die in München heftig bis hysterisch gestritten wird. Denn was der Brite vorschlägt, trifft die „deutsche Erinnerungskultur“ nach Meinung ihrer Hüter ins Mark: Die Baumreihe vor dem Gebäude, die zumindest den Sommer über den einstigen braunen Kunsttempel gnädig verhüllt, soll verschwinden, die über die gesamte Länge des Baus reichende Freitreppe dafür neu entstehen, das ganze Haus durchlässiger werden, um die städtebauliche Verbindung zwischen Hofgarten und Englischem Garten zu stärken.

Entworfen wurde das Haus der Kunst von Paul Ludwig Troost, dem Lieblingsarchitekten des Führers, im grobianischen Monumentalklassizismus, den die NS-Diktatur für ihre Repräsentationsbauten bevorzugte: Ein 175 Meter langes Gebäude mit kolossalem Säulenportikus, in dem die Blut-und-Boden-Schinken der National­sozialisten präsentiert wurden. Die parallel stattfindenden Gegenausstellungen in den Hofgartenarkaden zeigten derweil, was der Staat damals als „Entartete Kunst“ diffamierte – Expressionismus, Surrealismus, Kubismus und Neue Sachlichkeit.

Ein Vorzeigebau der Nazis und dann dieser pietätvolle Umgang mit der Architektur? Nach Bekanntwerden des Chipperfield-Konzepts schlugen die Wogen der Empörung an der Isar hoch. Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, bezichtigte die Architekten, der Geschichtsvergessenheit Vorschub zu leisten, der Architekturhistoriker und Direktor des Münchner NS-Dokumentationszentrums, Winfried Nerdinger, warf ihnen „historische Unbedarftheit“ vor und verstieg sich sogar zu der Behauptung, dass das Chipperfield-Projekt „die äußere und innere Renazifizierung des Hauses der Kunst zum Programm macht“. Begonnen habe diese Renazifizierung im Übrigen bereits mit dem „kritischen Rückbau“ einiger Innenräume unter Chris Dercon, von 2003 bis 2011 Direktor des Hauses der Kunst (und inzwischen Leiter der Berliner Volksbühne). „Fehlt nur noch die Hakenkreuzfahne“, echauffierte sich der „Tagesspiegel“ aus der fernen Hauptstadt. Die „Süddeutsche Zeitung“ forderte derweil Architekturstudenten der TU München auf, alternative Ideen zu Chipperfield zu ent­wickeln, wobei nichts weiter als der erwart­bare Korrektheitskitsch herauskam: vom Baum in der sogenannten Ehrenhalle bis zur kunterbunten Freizeitlandschaft auf dem Dach des Gebäudes.

Gegen symbolische Gesinnungsspektakel

Worum es geht, ist jedoch kein Gestaltungswettbewerb, sondern die dringend erforderliche Instandsetzung der denkmalgeschützten Bausub­stanz: Brandschutz und Klimatechnik sind veraltet, Dach und Fenster zum Teil undicht, die sanitären Anlagen museumsreif.­ Okwui Enwezor, der Chef des Hauses der Kunst, wies die studentischen Vorschläge in einem SZ-Beitrag denn auch kühl als ­irrelevant zurück, und David Chipperfield lehnte in einem „Spiegel“-Interview derlei Gesinnungsspektakel nicht minder kühl als „belanglose symbolische Intervention“ ab, als „irgendwie rhetorische Geste, um das Gebäude zu bestrafen . . . irgendetwas Daniel-Libeskind-Artiges“. Gemeint waren damit die gigantischen Keile, die Libeskind in Dresden durch das Militärhistorische Museum oder Günther Domenig in Nürnberg durch das Dokumentationszentrum auf dem Reichsparteitaggelände getrieben haben.

Weitaus überzeugender als durch solche pädagogischen Teufelsaustreibungen gelang und gelingt die Entnazifizierung des Hauses der Kunst in der täglichen Praxis durch die Künstler und Direktoren dieser Institution, die Hitlers rassistische Kunstideologie seit Nachkriegszeiten mit jeder einzelnen Schau widerlegt haben. So überzog der regimekritische Künstler Ai Weiwei die gesamte Fassade mit bunten Schul­ranzen, um gegen Repression und Korruption des chinesischen Parteiapparats zu protestieren, der Amerikaner Mel Bochner installierte am Architrav über der Säulenreihe ein monumentales, schwarz-gelbes Spruchband mit jiddischen Kraftausdrücken, sein Landsmann Paul McCarthy verwandelte den Bau mit aufblasbaren XXL-Plastikblumen in eine Art überdimensionierten Balkonkasten, der Inder Anish Kapoor ließ eine Großskulptur auf Schienen in Zeitlupe durch die Räume gleiten, wobei die blutrote Mischung aus Vaseline, Pigment und Wachs an den Marmorportalen im Vorbeischrammen jedes Mal Spuren wie Wunden hinterließ. Einen Ariernachweis hätte die Mehrheit dieser Künstler schwerlich erbringen können, ebenso wie der Nigerianer Okwui Enwezor, der die Institution seit 2011 leitet.