Hält sie? Sinkt sie? Um das Wrack der havarierten Costa Concordia schlagen Wind und Spekulationen beträchtliche Wellen.

Rom/Giglio - Wie viel Wein hat der Kapitän zum Dinner getrunken? Tatsächlich eine ganze Karaffe? Und wie genau hängt die Katastrophe mit jener blondierten Moldawierin an seiner Seite zusammen? Je weniger am Freitag - des Wetters und der Bewegung des Wracks wegen - die Bergungsarbeiten an der Costa Concordia vorankamen, umso wilder wogten die Spekulationen der italienischen Medien.

Sicher, so hatte Kapitän Francesco Schettino vor der Staatsanwaltschaft eingeräumt, habe er "einen Fahrfehler" begangen. Er sei eben "Opfer seiner Gedanken" gewesen. Seit die Bilder der 25-jährigen Hostess Domnica C. in der Welt sind, glaubt dieselbe auch zu wissen, woran Schettino gedacht hat. Die Moldawierin selbst sagte im rumänischen Fernsehen, sie sei "keineswegs die Geliebte" des Kapitäns. Sie habe auf dem Schiff nur Urlaub gemacht.

Und auf die Kommandobrücke, wo Zeugen sie gesehen und fotografiert hatten, sei sie erst nach der Havarie gerufen worden, "um für die russischen Passagiere die Notfall-Anweisungen zu übersetzen". Nach den Tagen des Erschreckens hat die Phase begonnen, in denen sich jeder Beteiligte seine Wahrheit zurechtlegt. Nun, nach den ungefilterten, aber womöglich vom Schock getrübten Augenzeugenberichten, beherrschen Anwälte mit ihren strategisch ziselierten Erklärungen die Szene.

Unter den Verrmissten sind 12 Deutsche

Die Untersuchungsrichterin richtet dem Staatsanwalt aus, er habe sich allzu voreilig auf den Kapitän als den einzig Schuldigen eingeschossen. In den Medien fügt sich das Mosaik immer neuer, nie gewichteter, halb dementierter Zeugenaussagen nicht zu einem Bild, sondern wird eher zu einem konturlosen Geflirre. Der Kapitän, im Hausarrest bei seiner Familie, bekommt dort einen Tag um den anderen bestätigt, was für ein Held er gewesen sei.

Und Schettinos Verteidiger fordert gar die komplette Freilassung des Kapitäns, da von diesem - nach seiner Dienstenthebung durch Costa - keine Gefahr einer Tatwiederholung ausgehe. Währenddessen werden im Rumpf der Costa Concordia noch 21 Menschen vermisst, unter ihnen zwölf Deutsche. Die Taucher mussten am Freitag pausieren, aus Sicherheitsgründen: das Wrack liegt nicht stabil auf dem Meeresgrund, sondern labil auf zwei Felszacken; es bewegt sich mit den Wellen - und der Wetterbericht hatte beträchtlichen Nordwestwind vorausgesagt.

Außerdem, so hat es Nicola Casagli von der Uni Florenz vermessen, beginnt sich das stählerne Schiff aufgrund des eigenen Gewichts und der statisch nicht vorgesehenen Seitenlage in sich selbst zu verformen. Am Samstag soll ein Tanker aus Livorno vor der Isola del Giglio eintreffen; dann könnten die holländischen Spezialisten mit dem Abpumpen des Treibstoffs beginnen. Die Feuerwehr will einen ferngesteuerten Tauchroboter unter das Wrack schicken, und dessen Lage genauer untersuchen. Gleichzeitig untersuchen die Einsatzkräfte Vorschläge, die Concordia mit Stahlseilen so an die Klippen zu hängen, dass sie nicht in die Tiefe rutschen kann. Und während die Kriseneinheiten tagen, bereiten die ersten Passagier-Gruppen ihre Sammelklagen gegen Costa vor.