Herbizid im Obst und im Gemüse Glyphosat: Wie stark ist Obst belastet?
Die amtliche Lebensmittelüberwachung in Stuttgart hat mehr als 17 000 Proben untersucht. Nun liegen die Ergebnisse vor.
Die amtliche Lebensmittelüberwachung in Stuttgart hat mehr als 17 000 Proben untersucht. Nun liegen die Ergebnisse vor.
Stuttgart - Meldungen über Rückstände des Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat in Lebensmitteln wie Brot, Haferflocken, Bier oder Honig verunsichern Verbraucher immer wieder. Dabei entsteht regelmäßig Streit, wie relevant die Untersuchungsergebnisse für die Gesundheit tatsächlich sind. Außerdem wird darüber gestritten, wie stark Glyphosat die Umwelt belastet. In Baden-Württemberg testet das Chemische und Veterinäruntersuchungsamt (CVUA) Stuttgart regelmäßig, ob Glyphosat in Lebensmitteln enthalten ist – und wenn ja, in welchen Konzentrationen. Jetzt hat es einen Bericht über die Glyphosatgehalte in Lebensmittel pflanzlichen Ursprungs in den Jahren 2010 bis 2019 vorgelegt. Wir beantworten die wichtigsten Fragen zu dem Mittel.
Wie wird Glyphosat in Deutschland eingesetzt? Im Jahr 1974 hat der damalige US-Agrarkonzern Monsanto, der heute zum deutschen Unternehmen Bayer gehört, Glyphosat unter dem Namen Roundup auf den Markt gebracht. Heute wird es von einer Reihe von Unternehmen in verschiedenen Varianten produziert und verkauft. In Deutschland wird es vor allem eingesetzt, um als Unkrautvernichtungsmittel – Herbizid genannt – landwirtschaftliche Flächen kurz vor der Aussaat von unerwünschten Unkräutern zu befreien. Im Obst- und Weinbau dient Glyphosat dazu, Streifen unter den Bäumen und Stücken unkrautfrei zu halten. In wenigen Ausnahmefällen wird das Mittel außerdem genutzt, um etwa bei Weizen und Raps den Reifeprozess zu beschleunigen – ein Verfahren, das von Experten Sikkation genannt wird. Dabei wird die Pflanze gezielt abgetötet, was zu einer einheitlichen Reifung etwa von Getreidekörnern führt; das Feld lässt sich dann leichter ernten.
Lesen Sie dazu auch unsere Glyphosat-Dokumentation.
Wie wirkt sich das auf den Glyphosatgehalt von Obst und Gemüse aus? Kaum, so das Fazit der CVUA-Untersuchungen. Von 2010 bis Ende 2019 wurden insgesamt 17 222 Proben von Obst und Gemüse auf Rückstände des Herbizids untersucht. Davon lagen nur 78 oberhalb der sogenannten Bestimmungsgrenze von 0,02 Milligramm Glyphosat je Kilo Lebensmittel. Das entspricht einem Anteil von 0,45 Prozent. Interessanterweise stammten sechs Proben aus ökologischem Anbau. Weiterhin wurden in 138 Proben – also 0,8 Prozent – Spuren von Glyphosat gefunden, also Konzentrationen oberhalb der sogenannten Nachweisgrenze, die bei 0,007 Milligramm je Kilo liegt. Wegen der geringen Konzentrationen ist dabei eine exakte Bestimmung des Gehalts nicht möglich. Lebensmittelrechtlich zu beanstanden waren 27 Proben, was 0,16 Prozent entspricht: Hier lagen die gemessenen Konzentrationen über den in der EU zulässigen Höchstwerten. Erfreulich ist, dass in keiner der 132 getesteten Proben von Säuglingsnahrung auch nur Spuren von Glyphosat gefunden wurden.
Wie bewertet das Chemische und Veterinäruntersuchungsamt die Ergebnisse? „Verglichen mit anderen Pestiziden unseres Routinespektrums von über 750 Stoffen stellen eine Detektionshäufigkeit von 0,45 Prozent beziehungsweise eine Beanstandungsquote von 0,16 Prozent insgesamt äußerst geringe Werte dar,“ heißt es in dem Bericht. Eine „akute Gesundheitsschädlichkeit durch Glyphosat“ sei nicht gegeben.
War dieses Ergebnis zu erwarten? Eigentlich ja. In Deutschland wird Glyphosat meist so angewandt, dass es sich in Obst und Gemüse kaum anreichern kann. Das CVUA weist zudem darauf hin, dass gentechnisch veränderte Nutzpflanzen, die mit Glyphosat behandelt werden können, mit Ausnahme von Futtermitteln wie beispielsweise Soja kaum importiert werden. In Deutschland werden keine gentechnisch veränderten Pflanzen kommerziell angebaut.
Welche Waren sind sehr belastet? Auffällig war, dass – wohl wegen der Sikkation – bei Getreide und Getreideprodukten 16 von 521 auf Glyphosat getesteten Proben (drei Prozent) Rückstände von mehr als 0,02 Milligramm pro Kilo gefunden wurden und bei neun Proben (1,7 Prozent) die Höchstgrenzen überschritten wurden. Besonders betroffen waren Buchweizen und Hirse. Nicht mit Glyphosat belastet waren Weizen, Dinkel, Hafer und Roggen, wobei hier die Proben vor allem aus Deutschland stammten. Weiterhin wurde das Herbizid relativ häufig in Leinsamen (21 Prozent), Linsen (15 Prozent) Erdnüssen (13 Prozent) und Kichererbsen (elf Prozent) gefunden.
Wie stark beeinträchtigt Glyphosat die Gesundheit? Darüber streiten die Experten seit Jahren. Im Zentrum der Diskussion steht das Risiko, dass Glyphosat Krebs erregt. Hier kommen verschiedene Institutionen zu unterschiedlichen Einschätzungen. Keine Gefahr sehen unter anderem das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung, die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit sowie die US-Umweltbehörde EPA. Die Krebsagentur der Weltgesundheitsorganisation (WHO) dagegen stufte Glyphosat 2015 als „wahrscheinlich krebserregend“ ein.
Was hat es mit den Prozessen um Glyphosat in den USA auf sich? Hier gibt es Tausende von Klagen von Menschen, die mit Glyphosat direkten Kontakt hatten. So hat zum Beispiel in Kalifornien Edwin Hardeman das Monsanto-Produkt Roundup mehr als zwei Jahrzehnte lang auf seinem Landgut gespritzt. Er erkrankte an Lymphdrüsenkrebs und führt dies auf Glyphosat zurück. 2019 wurden ihm deshalb von einem Gericht in San Francisco 80,3 Millionen Dollar – umgerechnet mehr als 71 Millionen Euro – zugesprochen. Die Summe wurde später auf 25,3 Millionen Dollar reduziert, doch auch dagegen hat die Firma Bayer im Dezember 2019 Berufung eingelegt. Laut Analysten könnte sich Bayer mit den vielen Klägern in den USA auf einen milliardenschweren Vergleich einigen.
Wie wirkt sich Glyphosat auf die Umwelt aus? Von Anwenderseite, also der Landwirtschaft, wird das Herbizid als vergleichsweise weniger umweltschädlich eingestuft. Ökologen bringen Glyphosat aber immer wieder in Zusammenhang mit dem Insektensterben. So verändert einer Studie zufolge das Herbizid die Darmflora von Bienen negativ, was sie anfälliger gegenüber Infektionen macht. Klar ist, dass den Insekten Lebensraum- und Nahrungsressourcen verloren gehen, wenn Unkräuter und Wildblumen nach einer Glyphosatbehandlung absterben.